Zürich

Mammografie ja oder nein? Jede Frau muss selber entscheiden

Sollen Frauen ab 50 eine Mammografie ­machen lassen? Eine ­eindeutige Antwort dar­auf gibt es nicht. Jede Frau muss selber entscheiden, ob sie die Vor- oder die Nachteile ­stärker gewichtet.

Ein Radiologe beim Betrachten von Röntgenbildern einer weiblichen Brust. Auch Fachleute sind sich allerdings nicht einig, ob routinemässige Mammografien sinnvoll sind.

Ein Radiologe beim Betrachten von Röntgenbildern einer weiblichen Brust. Auch Fachleute sind sich allerdings nicht einig, ob routinemässige Mammografien sinnvoll sind. Bild: Keystone

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Manche Leute schliessen für jede Lebenslage eine Versicherung ab und nehmen dafür erhebliche Prämienkosten in Kauf. Andere versichern nur das Minimum. Ähnlich verhält sich die Sache in der Gesundheitsvorsorge: Während sich einige regelmässig von Kopf bis Fuss untersuchen lassen und dabei keine Unannehmlichkeiten scheuen, überlassen sich andere einem gewissen Fatalismus. Wie weit man sich vor Krankheiten zu schützen versucht, hängt von der persönlichen Einstellung ab.

Besonders diffizil ist die Entscheidung bei der Früherkennung von Brustkrebs, die für Frauen spätestens ab dem 50. Lebensjahr ein Thema wird. Die Krebsliga und andere Stellen empfehlen ­alle zwei Jahre eine Mammografie. Doch selbst ausgewiesene Experten streiten sich darüber, ob routinemässige Mammografien mehr Vor- oder Nachteile haben. «Wir bezahlen einen kleinen Nutzen mit erheblichen Nachteilen», sagte etwa Peter ­Jüni, Direktor des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin an der Universität Bern, anlässlich einer Podiumsveranstaltung in Winterthur.

Viele Frauen werden unnötig verängstigt

Denn nur eine von 1000 Frauen, die sich der Massnahme unterziehen, bleibt damit vom Tod durch Brustkrebs verschont. Vier von 1000 sterben in den folgenden zehn Jahren trotzdem daran. Die Untersuchungen können also die Todesfälle um einen Fünftel reduzieren. Gleichzeitig findet man aber bei 100 Frauen auffällige Stellen, die weiter abgeklärt werden müssen. Viele werden so unnötig verängstigt. Denn mittels Mammografie können auch eingekapselte Tumoren gefunden werden, die vielleicht nie zu Problemen führen würden. Mit den flächendeckenden Untersuchungen werden pro verhinderter Todesfall drei Frauen unnötigerweise einer Krebstherapie unterzogen, die sehr beschwerlich und teuer ist. «Wir sind zum Schluss gekommen, dass der Schaden dieser Programme überwiegt», sagte Peter Jüni weiter.

Der Medizinprofessor hat bei einer Studie des Fachgremiums Swiss Medical Board mitgearbeitet, bei der Daten vergangener wissenschaftlicher Untersuchungen verschiedener Länder verglichen wurden. Ungünstig sei zwar, dass sämtliche Studien über das Thema bereits vor den 90er-Jahren gemacht wurden, bevor die modernen Brustkrebstherapien zur Verfügung standen, räumte Jüni ein. Neuere Studien gebe es leider nicht. Um zu aussagekräftigen Ergebnissen zu kommen, müssten mindestens 100 000 Frauen in zwei Vergleichsgruppen über zehn Jahre beobachtet werden. Eine teure Sache.

Keine Sicherheit zwischen zwei Untersuchungen

Auch Konstantin Dedes, Gynäkologe am Universitätsspital Zürich, findet es problematisch, wenn sich Frauen wegen der Mammografien in Sicherheit wiegen. Denn gerade die aggressiven Tumoren würden sich schnell entwickeln; unter Umständen sei das Intervall von zwei Jahren zu lang, um sie zu erfassen, erklärte der Oberarzt. «Es handelt sich um eine Momentaufnahme und keine Versicherung», betonte er. Zudem komme es zuweilen auch zu Fehldiagnosen. Dennoch hält er es für sinnvoll, Frauen ab 50 systematisch einzuladen und ihnen die Untersuchung zu bezahlen: So erreicht man sämtliche soziale Schichten und stellt ihnen Informationen zu, während sich sonst Frauen selber dar­um bemühen müssen.

Auf routinemässige Mammografien hatte Silvia Candrian verzichtet. Die Winterthurer Künstlerin, die als Betroffene in der Runde mitdiskutierte, hatte die Veränderungen in ihrer Brust selber wahrgenommen. Es habe sich um einen schnell wachsenden Tumor gehandelt, der zum Zeitpunkt der Mammografie nicht unbedingt sichtbar gewesen wäre, hat sie von ihrem Frauenarzt erfahren. Sie riet den Anwesenden, ihre Brust regelmässig selber abzutasten, am besten unter der Dusche, und gut auf ihren Körper zu hören. «Im Nachhinein wurde mir bewusst, dass ich mich schon lange vor der Diagnose krank gefühlt hatte», blickte Silvia Can­drian zurück.

Wenig Gesundheit teuer erkauft

Überzeugt von den Programmen diverser Kantone ist Kathrin Leupi, Radiologin am Brustzen­trum der sankt-gallischen Klinik Hirslanden, welche die Mammografien durchführt. Mit den routinemässigen Untersuchungen steige die Qualität, führte sie aus. Denn die Beurteilung der Röntgenbilder brauche viel Erfahrung. Dass es zu Überdiagnosen kommt, bestreitet die Fachfrau nicht. Ob die Krankheit tatsächlich ausbreche, hänge auch von der Lebensdauer ab. «Indem wir auch Veränderungen erkennen, die vielleicht unproblematisch wären, sind wir auf der sicheren Seite.» Für Leupi überwiegen die Vorteile: «Ich persönlich wäre bereit, den Preis zu bezahlen.»

Eine wieder andere Betrachtungsweise brachte Klaus Eichler ein, der am Winterthurer In­sti­tut für Gesundheitsökonomie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften forscht. In seinem Fach gehe es nicht nur ums Sparen, betonte er. «Wir schauen, wie viel Gesundheit und Lebensqualität im Verhältnis zu den Kosten herausschaut.» Sich damit auseinanderzusetzen, sei aus ethischen Gründen wichtig, erklärte der Medizinprofessor. Denn nicht für alles, was möglich ist, sei Geld vorhanden. Bei den flächendeckenden Brustkrebsfrüherkennungen falle das Verhältnis ungünstig aus, hielt er fest.

Nicht die häufigste Todesursache

Zudem könnte man mit anderen Untersuchungen mehr Leben retten, ergänzte Peter Jüni. So zum Beispiel mit Darmspiegelungen. Die Methode zur Früherkennung von Darmkrebs senke nachweislich die Sterblichkeit, ohne namhafte Nachteile. Doch paradoxerweise gebe es in den meisten Kantonen keine entsprechenden Screening-Programme. Brustkrebs sei zudem nicht die häufigste Todesursache bei Frauen, erklärte er.

Noch mehr würden an Herz-Kreislauf-Erkrankungen sterben. «Doch die Angst vor Krebs ist eben viel grösser.» Der engagierte Berner Hausarzt sprach sich nicht dezidiert gegen Mammografien aus. Vielmehr will er erreichen, dass alle Frauen Zugang zu differenzierten, gut verständlichen Informationen haben. «Nur so können sie für sich selber die richtige Entscheidung treffen.» (Landbote)

Erstellt: 13.05.2015, 13:58 Uhr

Information

Das kontroverse Thema wurde am 5. Mai anlässlich eines gut besuchten Podiums in der Alten Kaserne Winterthur diskutiert. Moderatorin war die Journalistin Claudia Sedioli. Eingeladen hatte das Politische Frauenforum Winterthur.

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