Hausbesuch

Wohnen wie in einem Schiff auf hoher See

Die Umnutzung von Industrie-Arealen birgt Chancen für Neues: Das zeigt das Blumer-Areal in Freienstein. Aus der einst dazu gehörenden Sägemühle auf der gegenüberliegenden, Rorbaser Seite entstand ein grosszügiges Haus.

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Weshalb die Architekten diesem Projekt den Arbeitstitel «Schiff Ahoi!» gaben, ist leicht nachzuvollziehen: Das Gebäude der alten Sägerei klebt hart am Abgrund über dem südlichen Ufer der Töss, nur wenige Meter über dem Wasserspiegel. Sie wurde 1850 von der Spinnerei Blumer jenseits des Flusses gebaut und stellte die Bretter für die Kisten her, die für die Spedition von Garnen und Gussteilen benötigt wurden.

Sägemühle wäre korrekter

Korrekter wäre allerdings der Begriff Sägemühle, denn angetrieben wurde sie durch einen Bach, der immer noch unter dem Haus hindurch fliesst und in die Töss plätschert. «Beim Bau stiessen wir noch auf Relikte der einstigen Wasserkraft-Nutzung», sagt Architekt Peter Gut. «Alte Wasser-Schächte und Überreste von Mühlenrädern.» Nach der Produktionsstillegung der Spinnerei im Herbst 1990 verblieb das Gebäude im Immobilienportefeuille der Blumer Söhne + Cie AG, die nach neuen Nutzungsmöglichkeiten für die verschiedenen Immobilien des umfangreichen, weitgehend am nördlichen Tössufer gelegenen Fabrikareals mit Spinnerei, Giesserei, Kosthäusern und anderen, dazu gehörenden Bauten suchte und dafür einen privaten Gestaltungsplan erstellte.

Ein Traumhaus an bester Lage wird real

Seither ist ein Grossteil der frei gewordenen Gebäude neu genutzt worden – und auch für die Sägemühle wurde von einem Baukonsortium zwischen Blumer Söhne sowie den Architekten Gut + Lunardi ein Bauprojekt entwickelt, das die Familie Kullmann 2013 im Internet zum Verkauf ausgeschrieben sah. Sie war sofort hell begeistert: «Ich kannte das Haus bestens, denn als wir vor 15 Jahren in Lufingen wohnten, bin ich auf meiner Fahrrad-Runde Richtung Irchel unzählige Male hier vorbeigefahren», erzählt Mischa Kullmann. «Da war das Gebäude zwar etwas heruntergekommen, doch haben mir der Bau an sich und vor allem seine Lage schon damals sehr gut gefallen.»

Auch Architekt Peter Gut erinnert sich: «Mischa Kullmann war so etwas von wild entschlossen, dass er mit seiner Familie hier wohnen wollte!», sagt er lachend. «Entsprechend schnell wurden wir handelseinig.»

Doch bis die fünfköpfige Familie einziehen konnten, gab es noch ein kleines Intermezzo: Das Bewilligungsverfahren zog sich in die Länge und da die Kullmanns ihr bisheriges Haus in Oberglatt bereits verkauft hatten, mussten sie vorübergehend in eine Mietwohnung in Rorbas ziehen. Sie wollten ihren Kindern dadurch unnötige Schulwechsel ersparen.

Spezielles Objekt, spezielle Verfahren

Dass es so lange dauerte, bis mit dem Bauen begonnen werden konnte, habe jedoch nichts mit unkooperativen Amtsstellen zu tun gehabt, betonen sowohl der Bauherr wie auch der Architekt: «Es lief an sich gut, aber es ist halt ein spezielles Objekt, bei dem nicht nur die Baubehörden, sondern auch der Heimatschutz und -–wegen der Nähe zum Fluss – sogar der Fischereiverein und das Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft AWEL mitzureden hatten», erklärt Gut. «Dieser Prozess braucht halt einfach seine Zeit.»

Schlussendlich einigte man sich und es gab nur wenige Auflagen, die beim Neubau zu berücksichtigen waren: Die Mantellinien des Vorgängerbaus waren einzuhalten und sein Volumen musste etwa gleich sein. «Dadurch war die Aussenform des Projektes gegeben», sagt Gut. «Aber für uns als Architekten lag bei der Konzeption des Baus die Priorität ohnehin anderswo: Unser oberstes Ziel war, den Fluss spür- und erlebbar zu machen.»

Ein schlichter Bau

Entstanden ist ein schlichter, unaufgeregter Bau, der mit grauem Holz verkleidet ist. Er befindet sich auf einem schmalen Landstreifen zwischen Töss und der Weissenhaldenstrasse. Da diese leicht ansteigt, haben die Architekten die Garage sowie die gesamte Erschliessung auf die Hangseite gelegt, damit sämtliche Wohn- und Lebensräume gegen den Fluss hin ausgerichtet werden konnten und maximalen Ausblick bieten: Grosse, bodenebene Fenster, verschiedene Terrassen und teilweise gedeckte Aussensitzplätze führen dazu, dass sich in den Wohnbereichen des Hauses ein berückendes «Schiffsgefühl» einstellt: «Man schwebt und lebt förmlich über dem stetig dahin fliessenden Wasser und erhält so das Gefühl, man fahre an Bord eines Schiffes», schwärmt Mischa Kullmann.

«Am schönsten ist es am Abend, wenn sich das Licht der nachts beleuchteten Ruine Freienstein darin spiegelt.» Doch auch am Tag mag er den Ausblick aus dem «Adlerhorst» auf das gegenüber liegende Fabrik-Ensemble, in dem sich inzwischen ein vielfältiges, neues Leben eingestellt hat: «Im Spinnereigebäude sind Lofts entstanden, es gibt ein Kino mit Bar und Beiz und beim Giesserei-Areal haben junge Nomaden mit ihren Wohnwagen einen Platz für alternative Lebensformen gefunden», weiss Kullmann. «Das Areal lebt und verströmt ein ganz besonderes Flair!»

Klar und einfach, hell und grosszügig

Auch im Inneren ist das Haus klar und einfach strukturiert: Das komplett offen gestaltete EG vereint Kochen, Essen, Wohnen, aber – seitlich zum Hang – auch die Garage. Die offene, U-förmige Küche ist zwar nicht gross, aber äusserst praktisch, wie Hausmann Mischa Kullmann findet: «Es hat alles, was es braucht: Kochfeld, Spüle, Platz zum Stellen und Arbeiten, Kühl- und andere Schränke.» Und ein weiterer Vorteil sei, dass er beim Abwaschen und Rüsten auf den Fluss schauen könne ...

Im Obergeschoss befinden sich die drei Kinder- und das Elternschlafzimmer, alle in der Dachschräge liegend und bis zum Firstbalken hin offen. Das verleiht ihnen – auch ohne jede Naturholz-Romantik – eine gemütliche und wohnliche «Dachkammer-Atmosphäre». Selbstverständlich haben auch sie alle Fenster zum Fluss. Für die Eltern gibt es ein eigenes, grosszügiges Bad, das durch ihr Schlafzimmer zugänglich ist.

Die Jungmannschaft teilt sich ein weiteres, das wie die Kinderzimmer, von einem langen Gang erschlossen wird. Dieser ist von Dach-Oberlichtern erhellt und auf ein Westfenster ausgerichtet, das einen weiteren, spektakulären Ausblick bietet und das sich ein volles Geschoss über Strassenniveau befindet. Im (Kinder-)Zimmer, am anderen Ende des Ganges hingegen liegt eines der beiden grossen Fenster ebenerdig auf Strassenniveau – ebenfalls ein sehr spezieller Effekt!

Hochwasser ist ein Thema

Im Untergeschoss schliesslich gibt es eine Sauna mit Dusche und WC, einen, von einer uralten, eisenbeschlagenen Eichentüre «geschützten» Wein-Keller sowie ein Reservezimmer, das sowohl als Gäste- wie auch als Kinder-Spielzimmer genutzt werden kann. Obwohl es immer noch einige Meter über dem normalen Wasserstand der Töss liegt, wurden hier Vorsichtsmassnahmen gegen das «300-Jahre-Rekordhochwasser» getroffen: Die drei hoch liegenden, übers Eck angeordneten Fenster sind hochwassersicher ausgelegt.

Dass sich die Kinder an Bord dieser «Familien-Arche» sehr wohl fühlen, liegt indes nicht nur am Spielzimmer: Die Weissenhaldenstrasse ist verkehrsfrei, also «bespielbar». Und beim Sport in Freienstein sind sie – über das alte Blumer-Fussgängerbrücklein – ebenso schnell, wie in der Schule in Rorbas. ()

Erstellt: 26.04.2016, 14:41 Uhr

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E-Mail: panorama@zrz.ch oder
Telefon: 052 266 99 61

Realisation

Ort: Rorbas
Baujahr und Bezug: 2015 Villa mit 6 ½ Zimmern
Wohnfläche: 277 m2
Nutzfläche: Nebenräume 49 m2
Grundstückfläche: 465 m2, 1200 m3 umbauter Raum.
Architekten: Gut + Lunardi, Architekten HTL / ETH, Unterschnasberg 12, 8352 Elsau, 052 363 23 28. www.gut-lunardi.ch

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