Aufklärung

Wer einen Schwulen kennen lernt, baut Vorurteile ab

Wenn Jugendliche über Homosexualität sprechen, fallen oft derbe Begriffe. Das ist schwierig für jene, die persönlich betroffen sind. Schwule, Lesben und deren Eltern klären in Schulklassen über das Thema auf.

Schwule und Lesben sind nicht anders als andere Menschen. Diese Botschaft soll in den Schulbesuchen verbreitet werden. (Symbolbild)

Schwule und Lesben sind nicht anders als andere Menschen. Diese Botschaft soll in den Schulbesuchen verbreitet werden. (Symbolbild) Bild: Keystone

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Der Begriff «schwul» wird von Jugendlichen häufig als Schimpfwort benutzt. Wie fühlt es sich an, als schwuler Mann oder lesbische Frau vor einer Gruppe Halbwüchsiger zu stehen?

Laura Pestalozzi: Am Anfang spüre ich meist eine grosse Unsicherheit bei den Schülerinnen und Schülern. Wir müssen uns zuerst herantasten und herausfinden, wo die jungen Leute stehen. Zum Aufwärmen zeigen wir ihnen Fotos von verschiedenen Menschen und lassen sie raten, wer davon homosexuell und wer heterosexuell ist.

Und, sieht man es den Leuten an?

Pestalozzi: Nein.

Der tuntige Mann und die kurz­ haarige Kampflesbe sind also Klischees?

Fritz Lehre: Ja. Homosexuelle sind in allen möglichen Berufen und Gesellschaftsschichten zu finden. Ich habe bei meinem Sohn gar nichts gemerkt, bis er uns mit 20 seine sexuelle Orientierung mitgeteilt hat.

Pestalozzi: Es kann sein, dass Schwule und Lesben vor 20 Jahren noch anders auftraten und stärker als solche zu erkennen waren. Wenn ich heute an eine Lesben-Party gehe, haben die meisten Frauen lange Haare. Das hat wohl damit zu tun, dass Homosexualität unterdessen besser akzeptiert ist. Die vorherige Generation musste noch stärker kämpfen und versuchte sich wohl deshalb klarer von der Mehrheit abzugrenzen.

Fällt es Ihnen leicht, zu Ihrem Lesbischsein zu stehen?

Pestalozzi: Ich habe in meinem Umfeld nie Ablehnung erlebt. Meine Eltern gingen tolerant mit dem Thema um. Als ich mich mit 17 das erste Mal in eine Frau verliebte, wusste ich, dass es in Ordnung ist. Ich habe relativ bald mit den Eltern darüber gesprochen. Doch bei den Eltern meiner Partnerin war es anders. Wir sind jetzt seit zehn Jahren zusammen, aber die Sache ist erst seit einem Jahr offiziell. Irgendwie haben es ihre Eltern wohl gespürt, aber man sprach nicht darüber. Anlässe wie Weihnachten waren manchmal schwierig: Feiert man zusammen oder getrennt? Seit ich 24 bin, engagiere ich mich in der Öffentlichkeitsarbeit. Und gleichzeitig habe ich zu einem Teil ungeoutet gelebt. Das war skurril. Aber nun bin ich als Schwiegertochter akzeptiert.

Es gibt auch heute noch Kulturen, in denen gleich­ geschlechtliche Liebe gar nicht geht. Zum Beispiel in freikirch­lichen oder islamisch geprägten Gruppen. Was für Erfahrungen machen Sie in multikulturellen Schulen?

Lehre: Die Einstellung der Jugendlichen ist meist viel offener als diejenige ihrer Eltern. Ich habe schon erlebt, dass eine Reihe von Mädchen mit Kopftüchern konzentriert zugehört hat. Man kann diese Jugendlichen sehr gut abholen mit dem Thema Minder- heiten. Sie wissen aus eigener Erfahrung, was es heisst, zu einer speziellen Gruppe zu gehören. Zudem zeigen wir ihnen auf einer Weltkarte die Rechte von Homosexuellen in verschiedenen Ländern auf. Da sind sie immer sehr interessiert.

Wie war das für Sie, als Ihr Sohn Ihnen damals eröffnete, er sei schwul? Waren Sie von Beginn an so tolerant?

Lehre: Ich hatte kein Problem damit. Aber einen Prozess musste ich schon durchmachen. Ich habe mich zuerst einmal in einer Bibliothek gründlich über das Thema informiert. Und ich bin dafür in eine Bibliothek ausserhalb meines Wohnorts Luzern gegangen, wo mich niemand kannte. Es hat ein wenig gedauert, bis ich bereit war, mit Freunden darüber zu sprechen.

Wenn man als Eltern lieber hätte, die eigenen Kinder wären heterosexuell, ist man dann bereits intolerant und homophob?

Pestalozzi: Fast alle Eltern wünschen sich das. Es ist normal, denn niemand will, dass sein Kind zu einer Minderheit gehört. Zudem müssen Eltern selber eine Art Coming-out-Prozess durchmachen.

Lehre: Ja, das stimmt. Aber es gibt manch grössere Probleme im Leben. In meiner Rolle als Präsident der Angehörigen-Organisation Fels berate ich manchmal Eltern, die sich in diesem Prozess befinden. Doch die Telefone von Ratsuchenden sind selten geworden. Einerseits weil die Auseinandersetzung heute vermehrt in Internet-Foren stattfindet. Anderseits tun sich wohl Eltern nicht mehr so schwer wie früher – das hoffen wir zumindest.

Wie sollen Eltern und Lehrper­sonen damit umgehen, wenn sie spüren, dass ein Jugendli­cher homosexuell sein könnte?

Lehre: Eltern und Schulen sollten diese Möglichkeit bereits thematisieren, bevor sie aktuell wird. Kinder sollten wissen, dass es gleichgeschlechtliche Liebe gibt und dass sie gleichwertig ist. Diese Botschaft zu verbreiten, ist unser Ziel bei den Schulbesuchen.

Und, gelingt es Ihnen, Vor­urteile abzubauen?

Pestalozzi: Ja, ich glaube schon. Die direkte Begegnung mit uns lässt Berührungsängste schwinden. Die Schüler sehen, dass wir ganz normale Menschen sind. Wenn wir unsere Coming-out-Geschichten erzählen, ist es immer ganz still. In den Gesprächsrunden kommen dann häufig auch Fragen auf, welche generell mit Liebe und Sexualität zu tun haben.

Lehre: Beim Adieusagen ist die anfängliche Befangenheit meistens wie weggeblasen. Das motiviert mich immer wieder neu. (Landbote)

Erstellt: 18.04.2015, 08:51 Uhr

In Schulen über Homosexualität aufklären

«Ich bin Schwulen gegenüber
nun etwas toleranter», sagt der Jugendliche im Film auf der Website. «Ich habe mir immer vorgestellt, dass Schwule etwas tuntiger sind. Aber sie sind eigentlich normal.» Die erfrischend ehrliche Aussage wurde nach einem Schulbesuch der Organisation Gleichgeschlechtliche Liebe leben (GLL) aufgenommen. Das Schulprojekt wird von verschiedenen Organisationen getragen, die sich dem Thema Homosexualität widmen. Ziel ist es, Jugendliche über Homosexualität aufzuklären sowie Vorurteile und Berührungsängste abzubauen – was bei oben zitiertem jungen Mann anscheinend gelungen ist.

Je eine Frau und ein Mann mit gleichgeschlechtlicher oder bisexueller Orientierung und eine Mutter oder ein Vater eines homosexuellen Kindes besuchen gemeinsam eine Klasse. Nach einer Vorstellungsrunde und einer spielerischen Einführung ins Thema Anderssein erzählen die Besucher ihre persönlichen Coming-out-Geschichten. Dann diskutieren die Schüler in geschlechtergetrennten Runden. Das Programm wird je nach Altersgruppe, Schulniveau, soziokulturellem Hintergrund und vorhandenen Vorerfahrungen angepasst.

Regelmässig gehen die Dreierteams auch in Religionsunterrichts-Lektionen verschiedener Konfessionen und Religionen oder in Jugendgruppen, wie zum Beispiel die Pfadi. Die Begegnungen sind für Jugendliche im Oberstufenalter am geeignetsten, weil dann die Auseinandersetzung mit der Sexualität zum natürlichen Entwicklungsprozess gehört. Nach Bedarf können die Inhalte aber auch kleineren Kindern anhand von Bilderbüchern vermittelt werden. Zudem bietet GLL Module an Pädagogischen Hochschulen an, um die angehenden Lehrpersonen für den Umgang mit dem Thema zu sensibilisieren. Letztes Jahr erreichte die Gruppe rund 1700 Schüler über die gesamte Deutschschweiz verteilt. Die Nachfrage nach Besuchen ist so gross, dass die Organisation froh wäre um mehr aktive Personen.

www.gll.ch

Zur Person

Laura Pestalozzi (30) geht seit sieben Jahren auf Schulbesuche und leitet die Regionalgruppe des Kantons Zürich der Organisation Gleichgeschlechtliche Liebe leben. Die Architektin wohnt in Bern und lebt seit zehn Jahren in einer Partnerschaft mit einer Frau.

Fritz Lehre (72) hat zwei Söhne, einer davon ist schwul. Er ist Präsident des Vereins Fels (Freundinnen, Freunde, Eltern von Lesben und Schwulen), den er vor 20 Jahren mitbegründet hat. Der pensionierte Maschineningenieur wohnt in Luzern und besucht seit zehn Jahren Klassen im Kanton Zürich.

www.fels-eltern.ch

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