Beide habe ich am liebsten

Früher haben Eltern die Erstgeborenen noch unverhohlen bevorzugt - heute gibts bloss noch den Unterschied, dass die einen Eltern abstreiten, ein Lieblingskind zu haben. Zu denen gehöre ich wohl auch.

Stehen die Eltern einem Kind näher als dem anderen? Mag sein, aber das wird sich im Verlauf der Zeit ändern. Bild: Keystone

Traumatische Wahnvorstellung oder simple Realität? Der Verdacht, dass Mami und Papi ein Lieblingskind hatten, bei welchem es sich womöglich nicht um einen selbst handelte, dürfte jedenfalls eine Goldgrube für Psychotherapeuten sein. Bis vor kurzem galt das Thema Lieblingskind als eines der letzten Tabus. Die quälende Urangst hat 2012 ein US-amerikanisches Sachbuch bewirtschaftet, und seither taucht die Frage, ob es Lieblingskinder gebe und was das gegebenenfalls bedeute, hin und wieder in Blogs und Magazinen auf.

Alles halb so wild, würde ich im Hinblick auf unsere beiden Söhne (knapp 2 und knapp 4) sagen. Aber vielleicht gehöre ich damit gerade zu jenen Verdrängern, die es einfach nicht wahrhaben wollen?

Zugegeben, ich hatte auch schon mal bei einer anderen Familie von aussen den Eindruck bekommen, dass das Fotoalbum der älteren Tochter irgendwie – leidenschaftlicher? – gestaltet worden sei als jenes der jüngeren. Was nichts heissen muss - mich aber sogleich zur These führt: Mit dem zweiten Kind ist es anders als mit dem ersten. Denn in der Theorie kann man sich zwar vornehmen, dass der oder die Zweitgeborene dann genau gleich oft zu fotografieren sei wie die Nummer eins. In der Praxis ist es wieder mal komplizierter.

Die bisherige Entwicklung des jüngeren Sohns nahm ich jedenfalls weit beiläufiger wahr als jene des ersten. Kunststück: Das grosse Wunder, wie sich aus einem äusserst hilflosen Wesen schon bald ein vergleichsweise autonomes und nicht selten trotziges Kerlchen entwickelt, hatte man in den vergangenen Monaten ja schon einmal erlebt. Mag sein, dass man beim ersten Kind etwas mehr bangte. Erfolge, laufen lernen, Wörter und Sätze lernen, hat man dann umso intensiver miterlebt. Ähnliches erlebt man somit etwas unterschiedlich – was aber nichts mit unterschiedlicher Zuneigung zu tun … haben sollte.

Dabei ist man ja gerade auch froh, wenn sich der Kleinere nicht als Entwicklungs-Klon des Grösseren erweist. Gott sei Dank kann der jüngere länger auf dem Stuhl sitzen, er ist zudem im Umgang mit Löffel oder Gabel kompetenter, als der ältere es in seinem Alter war. Auch mit Bauklötzen und Legosteinen bringt er mehr zustande als sein Bruder, der bis heute nicht viel damit anzufangen weiss. Keine Frage, dass solche Unterschiede keinen Unterschied machen in Bezug auf die Frage, ob einem der eine oder andere lieber sei. Ehrenwort.

Am ehesten noch dürfte die Zeit einen Unterschied machen, die man mit dem einen beziehungseise anderen verbringt – vielleicht auch im Hinblick darauf, wie es die Kinder empfinden. Naheliegenderweise ist der Bezug zu Mami und Papi für die beiden Söhne bislang recht komplementär: Den Neugeborenen nahm sich logischerweise und buchstäblich die Mutter zur Brust und nicht ich. Als Betreuer des älteren war ich damit quasi prädestiniert. Was nach einem Alibi klingt, ist echt zu einem Muster geworden: Bis heute muss zwingend Mami her, wenn der Kleine nachts erwacht.

Das wird nicht immer so bleiben. Kühne Behauptung: Im Verlauf der Jahre werden die Bezüge mal zum einen, mal zum anderen Kind stärker sein. In dieser Zeit werden handkehrum die beiden wohl je einmal Mami, mal Papi favorisieren. Schwedische Studien belegen ja auch, dass Väter, die sich von den Kindern im Vergleich zur Mutter weniger geliebt fühlen, mit fünf Prozent höherer Wahrscheinlichkeit später an einer Depressionen leiden. Spass beiseite, dieser letzte Satz war glatt geflunkert. Trotzdem prognostiziere ich: Ein Sachbuch zum Thema «Lieblingselter» ist nur noch eine Frage der Zeit. Oder ist es bereits auf dem Markt?

Ueli Abt

Erstellt: 06.08.2015, 18:17 Uhr

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