Rohstoffe

Goldrausch in der Tiefsee bedroht unerforschte Lebensräume

Am Boden der Weltmeere, in mehreren ­Kilometern Tiefe, liegen ­Milliarden Tonnen wertvoller Metalle. Deren Abbau soll bald beginnen. Es droht die ­Zerstörung kaum erforschter Lebensräume.

Schwarzer Raucher: Die heissen Quellen in der Tiefsee lagern grosse Mengen wertvoller Metalle ab.

Schwarzer Raucher: Die heissen Quellen in der Tiefsee lagern grosse Mengen wertvoller Metalle ab. Bild: Marum – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften, Uni Bremen

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Die drei Tauchroboter für das Abbrechen der Metallerze vom Meeresboden stehen bereit. Die kanadische Bergbaufirma Nautilus Minerals ist entschlossen, ab 2018 die Bismarcksee im Pazifischen Ozean zum Schauplatz des ersten Bergbauvorhabens in der Tiefsee zu machen. Dazu hat die Firma im Jahr 2011 von der Regierung Papua-Neuguineas die weltweit erste Abbaulizenz erhalten. Seither hat sich das Projekt immer wieder verzögert – auch wegen Protesten von Naturschutzgruppen. Diese fürchten, dass empfindliche Ökosysteme der Tiefsee zerstört werden.

In der Bismarcksee hat es die Firma Nautilus auf sogenannte Massivsulfide abgesehen. Diese bilden sich hier in 1600 Metern Tiefe über Tausende von Jahren als Ablagerungen von mineralreichen heissen Quellen, sogenannten Schwarzen Rauchern. Die Brocken enthalten zehnmal so viel Kupfer und Gold wie Minen an Land. Um sie abzubauen, ­müssen Tiefseeroboter einige Zentimeter tief in den Meeresboden graben. Dabei können grosse Sedimentwolken aufgewirbelt werden – mit möglicherweise ­fatalen Folgen für viele Klein­tiere. «Wie schnell diese Sedimente wieder absinken und wie weit sie von Meeresströmungen fortgetragen werden könnten, ist noch völlig unbekannt», sagt die Meeresbiologin Annemiek Vink von der deutschen Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. «Im schlimmsten Fall könnten viele Lebewesen, dieihre Nährstoffe aus reinem Meerwasser filtrieren, an der Verschmutzung sterben.» Zudem besteht die Gefahr, dass bei der Erzaufbereitung giftige Chemikalien austreten.

Erkundungen im Pazifik

Die Bismarcksee ist kein Einzelfall. In mehr als 50 Tiefseegebieten suchen Firmen zurzeit nach begehrten Metallen – insgesamt auf einer Fläche von eineinhalb Millionen Quadratkilometern (siehe Box). Etwa die Hälfte davon liegen in internationalen Gewässern. «Diese Tiefseelagerstätten sind sehr wichtig für die langfristige Rohstoffsicherheit von Industriestaaten ohne grosse Vorkommen an Land», sagt Uwe Jenisch, Honorarprofessor für Internationales Recht an der Universität Kiel.

Die Lizenzen, um den Ozean zunächst einmal zu erkunden, erteilt die Internationale Meeresbodenbehörde (ISA). Sie ist von der UNO gemäss dem international gültigen Seerechtsübereinkommen dazu ermächtigt. Die ISA soll die Nutzung des Meeresbodens verwalten und dabei eigentlich auch den Umweltschutz garantieren. Aber schon allein mangelndes Wissen hindert sie daran: Die Tiefsee beherbergt Millionen von Pflanzen- und Tierarten. Nur ein Bruchteil davon ist jedoch erforscht. «Das macht es äusserst schwierig, die Folgen des unterseeischen Bergbaus abzuschätzen», sagt Meeresbiologin Vink.

Aber der Rohstoffhunger der Weltwirtschaft ist gross. Allein in der sogenannten Clarion-Clipperton-Zone zwischen Mexiko und Hawaii halten zurzeit 15 Unternehmen Erkundungslizenzen (siehe Karte). Dort liegen neben Massivsulfiden riesige Vorkommen einer anderen Art metallhaltiger Klumpen, sogenannte Manganknollen. Die kartoffelgrossen Knollen liegen lose auf dem Meeresboden und enthalten neben Mangan weitere wichtige Metalle wie Eisen, Nickel, Kupfer und Kobalt. Die Manganknollenfelder umfassen viel grössere Gebiete als die Massivsulfide. Für deren Abbau müsste ein einziges Unternehmen jährlich etwa die doppelte Fläche der Stadt Zürich umpflügen. Und das kann viele ange­siedelte Lebewesen nachhaltig schädigen oder vertreiben. Korallen, Schwämme, Moostierchen und Anemonen leben direkt auf den Knollen. Sind diese weg, finden sie keinen Halt im Sediment. «Zwar könnte man Steine als Ersatz auf dem Meeresboden ablegen», räumt Annemiek Vink ein, «aber das hat bisher noch niemand probiert.» Dass durch den Abbau der Knollen die Anzahl Tiere markant abnimmt, hat eine Expedition europäischer Meeresforscher kürzlich gezeigt. Sie filmten ein Versuchsfeld in der Tiefsee, das vor 37 Jahren gepflügt wurde, um die Effekte des Bergbaus zu simulieren. Im Testfeld zählten die Forscher nur drei Tiere auf 100 Quadratmetern, auf einem unberührten Areal daneben aber deren 24 auf der gleichen Fläche. Deshalb fordern die Wissenschaftler ein verantwortungsvolles Management des Unterseebergbaus und das Anlegen von Schutzzonen.

Fehlende Regulierung

Jedoch ist es fraglich, ob der Schutz des Ozeans rechtzeitig gelingen wird. Denn noch fehlt ein internationales Regelwerk für den Abbau in der Tiefsee. Einen ersten Entwurf will die ISA im Juli vorlegen. «Bis zur Endfassung könnten zwei bis drei Jahre vergehen», sagt der Jurist Jenisch. Das hindert aber Bergbaufirmen nicht daran, in der Zwischenzeit mit dem Abbau zu beginnen – und zwar wie Nautilus Minerals im Hoheitsgebiet von Staaten wie Papua-Neuguinea. Die dabei anwendbaren nationalen Gesetze könnten in manchen Ländern leichter zu umgehen sein. So hat die US-Regierung bereits Erkundungslizenzen im Pazifik vergeben – dies, obwohl die USA noch nicht einmal das Seerechtsübereinkommen ratifiziert haben, das grundlegende Umweltstandards definiert. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 17.06.2016, 11:05 Uhr

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