Garten-Blog

Live fast, die young

Jedes Gartenparadies sollte auch einen schönen Eingang haben. Dieses Tor zu hegen und zu pflegen, ist jedoch gar nicht so einfach. Tierliebe ist von Vorteil.

Ich hatte mir das so schön vorgestellt: Ein lauschiger grüner Weidenbogen sollte den Eingang meines Gemüsegartens rahmen und diesen vom staudenbewachsenen Vorgarten trennen.

Dazu hatte ich je drei dicke Weidenruten miteinander verflochten, in den Boden gesteckt und oben zusammengebunden. Das sah im ersten Jahr prima aus. Im zweiten Jahr war es bereits weniger ein Tor als vielmehr ein Gebüsch mit Schlupfloch. Nebst Bohnen und Kartoffeln brachte ich stets auch Spinnen, Blattläuse und Ameisen mit in die Küche – in meinen Haaren.

Bis im Herbst ist aus dem Weidenbogen ein stattlicher Baum geworden.

Im dritten Jahr zwängte ich mich zum Betreten des Gemüsegartens lieber gleich zwischen den Himbeeren durch. Zunehmend beschattete das Weidenungetüm Gemüse und Stauden. Kräftiges Zurückschneiden nützte gar nichts. Im Gegenteil. Ähnlich der Hydra, der vielköpfigen Schlange aus der griechischen Mythologie, wurde das Ungeheuer dabei nur noch stärker.

Wirr schiesst das Grün in alle Richtungen.

Bodeneben abschneiden wollte ich es und den Wurzelstock ausgraben. Ich hatte die Baumschere schon in der Hand, da entdeckte ich in der Krone ein Amselnest. Vier Schnäbel reckten sich gierig in die Höhe, die Mutter sass zeternd auf dem nahen Pfeifenstrauch und appellierte an mein grünes Gewissen. Nebst dem Menschen, der sich über die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten der Weide freut und sie zu lebenden Zäunen, Pavillons und Spielhäuschen flicht, profitieren nämlich über tausend Insektenarten von dem Baum.

So dienen seine Blätter zahlreichen Schmetterlingsarten als Raupenfutter, während die flaumig zarten Weidenkätzchen Wild- und Honigbienen schon früh im Jahr Nektar bieten. Weiden, vor allem alte, sind aber auch bei Vögeln, Siebenschläfern und Fledermäusen beliebt, die nach Futter, Nist- und Schlafhöhlen suchen.

Immerhin die Vögel, hier eine Amsel, fühlen sich sofort zu Hause.

Mit einer Weide im Garten leistet man also einen Beitrag zur Artenvielfalt. Zudem liefert sie jeden Februar Material für Flechtkunstwerke. (Nicht dass ich dafür Zeit fände, aber es ist ein schöner Gedanke.) Ich liess den Bogen stehen und warte nun darauf, dass er von selbst das Zeitliche segnet. Denn gerade ihre Wüchsigkeit wird der Weide zum Verhängnis: «Live fast, die young» scheint ihr Motto zu sein.

Nicht nur haben sie alle zum Fressen gern, ihr weiches Holz ist auch anfällig für Krankheiten, Fäulnis und Pilze. Aber wie es so ist im Garten: Was man nicht haben möchte, gedeiht am besten.

Wissenswertes und Tipps zu Weiden

Weiden haben die wundersame Fähigkeit, innert fünf Jahren von einem kleinen Steckholz zu einem stattlichen Baum heranzuwachsen. Wegen ihrer Biegsamkeit eignen sich ihre Ruten ideal für Flechtwerke. Frisch geschnitten können sie zu Zäunen, Körben, Rankobelisken, Kugeln oder Kränzen verarbeitet werden.

Flaumig zarte Weidenkätzchen, wichtige Nahrung für Bienen.

Aus lebenden Weiden entstehen grüne Spielhäuschen, Tunnels oder Sichtschutzwände. Weide ist nicht gleich Weide: Es gibt Baum- und Strauchformen sowie unterschiedliche Blatt- und Rindenfarben.

Beziehen: Weidenruten und Steckhölzer bekommt man über Naturgartenbauer oder die Unterhaltsbetriebe von Städten und Gemeinden. Sie dürfen in der Natur nicht selber geschnitten werden.

Schneiden: Kopfweiden und Flechtobjekte einmal jährlich, im Januar oder Februar. Wer die Ruten nicht zum Flechten braucht, wartet bis kurz nach der Blüte, damit Bienen, Wildbienen und andere Insekten vom Nektar profitieren können.

Flechten: Am besten sofort, weil die frischen Ruten noch sehr biegsam sind.

Lagern: Steckhölzer und Ruten zum Einpflanzen müssen an einem kühlen, aber frostfreien, dunklen Ort ins Wasser gestellt werden. Schnittstelle markieren, damit nicht vergessen geht, welche Seite unten ist!

Pflanzen: Wenn keine längeren Fröste mehr zu erwarten sind. Die wurzellosen Steckhölzer an einem hellen, nicht zu trockenen Ort 30 bis 60 cm tief eingraben, im ersten Jahr gut wässern. Düngen ist nicht nötig.

Loswerden: Weiden bilden keine Ausläufer, treiben aber immer wieder neu aus. Wer sie ganz entfernen will, muss den Wurzelstock ausgraben.

Erstellt: 04.02.2016, 14:38 Uhr

Sandra Weber hat zwei grosse Leidenschaften: Schreiben und Schaufeln. Im Gartenblog erzählt die Journalistin und Mutter von zwei kleinen Söhnen schonungslos ehrlich, selbstkritisch und mit viel Humor von Lust und Frust in Edens Vorort. Grüner Daumen? Im besten Fall kleiner grüner Finger. Dafür bewirtschaftet sie mit viel Geduld, Wagemut und Leidenschaft ihren Garten im Mehrgenerationenhaus in der Nähe von Winterthur. Und sie hat ein grosses Herz für alles was grünt und blüht, kreucht und fleucht.

Hier wird geholfen

Bei grösseren Projekten helfen Naturgartenbauer (Verzeichnis siehe www.bioterra.ch/fachbetriebe) oder der Flechtwerkgestalter Simon Mathys, der auch Flechtkurse organisiert: www.flechtart.ch

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