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Lexikon der Gegenwart«Bias blind spot»

Warum wir immer glauben, unvoreingenommener zu sein als alle anderen.

Diese Woche wird es etwas technisch, dafür möchte ich mich jetzt schon entschuldigen. Aber es gibt eine Anekdote aus der Wissenschaft, die ich unbedingt erzählen will, und die geht so:

Im Jahr 2002 hatte die Sozialpsychologin Emily Pronin eine Idee. Sie wollte herausfinden, wie Menschen ihre eigene Urteilsfähigkeit bewerten, also begann sie zusammen mit ihren Kollegen Daniel Lin und Lee Ross ein Experiment. Sie interviewte sechshundert Testpersonen und stellte fest, dass 85 Prozent der Befragten meinten, unvoreingenommener zu sein als ihre Mitmenschen. Nur eine Person fand, sie sei parteiischer als der Durchschnitt. Eine einzige Person. Von sechshundert!

Pronin, Lin und Ross waren so perplex von der Deutlichkeit dieses Ergebnisses, dass sie diesem Phänomen gleich einen Namen gaben: bias blind spot. Der Begriff ist angelehnt an den blinden Fleck im Auge und beschreibt, vereinfacht gesagt, eine kognitive Verzerrung, die dazu führt, dass wir Parteilichkeit bei andern besser erkennen können als bei uns selbst. Der bias blind spot greift zum Beispiel, wenn ein Politiker einer anderen Politikerin vorwirft, ideologisch verblendet zu sein, weil sie etwa eine Reichensteuer fordert, während er seine gegenteilige Meinung für – objektiv gesehen – rational hält (obwohl natürlich beide Standpunkte mit subjektiven Werten zu tun haben).

Die Gründe für diesen toten Winkel bei der Selbsteinschätzung, so die Forschenden, sei erstens der sogenannte self-enhancement bias – also der Drang, sich selbst in einem guten Licht zu sehen (weshalb wir in der Lage sind, «Negatives» wie die eigene Parteilichkeit auszublenden). Und der zweite Grund ist, dass wir nur uns selbst beim Denken «zusehen» können und daher glauben, wir kämen – im Gegensatz zu den andern – besonders nüchtern zu unseren Ansichten.

Okay, vielleicht war das jetzt gar nicht so trocken, wie ich befürchtete, aber jedenfalls beschäftigt mich diese These seit Wochen, weil ich denke: Auf eine Art ist es naheliegend, dass wir unsere Sicht auf die Welt manchmal mit der «objektiv richtigen» verwechseln. Schliesslich können wir nicht aus unseren Köpfen und Gedanken raus. Voreingenommenheit ist zudem auch nicht per se etwas Verwerfliches. Problematisch wird es erst, wenn wir uns nicht eingestehen, dass wir vermutlich viel weniger «neutral» sind, als uns das lieb ist.

Absurd scheint mir aber, dass wir sofort bereit sind, andere als parteiisch anzuerkennen, uns selbst aber nicht. Als wären wir die einzige vernünftige Ausnahme. Es ist wie in diesem Witz: Ein Mann fährt auf der Autobahn und hört im Radio: «Achtung, auf der A1 ist ein Geisterfahrer unterwegs» – worauf er ruft: «Nein, es sind Hunderte!»

Das grosse Paradox an der Sache ist laut Emily Pronin: Je mehr man sich seinem bias blind spot bewusst wird, desto eher ist man in der Lage, tatsächlich nüchterne Urteile zu treffen.

Nina Kunz ist Historikerin und Journalistin.

3 Kommentare
    Thomas Hartl

    Die Frage ist, ob dieser objektive Standpunkt bei Themen ausserhalb von Mathematik und Wissenschaft überhaupt existiert. Den Mainstream oder das Mittel der Standpunkte einer Gesellschaft dürfte kaum objektiv sein, wenn man berücksichtigt, welche Standpunkte nur schon im 20. Jahrhundert in manchen Nationen als 'normal' gegolten haben. Vielleicht fährt man mit einer utilitaristischen Theorie noch am objektivsten, bei der die Summe der Glückes maximiert werden soll. Frei nach Spocks Logik: «Das Wohl von Vielen, es wiegt schwerer als das Wohl von Wenigen oder eines Einzelnen.» Allerdings widerspricht dem Kant mit genau so logischen Argumenten. Vermutlich sind wir tatsächlich in unserer subjektiven Welt gefangen.