Autismus

Wenn Kinder in ihrer eigenen Welt leben

Die Autismus-Diagnose wird immer häufiger gestellt. Eine frühe Förderung hilft Kleinkindern, besser mit den Anforderungen der Gesellschaft zurechtzukommen.

Eine Autismus-Spektrum-Störung kann sich auf die unterschiedliche Weise zeigen. Ein Kernmerkmal ist die verminderte soziale Interaktion.

Eine Autismus-Spektrum-Störung kann sich auf die unterschiedliche Weise zeigen. Ein Kernmerkmal ist die verminderte soziale Interaktion. Bild: Shotshop

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Leandro* hält ein Spielzeugauto in den Händen. Immer wieder dreht er am hinteren linken Rad und betrachtet dieses ganz genau. Mit dem Auto herumzufahren, kommt dem knapp Dreijährigen nicht in den Sinn.

Wenig Interesse an anderen Kindern

Bald verliert er das Interesse. Nun legt die Therapeutin einen Teller vor ihn hin und füllt ihn mit ein paar Klötzen. Sie reicht ihm eine Gabel und ­ermuntert ihn zum Essen. Doch Leandro geht nicht auf die Einladung zum Symbolspiel ein. Er wendet den Blick ab und beginnt stattdessen, sich mit seinen Händen zu beschäftigen. Dicht vor den Augen bewegt er seine Finger eigentümlich hin und her.

Die kurze Filmsequenz wurde an der Entwicklungspädiatrischen Abteilung des Kinderspitals Zürich aufgenommen. Dorthin überweisen Kinderärzte ihre kleinen Patienten zur Abklärung, wenn der Verdacht auf eine Autismus-Spektrum-Störung besteht. Die Behinderung, die heutzutage bei rund einem Prozent der Kinder diagnostiziert wird, kann ­verschiedene Ausprägungen und Auffälligkeiten aufweisen. Ein Kernmerkmal ist die verminderte soziale Interaktion.

Kleinkinder strecken den Eltern nicht die Händchen entgegen und lächeln nicht zurück. Sie zeigen wenig Interesse an anderen Kindern, beim Spielen sind sie auf Details fixiert und nehmen den Gesamtzusammenhang wenig wahr. Häufig sind auch eine verzögerte Sprachentwicklung sowie motorische Stereotype. Die Intelligenz kann zwischen unterdurchschnittlich, normal und hochbegabt liegen.

«Jedes Kind mit Autismus ist wieder anders», sagt Tina Schäfer, Oberärztin am Kinderspital. Eine Diagnose zu stellen, sei nur nach gründlichen Abklärungen möglich, die neben der Untersuchung in der Klinik auch Beobachtungen der Eltern aus dem Alltag ­beinhaltet. Vor dem 18. Monat wird die Diagnose normalerweise nicht vergeben. Doch die Störung rechtzeitig zu erkennen, sei wichtig, betont Schäfer. Denn Fachleute gehen heute davon aus, dass die Betroffenen von einer intensiven frühen Förderung profitieren. So zum Beispiel von Logopädie, heilpädagogischer Früherziehung oder speziellen verhaltenstherapeutischen Ansätzen.

Mädchen fallen weniger auf

Noch weitgehend ungeklärt ist, wieso mehr als drei Viertel der Betroffenen männlichen Geschlechts sind. Mädchen mit einer Autismusstörung weisen zudem weit häufiger als Knaben eine tiefe Intelligenz auf. Der englische Professor David Skuse zweifelt jedoch, dass diese Zahlen der Wirklichkeit entsprechen. Wahrscheinlich seien die Diagnoseschemen einfach zu stark auf Jungen ausgerichtet, glaubt er. Die Störung werde bei Mädchen wohl einfach weniger entdeckt, sagt der auf Autismus spezialisierte Psychiater. Während Knaben in der Schule auffallen, weil sie sich aggressiv und impulsiv verhalten, würden betroffene Mädchen ruhig hinten im Klassenzimmer sitzen. «Sie haben keine Freunde, sind ängstlich und unglücklich», erläutert Skuse. «Doch die Lehrerin ist zufrieden; am liebsten hätte sie ausschliesslich solche Kinder.»

Zudem seien Mädchen meist besser in der Lage, ihre Defizite wahrzunehmen und in der Folge zu überspielen. In der Öffentlichkeit unterdrücken sie auffällige Verhaltensweisen wie Hin- und Herschaukeln. Dafür imitieren sie positive Vorbilder und lernen von ihnen.

Soziale Kompetenz immer gefragter

Eigentlich sei dies eine gute Strategie, sagt der Professor, doch zugleich auch sehr anstrengend. Wenn die Mädchen von der Schule nach Hause kommen, würden sie manchmal explodieren. «Sie sind Engel in der Schule, daheim aber unausstehlich. Klar, dass die Lehrer dann sagen, es müsse am Elternhaus liegen, und eine Familientherapie anordnen.» Den grossen Anstieg der Diagnosen erklärt sich Skuse mit der erhöhten Sensibilisierung der Gesellschaft.

Dabei spielen auch Filme und andere Medien eine Rolle. Auch würden leichtere Formen von Autismus heutzutage mehr auffallen als früher, weil soziale Kompetenzen immer mehr gefragt sind. In der Schule zum Beispiel sind Gruppenarbeiten an der Tagesordnung, während es früher fast nur Frontalunterricht gab. Für Aufsehen gesorgt hat in letzter Zeit die Hypothese, dass Darmbakterien und die Ernährung für den rasanten Anstieg verantwortlich sein könnten. Dies hält David Skuse ­jedoch für extrem unwahrscheinlich.

* Name geändert (Landbote)

Erstellt: 24.09.2015, 16:29 Uhr

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