Wer sät, der erntet. Oder auch nicht.

Von der Schwierigkeit, aus Saatgut schöne und kräftige Setzlinge selbst zu ziehen.

Auch ohne die Setzlinge selbst zu ziehen ist immer genügend Arbeit im Garten vorhanden. (Bild: Sandra Weber)

Es ist mal wieder April und unser WC stinkt zum Himmel. Die Wäsche türmt sich, der Boden klebt und im Kühlschrank herrscht gähnende Leere. Das liegt nicht daran, dass ich als berufstätige Mutter eines zehn Monate alten Krabbelbabys kaum noch zum Haushalten komme. Oder nicht nur. Kaum lässt der Frühling sein blaues Band durch die Lüfte flattern, befällt mich das Gartenfieber. Im Haus bin ich dann nicht mehr zu gebrauchen. Statt Milch und WC-Papier schleppe ich Erde und Saatkartoffeln heim. Statt Geschirr schrubbe ich Blumentöpfe. Und statt Staub zu saugen bin ich mit dem Rasenmäher unterwegs. Gäste kann ich ja nun wieder im Garten willkommen heissen. Wenn mir dann nicht gerade das Aprilwetter einen Strich durch die Rechnung macht.

Dennoch ist es bei uns derzeit ordentlicher als in anderen Jahren: Fussböden und Fenstersimse sind zwar staubig, aber frei zugänglich. Ich habe nämlich aufgehört, Salat, Kräuter und Gemüse im Haus vorzusäen. Und habe meinem Sohn, ohne dass er es weiss, gehörig das Spiel verdorben. Nicht auszudenken, mit welchem Genuss er die vielen Töpfchen ausgeleert, die Pflänzchen ausgezupft, in ihre zarten Bestandteile zerlegt und grossflächig in der Wohnung verteilt hätte! Auf das Säen verzichte ich diesmal aber noch aus einem anderen Grund: Da ich kein Gewächshaus habe, ja nicht mal ein einziges wirklich sonniges Fensterbrett, erinnerten meine Schützlinge leider immer an Supermodels: hochgewachsen und sehr, sehr dünn. Mit ihren Starallüren waren sie nicht für das Leben in der freien Natur geschaffen. Raffte sie nicht gleich der erste Frühlingshauch dahin, verschmachteten oder erfroren sie, wurden von Schnecken verzehrt oder fielen einer unerklärlichen Krankheit zum Opfer. Und das nachdem ich sie wochenlang zum Abhärten morgens raus und abends wieder reingetragen hatte. Sie bei zu viel Sonne beschattet und bei Frostgefahr warm eingepackt hatte. Sie getränkt und gefüttert und ihnen gut zugeredet hatte.

Damit die Samen gut spriessen, braucht es neben viel Pflege auch den idealen Standort. (Bild: key)

Nun, das alles werde ich auch dieses Jahr wieder tun müssen. Und zwar mit meinem Sohn. Die Setzlinge aber werde ich mir Ende Monat auf dem Markt holen. Gesunde, kräftige Pflänzchen. Sollten die eingehen, ist es wenigstens nicht ganz meine Schuld.

Erbsen lassen sich, anders als zartere Pflanzen, problemlos bereits im März im Freien stecken. (Bild: Sandra Weber)

Klar: Mit Setzlingen vom Gärtner greife ich etwas tiefer in den Geldbeutel. Und: Seltene Pflanzensorten sind manchmal nur als Saatgut erhältlich. Ausserdem kann ich mich im August vor meinen Gästen dann nicht damit brüsten, den Basilikum und die Tomaten aus dem Tomaten-Mozzarella-Salat selber gesät zu haben. Aber dafür Schnittsalat, Erbsen, Bohnen, Karotten und Radieschen. Ganz auf das Säen möchte ich nämlich nicht verzichten. Zu beobachten, wie aus einem winzigen Samenkorn eine Pflanze wird, ist für mich jedes Mal wieder ein Wunder. Erbsen habe ich schon im März gesteckt. Und spätestens wenn Pankratius, Bonifatius und Konsorten ins Land gegangen sind, säe ich den Rest direkt ins Hochbeet. Dort sind meine Pflanzen auch vor Patschehändchen sicher. Bis dahin ist jetzt aber noch etwas Zeit. Zum Glück! Denn auch ohne Vorsäen gibt es noch eine Menge zu tun: Kartoffeln verbuddeln. Kompost umsetzen. Staudenbeete jäten und mulchen. Oder vielleicht doch einmal den Frühjahrsputz anpacken.

Sandra Weber

Erstellt: 01.04.2015, 21:37 Uhr

Tipps und Tricks

Säen im Haus – eine Anleitung für Glücksritter

Hätte ich ein Gewächshaus, einen Wintergarten oder nur schon ein richtig schön helles, nicht zu warmes Fensterbrett zur Verfügung, würde ich mein Glück wie folgt versuchen:


  • Samen ab Mitte Februar in Schalen mit nährstoffarmer Anzuchterde säen. Angaben zum richtigen Zeitpunkt stehen auf der Verpackung.



  • Ausserdem Lichtempfindlichkeit beachten: Dunkelkeimer (Tomate, Zucchetti, Gurken, Kürbis, Mais, Nüsslisalat und Kräuter wie Borretsch, Liebstöckel, Petersilie und Schnittlauch) mit Erde bedecken, Lichtkeimer (wie Baumspinat, Sellerie, Salat und viele Kräuter wie Basilikum, Thymian, Majoran, Bohnenkraut, Dill, Melisse, Minze) auf die bereits angefeuchtete Erde streuen und leicht andrücken, z. B. mit einem Brettchen.



  • Ev. mit einer Glasscheibe, einer Haube oder Folie abdecken.



  • Erde mit einem Wassersprüher feucht halten, zu Beginn gut aufpassen, dass die Samen nicht davongespült werden.



  • Zeigen sich nebst den zwei Keimblättchen auch die ersten richtigen Blättchen wird es Zeit, die Keimlinge zu pikieren: Dazu die kräftigsten Pflänzchen auswählen und einzeln in grössere Töpfchen (auch Joghurtbecher oder Eierkartons) mit nährstoffreicherer Erde setzen. Dafür mit einem Pikierholz oder Bleistift die Erde lockern und dann die Pflänzchen keinesfalls am Stängel, sondern an den Keimblättern halten und aus der Erde lösen. Das neue Pflanzloch so tief machen, dass die Wurzeln genügend Platz haben, Erde rund um das Pflänzchen gut andrücken und wässern. Tomaten dabei tief setzen, damit sie mehr Wurzeln bilden und kräftiger werden. Salate hingegen sollte «im Wind flattern». Der Stängel darf grosszügig aus der Erde schauen.



  • Sind aus den Keimlingen kräftige Setzlinge geworden, können sie nach einer Abhärtungsphase, in der sie sich tagsüber an einem windgeschützten, schattigen Ort im Freien oder in einem Kaltbeet an das Leben draussen gewöhnen konnten, ins Freiland verpflanzt werden. Folientunnels, Vlies u. ä. können zu Beginn ebenfalls vor Kälte und Sonne schützen. Mediterranes wie Peperoni, Gurken, Tomaten, Zucchini und Kürbis erst nach den Eisheiligen, also ca. Mitte Mai ins Freiland pflanzen.



Selbstverständlich kann alles auch direkt ins Freie gesät werden. Der beste Zeitpunkt dafür findet sich auf der Verpackung. Vorgezogene Pflänzchen haben gegenüber den im Freiland gesäten aber einen Zeitvorsprung, sind zum Zeitpunkt der Auspflanzung bereits kräftig und damit besser vor Schädlingen geschützt.

Saatgut bekommt man zum Beispiel bei Zollinger www.zollinger-samen.ch oder Sativa Rheinau www.sativa-rheinau.ch.

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Sandra Weber hat zwei grosse Leidenschaften: Schreiben und Schaufeln. Im Gartenblog erzählt die Journalistin und Mutter von zwei kleinen Söhnen schonungslos ehrlich, selbstkritisch und mit viel Humor von Lust und Frust in Edens Vorort. Grüner Daumen? Im besten Fall kleiner grüner Finger. Dafür bewirtschaftet sie mit viel Geduld, Wagemut und Leidenschaft ihren Garten im Mehrgenerationenhaus in der Nähe von Winterthur. Und sie hat ein grosses Herz für alles was grünt und blüht, kreucht und fleucht.

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