Fahndungstipps

Das Leben der Eltern ist eine ewige Suche. Oder: Wenn Eltern zu Detektiven werden.

Gut kombiniert, Papa: Wenn Kinder ihre Sachen verlieren, werden Eltern zu Sherlock Holmes. Bild: Keystone

Kürzlich war die Fahndungsliste wieder einmal besonders lang. Vermisst wurden: 1. ein Velohelm, hellblau mit lila Blumen. 2. zwei Roger-Staub-Mützen für unter den Skihelm, Grösse S, schwarz. 3. eine Wasserflasche aus Metall, leuchtend pink. 4. ein linker Handschuh, violett, aus Faserpelz. 5. ein Sackmesser, rot, mit Namensinschrift «Emilie».

Das Leben als Eltern ist eine ewige Suche. Mit wachsendem Schwierigkeitsgrad, denn das Suchgebiet wächst. Im Vorschulalter genügte es in den meisten Fällen, die dunklen Winkel der eigenen Wohnung zu kennen. (Über die Nuggisuche wurde hier schon ausführlich berichtet.) Kindergarten, Schule, Wohnungen von Freundinnen, Turnhalle, Musikschule: Mittlerweile gehört die halbe Stadt zum Revier. Bei Fall 1 auf der Fahndungsliste führte erst eine Suchaktion ennet der Stadtgrenze zum Erfolg. Der Velohelm hing in der Garderobe des von der ältesten Tochter frequentierten Reitstalls in der Nachbargemeinde.

Im Doppelfall der vermissten Sturmhauben war sogar eine ­nationale Fahndung nötig. Entdeckt wurden die beiden schliesslich in der Tasche der Skijacke eines Grossvaters im Wintersportort Flims. Besonders knifflig war Fall 3: Die Trinkflasche war einige Tage unter dem Beifahrersitz eines Mobility-Autos auf Strolchenfahrt, bevor wir sie erwischten.

Auch solch gloriose Erfolge der elterlichen Detektivarbeit können nicht über das Grundpro­blem hinwegtäuschen: Die schlauste Suchaktion, die feinfühligsten Verhörmethoden, die schnellste Telefonermittlung, das alles ist nur Symptombekämpfung. Die Wurzel des Übels ist die teils haarsträubende Nachlässigkeit der Kinder, die es schaffen, auch bei Minustemperaturen einen einzelnen Handschuh irgendwo liegen zu lassen (Fall 4, Aktenzeichen «violetter Handschuh», ungelöst).

Darum setzten auch wir grosse Hoffnungen in Präventionskampagnen. Zum Einsatz kamen – zugegebenermassen nicht sehr fantasievoll – altbekannte Slogans: «Pass dänn uf, wo dis Züüg aneleisch.» «Heb dine Sache Sorg.» «Mir chönds ois nöd leischte, all paar Wuche noii Händsche z chaufe.» Der Erfolg war mässig.

Die Hoffnung ist wohl utopisch, in einem Familienhaushalt mit insgesamt 67 Kuscheltieren, mehreren Hundert Spielsachen und zwei prallvollen Kleiderschränken Kinder erziehen zu wollen, die jeden einzelnen Gegenstand hüten wie ihren Augapfel. So hilft, wenn die Prävention versagt hat und die Fahndung erfolglos geblieben ist, in manchen Fällen nur noch das Mittel der Ersatzbeschaffung. Fall 5, Sackhegel «Emilie»: sehr ähnliches Messer im selben Rotton und mit identischer Gravur im Messerfachgeschäft gefunden (Finderlohn: 22 Fr.), Akte geschlossen.

Jakob Bächtold

Erstellt: 07.04.2015, 11:20 Uhr

Ob Kleinkind, Teenager, Enkel- oder Patenkind: Viele Redaktorinnen und Redaktoren verbringen ihren Alltag gemeinsam mit Kindern. Hier berichten sie von grösseren und kleineren Erlebnissen mit ihren Kindern und wie sich das Elternsein anfühlt. Oder was sie sich zum täglichen Familienwahnsinn sonst noch so über­legen.

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