Rapperswil-Jona

Schwierige Gespräche sind sein Job

Roger Gredig leitet seit bald einem halben Jahr das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum Rapperswil-Jona. Wer in einer Opferhaltung komme, habe schlechtere Jobaussichten, sagt er.

Für Arbeitslose kann der Weg nach oben auch im Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum beginnen. Roger ­Gredig, Leiter des RAV Rapperswil-Jona, im Treppenhaus seiner Wirkungsstätte.

Für Arbeitslose kann der Weg nach oben auch im Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum beginnen. Roger ­Gredig, Leiter des RAV Rapperswil-Jona, im Treppenhaus seiner Wirkungsstätte. Bild: Manuela Matt

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Angenommen, ich bin seit gestern arbeitslos und komme zu Ihnen aufs RAV: Was erwartet mich als Erstes?
Roger Gredig: Wichtig ist, dass Sie sich zunächst persönlich in einem der sechs RAV anmelden, weil Sie frühestens ab diesem Datum ­Anspruch auf Leistungen der Arbeitslosenversicherung beantragen können. Je nach Wohngemeinde ist dann eines der sechs RAV für Ihre Beratung und Vermittlung zuständig

Wie läuft die Anmeldung ab?
Das Anmeldegespräch dauert 20 bis 30 Minuten. Sie müssen einen Pass oder eine ID (für Ausländer einen Ausländerausweis) und eine Kopie der Kündigung mitbringen. Sie erhalten von uns diverse Informationen und Unterlagen. Es ist wichtig, dass Sie sich bereits während der Kündigungsfrist aktiv um Arbeit bemühen. Das Erstgespräch mit Ihrem persönlichen Berater findet dann nach Möglichkeit innerhalb der nächsten zwei Wochen statt.

Wie viele Arbeitslose betreut ein Berater?
Wir gehen von 120 bis 130 Kunden pro Personalberater aus. Damit wir unsere Ressourcen optimal einsetzen können, werten wir wöchentlich unsere Auslastung aus und können so eine faire Zuteilung von neuen Kunden vornehmen.

Sind 130 Kunden nicht enorm viel? Kann man da überhaupt noch von persönlicher Betreuung sprechen?
Das ist absolut machbar. Personalberater mit Schwerpunkt interinstitutionelle Zusammenarbeit (IIZ) koordinieren die Zusammenarbeit zwischen Betreuungskunden, der IV-Stelle, den Sozialdiensten und den Berufsinformationszentren. Da diese Personen eher schwieriger zu vermitteln sind, hat ein Personal­berater dementsprechend auch weniger Kunden.

Wer hat heute das grösste ­Risiko, arbeitslos zu werden?
Es kann absolut jeden und jede treffen. Abgesehen von den saisonalen Einflüssen ist der Arbeitsmarkt aus unterschiedlichen Gründen ständig im Wandel. Nehmen Sie die Aufhebung des Franken-Euro-Mindestkurses oder die Finanzkrise vor einigen Jahren: Da kann sich niemand seiner Stelle ganz sicher sein, ­weder der Projektleiter noch die Putzfrau. Natürlich appelliere ich an dieser Stelle auch an die Eigenverantwortung, den Arbeitsmarkt und die eigene Arbeitsmarkt­fähigkeit im Auge zu behalten.

Welches sind Ihre schwierigsten Kunden?
Zunächst einmal sind wir alle Menschen mit unterschiedlichen beruflichen Biografien. Aber es gibt Kunden, die im Zusammenhang mit ihrer Kündigung ge­gen­über dem ehemaligen Arbeit­geber Wut oder Ungerechtigkeit empfinden, und mit ihnen sind Gespräche manchmal ganz schön anspruchsvoll.

Was braucht ein Berater in so einer schwierigen Gesprächs­situa­tion vor allem?
In unserer Arbeit geht es ganz stark um Wahrnehmung. Ich muss mich in meinen Kunden ein Stück weit einfühlen, seine Si­tua­tion erkennen und einordnen können. Das schafft eine Verbindung. Manche leben noch in der Vergangenheit, in einem Negativmodus, oder sie leben schon viel zu stark in der Zukunft und werden dominiert von Ängsten. Da müssen wir ihnen zeigen, dass sich Lösungen nur aus dem Hier und Jetzt ergeben.

Gibt es auch Fälle, in denen Berater und Kunde es miteinander einfach nicht können?
Ja, die gibt es. Manchmal, wenn auch sehr selten, stimmt einfach die Chemie nicht. Das kommt aber fast nur in Fällen vor, in denen der Kunde seinen Pflichten nicht nachkommt, also etwa ­unentschuldigt nicht zum Beratungsgespräch erscheint. Dann werden Einstelltage verfügt, und da kann es schon mal zu Beschimpfungen oder Beleidigungen kommen. Der Umgang damit gehört zur Beratungskompetenz. Bei zwingenden Gründen kann auch ein Beraterwechsel vorgenommen werden.

Kommt es auch zu handfesten Drohungen?
In meiner aktuellen Funktion ­habe ich das noch nie erlebt. Die Sicherheit der Mitarbeitenden, aber auch der Kunden ist uns äusserst wichtig. Je nach Bedrohung haben wir verschiedene Möglichkeiten zu reagieren. Im Notfall arbeiten wir mit der Polizeistation Rapperswil der Kantonspolizei zusammen, welche sich im Hause befindet.

Wer hat die besten Chancen, wieder eine Stelle zu finden?
Entscheidend ist die Einstellung. Wer in einer Opferhaltung zu uns kommt, hat schlechtere Chancen. Diese Einstellung blockiert. Wer sich selber aktivieren kann und zukunftsgerichtet unterwegs ist, wird wieder eine Stelle finden.

Auch wenn er schon 55 ist?
Wenn er nicht krank ist, ja. Ältere Stellensuchende haben gar nicht so schlechte Chancen, wie man landläufig meint. Sie müssen aber um ihre Werte, beispielsweise Erfahrung, hohe Motivation, wissen und sich auch so verkaufen. Und sie müssen bereit sein, ihre Komfortzone zu verlassen, also etwa einen längeren Arbeitsweg oder eine Lohneinbusse in Kauf zu nehmen.

Für mich tönt das jetzt alles fast zu optimistisch.
Wer sich über seine Fähigkeiten im Klaren ist und weiss, wo er diese einsetzen möchte, kann sich ein Stück weit seine Stelle selber schaffen. Aber er muss hinaus­gehen, mit allen möglichen Leuten sprechen, netzwerken und sich in den Bewerbungsunter­lagen von anderen abheben.

Umfragen zeigen regelmässig, dass die Menschen sich vor Arbeitslosigkeit fast am meisten fürchten. Was ist das Schlimmste, das Arbeitslosigkeit mit einem Menschen macht?
Wenn zu einer Mehrfachproblematik – Scheidung, ein unerwarteter Todesfall eines Angehörigen, Wohnungsverlust – auch noch Arbeitslosigkeit kommt, wenn die Wut verraucht ist und in Resignation umschlägt, dann ­besteht die Gefahr, dass die Menschen abdriften. Das kann zu ernsthaften psychischen Beeinträchtigungen führen.

Was kann das RAV da tun?
Wir können den Menschen zumindest zeigen, dass wir sie wahr- und ernst nehmen, wir können sie ermutigen, vorwärtszuschauen. Wir glauben an die Menschen, geben sie nicht auf. Aber wir müssen uns auch abgrenzen. Wir bieten keine Lebensberatung an, können Betroffene aber an die entsprechenden Stellen verweisen, wo sie Unterstützung erhalten.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit besonders?
Dass ich täglich mit Menschen zu tun habe und mit dem Arbeitsmarkt. Beides fasziniert mich. Es macht mir Freude, Menschen weiterzubringen und meine Vision von einem menschlichen RAV, in dem man den Stellensuchenden mit Respekt und Empathie begegnet, täglich ein wenig weiterzuentwickeln. (zsz.ch)

Erstellt: 13.04.2015, 14:02 Uhr

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