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Kolumne von Milo RauBleiben Sie paranoid!

Warum in den Verschwörungstheorien ein Stück Wahrheit steckt.

Unbewilligte Demonstration gegen die Corona-Massnahmen auf dem Bundesplatz in Bern.
Unbewilligte Demonstration gegen die Corona-Massnahmen auf dem Bundesplatz in Bern.
Foto: Manuel Zingg

Vergangene Woche führte ich mit der Kulturwissenschaftlerin Bénédicte Savoy eine Online-Debatte zum Leben nach Corona. Savoy machte mich dabei auf eine interessante Tatsache aufmerksam: Verschwörungstheorien wie die der «Impfdiktatur» würden vor allem von jenen vertreten, die von der Krankheit nicht betroffen sind. Das leuchtet unmittelbar ein. Dass es eine tödliche Krankheit «nicht gibt» und von elitären Gehimzirkeln «erfunden» wurde, kann nur behaupten, wer selbst verschont geblieben ist.

Deutschland, das weltweit Corona mit am besten gemeistert hat, hat so aktuell konsequenterweise die meisten Anti-Hygiene-Demos zu verzeichnen. In den USA und in Brasilien dagegen, wo Verschwörungstheoretiker sogar an der Macht sind, sorgten über hunderttausend Tote dafür, dass niemand mehr die «Realität» der Krankheit anzweifelt.

Trotzdem steckt in diesen Verschwörungstheorien, behaupte ich, ein Wahrheitskern. Wie es in dem bekannten Witz heisst: Nur weil du paranoid bist, heisst das noch lange nicht, dass sie nicht hinter dir her sind. Oder auf Corona bezogen: Die gleichen Megakonzerne, die ihre genetisch veränderten Lebensmittel pausenlos um die Welt fliegen, werden uns bald auch das Heilmittel für die neueste pandemische Folge dieser rücksichtslosen Globalisierung verkaufen. Doch deshalb haben sie Corona nicht selbst entwickelt. Verantwortlichkeit im gefühlten und im juristischen Sinn sind eben nicht das Gleiche.

Machtkritik und Sozialneid wohnen nah beieinander»

Milo Rau

Womit die zentrale Frage «Wer profitiert davon?» nicht irrelevant wird. Oder besser: Welche inhumanen Strukturen machen die immer gleichen tödlichen Profit-Kreisläufe möglich? Und hier sollte der bei aller oberflächlichen Doofheit den Verschwörungstheorien innewohnende Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit ernst genommen werden. Sich von etwas in Empörung versetzen zu lassen, ist die Voraussetzung für jede Form des Engagements und damit der Veränderung.

Doch vor allem ist natürlich Vorsicht geboten. Machtkritik und Sozialneid wohnen, wie man weiss, nah beieinander. Gefühlte Wahrheiten haben die Eigenart, schnell ungenau zu werden, und hinter der erhabenen Klippe der Empörung liegt das verpestete Tal des Ressentiments. Verschwörungstheorien sind, simpel gesagt, die Abfallgrube des engagierten Denkens. Hier vermischen sich Urteil und Vorurteil, berechtigter Einwand und absichtliches Missverständnis.

Schon bei der Pest, die im 14. Jahrhundert wütete, wurde der Bevölkerung schnell klar, dass die rasende Verbreitung der Krankheit mit der schlechten Hygiene und dem entgrenzten Handel zu tun hatte. Aber es waren eben nicht jüdische «Brunnenvergifter», die daran die Schuld trugen. Sondern die christlichen Eliten selbst, denen die Gesundheit der Massen völlig egal war – und die natürlich bei der Judenhetze am lautesten dabei waren.

Bleiben Sie also bitte paranoid. Empören Sie sich. Aber schauen Sie sich sehr genau an, wer hinter Ihnen her ist. Denn im Zweifelsfall sind Sie es selbst.

13 Kommentare
    Sacha Meier

    Aus der Sicht der manipulativen Kommunikation sind Verschwörungstheorien (VT) ein anerkanntes Mittel der Propaganda. Sie decken eine ganze Bandbreite an Einsatzmöglichkeiten ab. So können sie etwa tatsächliche Ereignisse der öffentlichen Lächerlichkeit preisgeben - wenn man darum herum nur eine genügend surreale Geschichte baut. Ist etwa eine Spezialität des US-DOD und der USAF, neuartige Fluggeräte Ausserirdischen in die Schuhe zu schieben. Oder man kann eine False-Flag-Operation elegant in eine VT einwickeln. Tat etwa der verkannte österreichische Kunstmaler mit dem Reichstagbrand. Man kann damit auch einen eigenen technologischen Rückstand kaschieren, indem man Technologien eines wirtschaftlich überlegenen Gegners als gefährlich darstellt. Machen die USA und Russland gerade intensiv mit 5G. Oder lenkt wirksam von eigenen Fehlleistungen ab, indem jeder Versuch einer objektiven, faktenbasierten Darstellung als VT gebrandmarkt wird. Macht etwa gerade China rund um Herkunft und Bauweise des SARS CoV-2 Virus. Oder, man kann einen Gegner schwächen. Tat schon die frühere Sowjetunion, indem Sie das Impfen und Iodieren von Salz diskreditierte. VT sind darum hochwirksam, weil der Bürger lieber an üble Machenschaften glaubt, als objektiv Fakten zu analysieren. Oft kann er das mangels fachliches, nachrichtendienstliches und historisches Hintergrundwissen gar nicht. Dazu kommt noch die Shocking-Secret-Publikationsindustrie die VT für Geld in Büchern, DVD und Vorträgen kolportiert.