So gern, wie ein Hase bis zum Fluss hüpfen kann

Es gibt Bilderbücher, die sich gut erzählen lassen, und es gibt die Hasen, die sich beispielsweise so gern haben, wie Zehen hoch sind. Dem Erzähler ist es so lang wie breit, seinen Zuhörern gefällts.

Es handelt sich um eine richtige Feelgood-Story, pädagogisch zweifellos völlig empfehlenswert und funktional, dank obligatem Einschlaf-Ende.

Es handelt sich um eine richtige Feelgood-Story, pädagogisch zweifellos völlig empfehlenswert und funktional, dank obligatem Einschlaf-Ende. Bild: Symbolbild Keystone

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Manche Kinderbilderbücher können einem regelrecht auf den Geist gehen. Wenn unser jüngerer Sohn, der inzwischen erste Möglichkeiten hat, sich sprachlich auszudrücken, sagt: «Grosse, luege. Haas.» – dann ist wieder mal das grossformatige Werk an der Reihe, bei dem ich jedes Mal an (Motivations-)Grenzen stosse.

Im preisgekrönten Werk geht es im Prinzip um nichts weiter als darum, dass sich Eltern- und Kindhase gegenseitig mit Vergleichen überbieten wollen, ihre Zuneigung füreinander auszudrücken. Eine richtige Feelgood-Story also, pädagogisch zweifellos völlig empfehlenswert und funktional, dank obligatem Einschlaf-Ende. Inhaltlich passiert nicht viel: Die Hasen strecken ihre Hände aus, machen den Kopf- oder Handstand, machen wilde Sprünge.

Es mag zum Teil auch an der Plumpheit des Schweizerdeutschen liegen, dass ich jedes Mal ins Stolpern und Stocken komme. Beim Übersetzen der Schriftsprache in gesprochene Worte entstehen Sätze wie: «Und iiiich ha dich bis zu dine Zeche ufe gern, hät de grossi Haas gseit und de chlini Haas mit den Händ ghebet und id Luft gschwunge.»

Ojemine, welchen Schrott gibst du da wieder mal von dir, spricht es dann jeweils lautlos in mir. Mindestens einen zweiten Anlauf brauche ich regelmässig beim Vergleich mit der Strecke bis zum Fluss und den Bergen: «Ich ha dich so gern wiä bis zum…, ha dich gärn, so wit….» Schliesslich schaffe ich die Hürde: «…ha dich bis zum Fluss und bis über d'Berge gern.»

Bis zu deinen Zehen hoch, so gern wie bis runter zum Fluss, hab dich bis zum Mond und wieder zurück lieb – eine solcher sprachlicher Holperparcours bremst mich in der abendlichen Live-Performance am Kinderbett regelmässig aus. Ganz ehrlich: Aus meiner Sicht funktioniert sprachlich aber auch nichts bei dieser Geschichte. Nun gut, der Text liesse sich ja theoretisch einfach links liegen lassen, doch ist das Buch derart eindimensional angelegt, dass man meiner Meinung nach den – zugegeben schönen und hochstehenden - Aquarellillustrationen einfach keine weiteren Aspekte abringen kann.

«Kuh ist doch ein Spielzeug»

Was die Verantwortlichen von Bilderbuch-Verlagen entzückt, muss nicht zwingend praxistauglich sein, denke ich zuweilen grimmig. Aber erstaunlich nur: Für die Kleinen scheint die Sache aufzugehen. So zumindest für unseren ältesten Sohn, sonst meist nicht um bohrende Fragen verlegen, auch skeptische. Bei einer anderen Geschichte hatte er beispielsweise schon gefragt, wie denn die hölzerne Kuh, ein Spielzeug, sich fortbewegen könne. Ich musste ihm beipflichten; es sei eben eine Geschichte.

Er scheint sich auch erstaunlicherweise bei des im Grunde reichlich monotonen Hasendialogs auch nicht zu langweilen. Wo er doch sonst bei anderen Büchern gern «wiiter!» kommandiert, kaum dass einmal der Besprechungs-Strom für ein paar Sekunden versiegt. Andächtig verfolgt er jeweils den - wie mir scheint reichlich närrischen - Dialog, und wartet, bis ich den auf dem englischen Original beruhenden schriftdeutschen Text in Mundart umformuliert habe. Wobei ich ja auch mit zunehmender Übung je länger je besser schiefe Sätze wie diesen rausbringe: Ich ha dich so höch wie ich gumpe cha gern. Gefühlsmässig scheint es für ihn eben zu stimmen. Ob vielleicht der Erwerb der berndeutschen Version des Bilderbuchs den Ohren des sich selbst zuhörenden Erzählers bzw. Vorlesers Erleichterung bringen würde? Darin heisst es am Schluss: «Ja, bis zum Mond ufe u wider zrügg, so gärn hei mir üüs.« Klingt doch nicht mal so schlecht, oder?» (zsz.ch)

(Erstellt: 14.01.2016, 16:45 Uhr)

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