Gesundheit

Kinder können lernen, ihre Blase zu kontrollieren

Nasse Hosen sind für Kinder und ihre Eltern ganz schön belastend. In einer speziellen Physiotherapie lernen Kinder ihre Ausscheidungsorgane kennen und steuern. Dabei ist aber Geduld gefragt.

Beatrix Steiner zeigt Kindern auf spielerische Art – mit Blas- und Atemübungen, Bilderbüchern sowie anderen Hilfsmitteln –, wie sie Ausscheidungsorgane trainieren können.

Beatrix Steiner zeigt Kindern auf spielerische Art – mit Blas- und Atemübungen, Bilderbüchern sowie anderen Hilfsmitteln –, wie sie Ausscheidungsorgane trainieren können. Bild: Donato Caspari

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Linus* ist ein Ritter. Das Gesäss auf dem Sattel, die Füsse in den Steigbügeln verankert, schnalzt er mit der Zunge und wippt lebhaft auf dem Sitzball auf und ab. «Ich spüre viel Kraft im Rücken und im Bauch», spricht ihm Beatrix Steiner zu. «Super machst du das, du bist ein starker Mann», ermutigt sie den Sechsjährigen. Nun soll er von seinem Pferd aufstehen. «Was passiert im Beckenboden?», regt ihn die Physiotherapeutin an, seinen Körper wahrzunehmen.

Der Name der verborgenen Muskelgruppe im Unterleib ist für den Jungen kein Fremdwort mehr. In früheren Therapiestunden hat er bereits Bekanntschaft gemacht mit dem Organ, das für die Kon­trol­le des Wasserlassens so wichtig ist. Denn genau dies klappt bei Linus häufig nicht. Der Junge aus der Umgebung von Winterthur ist noch nicht trocken geworden. Manchmal braucht er bis zu sechs Paar Hosen an einem Tag.

Mit Kindern wie Linus hat Beatrix Steiner häufig zu tun. Die Physiotherapeutin arbeitet an der Therapiestelle der Winterthurer Brühlgut-Stiftung, wo Kinder mit besonderen Bedürfnissen mit Physio- und Ergotherapie unterstützt und gefördert werden. Steiner hat sich auf Inkontinenz bei Kindern spezialisiert. Sie behandelt Patienten ab Kindergarteneintritt bis in die Oberstufe. Einige nässen nachts ein, andere schaffen es auch tagsüber nicht immer rechtzeitig auf die Toilette. Gar nicht so selten sei auch Stuhlinkontinenz, sagt Steiner. Sie ist eine der wenigen Therapeutinnen in der Region, die Beckenbodentraining für Kinder anbieten.

Sie geraten in Panik und machen das Falsche

Der Therapie geht stets eine Abklärung bei einem Kinderarzt voraus, damit allfällige organische Probleme erkannt werden. Häufig ist aber die Wahrnehmung mangelhaft. Die Kinder seien zu stark mit anderem beschäftigt, erklärt Beatrix Steiner. So spüren sie nicht, wann ein Gang aufs WC angesagt wäre. Wenn dann der Urin zu laufen beginnt, würden viele in Panik geraten und genau verkehrt reagieren, weiss die Fachfrau. «Sie machen den Beckenboden auf statt zu.» Die Kinder sollen deshalb die beteiligten Organe kennen und steuern lernen und damit Vertrauen in ihren Körper gewinnen. «Ich möchte ihnen das Bewusstsein vermitteln, dass sie der Chef ihres Beckenbodens sind.»

Linus liegt nun auf der Matte und versucht, seine Blase zu ertasten. «Was meinst du, wie viel ist da jetzt drin?», fragt Steiner. Am Lavabo füllt sie einen Ballon mit Wasser. «Noch nicht so viel», glaubt Linus. Doch sicher ist er nicht. Schliesslich hat er seine Harnblase noch nie gesehen; sie ist im Körperinnern versteckt. Eine weitere Methode, welche die unsichtbare Muskulatur etwas bewusster macht, ist das Biofeedback. Dabei werden Elektroden in der Intimgegend angeschlossen. Indem Linus den Beckenboden hochzieht und wieder loslässt, bringt er auf dem Bildschirm ein Smiley zum Lachen, oder eine Blume öffnet und schliesst sich.

Oft passiere es beim Spielen, sagt Linus’ Mutter. Der Junge sei so vertieft, dass er gar nicht spüre, wann er aufs Klo muss. Oder er habe Angst, dass die jüngeren Geschwister unterdessen etwas kaputt machen. Sie hat nun angefangen, ihn regelmässig aufzufordern, auf die Toilette zu gehen, und hat mit ihm ein Belohnungsschema ausgearbeitet. Wenn er beim ersten Mal gehorcht, bekommt er einen Punkt. Bei fünf Punkten darf er sein Lieblingsmittagessen wünschen.

Die Mitarbeit der Eltern ist ein wichtiger Teil der Behandlung. Oft hätten sich ungünstige Muster zwischen Kindern und Eltern eingespielt, sagt die Therapeutin. Denn die Inkontinenz bedeute für beide Seiten einen grossen Stress. Kinder nehmen deswegen nicht an Klassenlagern teil oder werden von Mitschülern ausgelacht. Manchmal seien auch bei den Eltern Schuldgefühle im Spiel, weiss Steiner. Dann versucht sie, die ­Eltern zu entlasten, und stellt klar, dass es die Kinder nicht absichtlich machen.

Trinkgewohnheiten und WC-Zeiten anpassen

Ein weiteres probates Mittel ist das Protokoll. Während der Therapie müssen die Beteiligten genau festhalten, wann sie wie viel trinken, die Urinmenge abmessen und notieren, wann es zu Missgeschicken kommt. Kleine Kinder können das mit Zeichnungen machen. Manchmal bringe es bereits etwas, das Trinkverhalten zu ändern, sagt Steiner.

Bettnässerkindern etwa rät sie, morgens viel zu trinken, ab vier Uhr nachmittags aber nur noch sehr wenig. Kommt das Kind oft mit nasser Hose vom Kindergarten nach Hause, sollte man ihm angewöhnen, noch in der Schule aufs WC zu gehen. Nicht selten ruft die Physiotherapeutin auch mal die Lehrperson an, um sie zu informieren und fürs Mithelfen zu gewinnen. Bis sich eine Besserung einstellt, brauche es meist mindestens zwei Serien zu neun Therapiesequenzen, stellt die Therapeutin klar. «Gewohnheiten zu ändern, ist nicht einfach», hat sie erfahren.

Auch Linus wird noch einige Male mit seiner Mutter nach Winterthur kommen. Beide hoffen, dass der Junge nach den Sommerferien, wenn er in die Schule kommt, mehrheitlich trocken sein wird. Zumindest tagsüber. Linus hat noch einen anderen Grund, wieso er bei der Therapie gut mitmacht: Wenn er nicht mehr in die Hose macht, steht ihm ein Besuch im Legoland in Aussicht.

*Name geändert ()

Erstellt: 24.06.2015, 15:28 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!