Leben

Medikamente für Kinder an Kindern testen - ein Dilemma

Ist das eigene Kind krank, sind Eltern froh um eine Behandlung, die wissenschaftlichen Kriterien standhält. Doch dazu sind klinische Studien nötig – auch an Kindern.

Mit dem eigenen Kind an einer Studie teilnehmen? Diese Frage zu beantworten, ist für Eltern schwierig.

Mit dem eigenen Kind an einer Studie teilnehmen? Diese Frage zu beantworten, ist für Eltern schwierig. Bild: Shotshop

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kinder als Versuchskaninchen – bei dieser Vorstellung sträuben sich einem die Haare im Nacken. Doch dabei geht gern vergessen: Um Kinder mit schweren Krankheiten zu therapieren, müssen die Medikamente und Behandlungsmethoden zuerst ausprobiert werden. Ein grosser Teil der medizinischen Mittel wurde nur für die Behandlung von Erwachsenen getestet und zugelassen.

Doch Kinder sind nicht einfach kleinere Menschen. Ihre Organe sind zum Teil noch nicht ausgereift. So können das Gehirn, die Leber, die Niere oder das Abwehrsystem anders funktionieren als bei Erwachsenen. Medikamente, die ausgewachsene Personen gut vertragen, können bei ihnen im schlimmsten Fall toxisch sein.

In anderen Fällen wirken sie gar nicht. Manchmal reagieren Kinder sogar paradox auf Medikamente. Dieser Effekt wird zum Beispiel bei Jungen und Mädchen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) genutzt. Beim Ritalin, das sie beruhigt, handelt es sich eigentlich um ein stimulierendes Mittel aus der Gruppe der Amphetamine.

Einfach die Dosis dem Körpergewicht anzupassen, ist deshalb eine heikle Sache. Obwohl sich Kinderärzte dessen bewusst sind, müssen sie häufig Medikamente für Erwachsene verabreichen, weil sie nichts anderes zur Verfügung haben. Meist geht das gut. Doch statt nach wissenschaftlich hieb- und stichfesten Fakten richten sich die Ärzte nach ihren ­Erfahrungswerten.

Kinderspitäler arbeiten vermehrt zusammen

Diese unbefriedigende Situation soll sich nun verbessern. Vor zwei Jahren haben sich acht Kinderkliniken in der Schweiz zum sogenannten Swissped-Net zusammengeschlossen. Das Netzwerk hat sich zum Ziel gesetzt, die Forschung voranzutreiben. Krankheiten seien bei Kindern in der Regel seltener als bei Erwachsenen, erklärt David Nadal, Direktor des Forschungszentrums für das Kind am Kinderspital Zürich.

Um für klinische Studien genügend Teilnehmer zusammenzubringen, müssten Kinderspitäler deshalb stärker zusammenarbeiten. Kooperationen für spezifische Krankheiten – zum Beispiel die Behandlung von Krebspatienten – gab es schon zuvor. Mit der neuen Organisation erhofft man sich nun jedoch eine bessere ­Koordination der Projekte sowie mehr Gelder vom Bund und aus der Wirtschaft. «Wir versuchen, die Qualität zu steigern, weil wir das Beste für die Kinder wollen», betont der Professor. Dafür brauche es den Beitrag aller Betei­ligten.

Eltern sehr häufig im Dilemma

Bei pädiatrischen Studien sind es meist die Eltern, die entscheiden müssen, ob ihr Sohn oder ihre Tochter teilnehmen soll. Dies bringt sie nicht selten in schwierige Situationen. Setzen sie ihr Kind einem Risiko aus? Muten sie ihm Schmerzen oder andere Beschwerden zu? Hat der Arzt wirklich das Wohl des Kindes im Auge, oder ist ihm vor allem der wissenschaftliche Fortschritt wichtig?

Antworten auf diese Fragen müssen Eltern manchmal unter Zeitdruck finden. Eine gute Kommunikation ist eine wichtige Voraussetzung. Ziel der Studie sowie Vor- und Nachteile für das Kind müssen in gut verständlicher Sprache erklärt werden. Wichtig ist auch, dass der behandelnde Arzt und der Studienleitende nicht ein und dieselbe Person sind.

Dass solche grundlegenden Kriterien eingehalten werden, ­gewährleisten die kantonalen Ethikkommissionen. Sie müssen Studiendesigns prüfen und bewilligen. Die aus Ärzten, Psychologen, Theologen, Pflegeexperten, Pharmakologen und Ethikern zusammengesetzten Kommissionen berücksichtigen bei ihren Entscheiden diverse Aspekte. Die Studie muss für künftige Patienten einen bedeutenden Mehrwert bringen. Die Durchführung soll wissenschaftlich solide sein. Probanden müssen fair ausgewählt werden. Das Verhältnis zwischen geschätztem Risiko und erhofftem Nutzen sollte günstig ausfallen.

Nicht möglich: Studien bei seltenen Krankheiten

«Kinder gehören zu einer ­besonders verletzlichen Gruppe», erklärte André Perruchoud, Präsident der Ethikkommission Nordwest- und Zentralschweiz, anlässlich einer Medienorientierung Anfang Jahr in Zürich. «Deshalb werden bei ihnen spezielle Schutzmassnahmen berücksichtigt.» So werden an Minderjährigen zum Beispiel keine Methoden erforscht, die ebenso gut an Erwachsenen getestet werden könnten. Unethisch wäre es zudem, Medikamente in Afrika zu testen, wenn sie schliesslich vor allem Kindern in reicheren Ländern zugutekommen.

Zudem sei die Beurteilung des Risiko-Nutzen-Verhältnisses besonders streng, und die Kommunikation werde genau unter die Lupe genommen, wie Perruchoud weiter ausführte. Häufig macht die Kommission Vorschläge, wie die mündlichen und schriftlichen Informationen kürzer und verständlicher erfolgen können. Besonderen Wert legen die Ethiker auch auf Schmerz- und Angstbekämpfung.

Bei ganz seltenen Krankheiten jedoch sind Studien wegen der geringen Zahl von Betroffenen nicht möglich. Ärzte haben dann die Möglichkeit, es mit einem Heilversuch zu probieren. Dies ist vor allem dann eine Option, wenn man nicht viel zu verlieren hat, weil das Kind schwer krank ist. Auch in solchen Fällen müssen Eltern gut informiert werden. Richtlinien dazu gibt die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften heraus. Während die Resul­tate von wissenschaftlichen Studien publiziert werden müssen – auch wenn die Hypothese nicht bestätigt werden konnte –, ist dies bei Heilversuchen nicht vorgeschrieben.

«Wenn wir wegen diffuser Vorurteile keine Studien machen können, bleibt die Medizin stehen», verdeutlicht David Nadal und stellt die rhetorische Frage: «Wer ist nun wirklich das Versuchskaninchen? Das Kind, das an einer Studie teilnimmt und dabei gut überwacht wird, oder dasjenige, welches keine Therapie ­erhält?» (Landbote)

Erstellt: 25.03.2015, 15:03 Uhr

Beispiel einer Studie an Kindern

Im Kinderspital Zürich wollen Ärzte eine neue Methode entdecken, um schmerzfreie Eingriffe vorzunehmen. Ein Beispiel einer Studie an Kindern. Wenn Kinder wegen eines gebrochenen Arms ins Spital kommen und die Knochen verschoben sind, werden sie für die Behandlung meist in eine kurze Vollnarkose versetzt. Dann werden die Knochen in die richtige Stellung gebracht. Doch nun wollen es die Ärzte des Kinderspitals Zürich ohne Narkose versuchen. Über die Nasenschleimhaut wollen sie ein Schmerzmedikament verabreichen. So brauchen die kleinen Patienten weder Spritze noch Infusion und müssen keine Tabletten schlucken – alles Eingriffe, vor denen sie meist grosse Angst haben. Zur weiteren Eindämmung von Schmerzen erhalten sie Lachgas. «Wir sind die Ersten, welche die Kombination dieser beiden Mittel wissenschaftlich untersuchen», sagt Georg Staubli, Leitender Arzt der Notfallstation. Das Schmerzmedikament sei zwar auch für Kinder offiziell zugelassen, jedoch nicht in Form eines Nasensprays.

Eine wissenschaftliche Studie soll nun Hinweise liefern, wie gut mit der neuen Methode die Schmerzen bekämpft werden können und wie häufig Nebenwirkungen, zum Beispiel Übelkeit, auftreten. Für die Untersuchung möchten die Forschenden insgesamt 400 Personen gewinnen. Davon wird der Hälfte das Schmerzmedikament über die Nase verabreicht, der anderen Hälfte wird lediglich eine Natriumchlorid-Lösung in die Nase gespritzt, die keine Wirkung hat. Beide Gruppen erhalten zusätzlich Lachgas. Im sogenannten Doppelblindversuch wissen weder Arzt noch Patient, wer zu welcher Gruppe gehört. So will man suggestive Effekte so gut wie möglich ausschalten. Die Studie, die vom Kinderspital Zürich alleine durchgeführt wird, muss noch von der Ethikkommission des Kantons Zürich bewilligt werden.

Das Risiko bei dieser Untersuchung sei klein, erklärt Georg Staubli. Denn es sei äusserst unwahrscheinlich, dass sich lediglich wegen einer anderen Art der Verabreichung grundlegend verschiedene Wirkungen oder Nebenwirkungen einstellen. Dennoch: Gehen Eltern, die sich zum Mitmachen entscheiden, nicht das Risiko ein, dass sie ihr Kind unnötigen Schmerzen aussetzen, dann etwa, wenn es der Placebogruppe zugeteilt wird? Der Kinderarzt relativiert diese Bedenken: In anderen Ländern würden solche Ein-griffe lediglich mit Lachgas vorgenommen. So gesehen sei die Untersuchung durchaus zumutbar.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!

Kommentare

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.