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Zum Tod zweier FrauenBianca und Brigitte

Zwei Männer sind Berufskollegen, der eine Sportreporter beim «Tages-Anzeiger», der andere bei der NZZ. Dann sterben innert weniger Stunden ihre Frauen. Der Anfang einer Freundschaft.

«Hallo, da isch Bianca …», ruft sie aus der Combox fröhlich entgegen. Ich nehme die Ansage mit meinem Telefon auf, ich höre sie seither fast jeden Tag. Jedes Mal sagt sie am Ende: «Und tschüss.»
«Hallo, da isch Bianca …», ruft sie aus der Combox fröhlich entgegen. Ich nehme die Ansage mit meinem Telefon auf, ich höre sie seither fast jeden Tag. Jedes Mal sagt sie am Ende: «Und tschüss.»
Foto: Privat

Es beginnt mit dem SMS eines Kollegen. Er schreibt: «Nur zur persönlichen Info und falls du es noch nicht weisst: Flurins Lebenspartnerin liegt nach einem Kreislauf-Hirn-Kollaps im künstlichen Koma.» Er schreibt es am 2. März, es ist 13.13 Uhr.

Ich sitze in einem Pub an der Zürcher Sihlporte, ich habe vorher von meinem Arzt vernommen, dass ich im rechten Knie Arthrose habe. Er hat mir die Aufnahmen des MRI erklärt, es sieht nicht so schön aus. Jetzt lese ich die Beipackzettel für zwei Medikamente, die er mir in die Hand gedrückt hat.

Der Tag hätte werden sollen wie viele andere auch. Seit zwei Wochen fahre ich jeden Tag ins Universitätsspital Zürich, ich werde es auch heute machen. Bianca, seit über 36 Jahren meine Frau, liegt da, Frauenklinikstrasse 10, Trakt Nord 1, Stock C, Intensivstation der Neurologie. Ich muss mich jedes Mal telefonisch anmelden, wenn ich zu ihr will. Und die Hände desinfizieren.

Die ersten Tage war sie noch auf der Stroke Unit, hier liegen normalerweise Patienten nach einem Schlaganfall. Bianca ist dann auf die Intensivstation verlegt worden, hier soll ihr Problem besser behandelt werden können, mit stärkeren Medikamenten. Ihr Problem ist der schwere epileptische Anfall, den sie hatte. Reden kann ich mit ihr darüber nicht, seit dem Anfall liegt sie im Koma.

Flurin weiss nichts davon, ich habe mit ihm nie darüber geredet. Flurin und ich sind keine Freunde, wir sind gute Kollegen. Wir erzählen uns beruflich viel und können das tun, weil wir einander vertrauen. Er kennt meine Frau nicht persönlich, er hat nur einmal mit ihr am Telefon geredet. Ich kenne seine Frau nicht persönlich, ich habe nur einmal auf der Seite der Onlinezeitung «Republik» nachgesehen, wer sie eigentlich ist. Es ist eine schöne Frau, angesehen in ihrem Beruf als Art-Direktorin.

Die Verbundenheit ist auf einmal da, einfach so

Letzten Herbst sind Flurin und ich zusammen zu einem Spiel der Grasshoppers nach Vaduz gefahren, ich für den «Tages-Anzeiger», er für die NZZ. So, wie wir schon zu vielen Fussballspielen gefahren sind, auch zu Spielen der Welt- und Europameisterschaften oder der Champions League. Wir fühlen uns wohl, wenn wir zusammen sind, wir sitzen im Stadion gerne nebeneinander, weil wir Gedanken austauschen wollen, wir gehen abends essen, wenn wir zusammen in einer fremden Stadt sind. Die Themen gehen uns dabei nie aus.

Aber nie haben Flurin und ich über Gefühle geredet, über Privates, über unsere Frauen.

Im Bus von Sargans nach Vaduz sagt Flurin: «Ich habe geheiratet.» Er sagt es beiläufig, die Hochzeit liegt schon ein paar Wochen zurück, ich denke, in der Beiläufigkeit liegt ein Funken schlechtes Gewissen, dass er mir das nicht früher gesagt hat. Vielleicht ist es auch ein falscher Gedanke.

Flurin und Brigitte haben im kleinen Kreis geheiratet und auf Mallorca mit Freunden gefeiert. Als Flurin das erwähnt, merke ich wieder, wie speziell unsere Beziehung ist. Es verwirrt mich für einen kurzen Moment, weil ich merke, welche Kluft zwischen Kollegenschaft und Freundschaft liegt. Flurin erzählt nun ein wenig, wie es auf Mallorca gewesen ist, nicht mehr als das Nötigste. So empfinde ich es. Flurin wird mir später sagen, dass ich recht hatte.

Als ich in dem Pub an der Sihlporte sitze und das SMS lese, gibt es nur eins: Ich muss Flurin sofort anrufen. Er nimmt meinen Anruf entgegen, zum Glück. Er erzählt mir, was mit Brigitte passiert ist, ich erzähle ihm endlich, was mit Bianca passiert ist. Es wird ein langes Gespräch, es ist unser erstes, das persönlich ist und in dem es um viel Wichtigeres geht als die Frage: Wen würdest du als Trainer verpflichten?

«Ich weiss nicht mehr, was ich sagen soll. Ich wünsche dir viel Kraft.»

Thomas zu Flurin

Ich fühle mit Flurin. Er fühlt mit mir. Ich spüre, dass er weiss, wovon ich rede, was ich durchmache. Er spürt, dass ich das in seinem Fall genauso weiss. Diese Verbundenheit ist auf einmal da, einfach so, ganz tief. Es geht nicht mehr um den Videobeweis oder Petkovic, den Nationaltrainer. Es geht um Existenzielles. Ums Leben. Um den Tod. Vor allem um den Tod. Er ist nahe, wie wir in dem Moment ahnen.

Der 2. März ist ein Montag. Bevor ich Bianca besuche, gehe ich noch in ein Ristorante an der Josefstrasse. Da sind wir nachmittags gerne zusammen hingegangen und haben uns an den ersten Tisch links beim Eingang gesetzt. Der Tisch ist frei, ich setze mich an meinen üblichen Platz und stelle mir vor, vis-à-vis Bianca zu sehen. Ich bestelle Crostini, Pizza und Weisswein. Es geht mir gut, als ich das Restaurant verlasse. Ich freue mich auf Bianca.

Auf dem Weg ins Spital höre ich oft Musik. Es sind melancholische Lieder, manchmal höre ich sie in einer Endlosschleife. Wie jenes von David Gray: «Wenn du mich festhältst / So wie du es immer machst / Dann vergesse ich völlig / Wie es jedes Mal mein Herz zerreisst / Wenn der Schmerz wiederkommt und mich lähmt / Dass ich kaum weitermachen kann.»

Ich habe das Gefühl, dass jede Zeile für mich geschrieben ist.

Der Arzt auf der Intensivstation sagt mir, dass das MRI von Biancas Gehirn trotz des epileptischen Anfalls keine Schädigung zeigt. Er sagt auch, was der Grund für den Anfall war: Sie hat eine autoimmune Enzephalitis, eine schwere Entzündung des Gehirns, bei der sich der Körper selbst angreift. Die Ursache dafür ist meistens nicht zu finden und die Diagnose auch nicht so einfach zu stellen. Bianca erhält nun ein Gramm Cortison pro Tag, um die Entzündung zu bekämpfen.

Ich hoffe.

Zwei Tage später telefoniere ich wieder mit Flurin. Er sagt: «Der Hirnbefund bei Brigitte ist negativ.» Es gibt keine Aussicht mehr, dass sie wieder gesund wird.

Einen weiteren Tag danach, ich bin wieder auf dem Weg zu Bianca, teilt mir Flurin mit: Seine Brigitte wird morgen in den palliativen Zustand versetzt. Das bedeutet: Die lebenserhaltenden Medikamente werden abgesetzt, nur die schmerzlindernden werden noch verabreicht. Palliativ bedeutet vor allem: Es ist ein Warten auf den Tod.

Ich bin im Tram, als Flurin mir das sagt. Wir reden lange. Irgendwann sage ich: «Ich weiss nicht mehr, was ich sagen soll. Ich wünsche dir viel Kraft.» Es tut mir leid, dass ich ihm nicht mehr bieten kann als diese Floskel. Flurin versteht das.

Am Freitag schreibe ich ihm ein SMS: «Ich wünsche dir viel Kraft.» Er bedankt sich.

Es ist der Tag, an dem Brigitte stirbt. Und Bianca wenig später auch.

Die Entscheidung über ihr Leben

Stefan Zweig hat einmal geschrieben: «Niemand ist fort, den man liebt. Liebe ist ewige Gegenwart.» Zehn Worte wie ein Roman der Gefühle. Erst viele Tage später bleibt der Raum, um die Worte zu erfassen, um zu realisieren, wie gut sie tun. An diesem Freitag ist nur Hilflosigkeit.

Ich sitze bei Bianca, während in einer anderen Abteilung des Unispitals Brigitte stirbt. Flurin redet nicht von Sterben, er nennt das Einschlafen. Es ist auch ein schöneres Wort für den Tod, weil es sich weniger schrecklich anhört.

Während Brigitte stirbt, mache ich mich auf den Heimweg. Von der zeitlichen Zufälligkeit erfahre ich erst später. Bevor ich gehe, habe ich gesehen, dass Biancas Bauch aufgedunsen ist, ich habe mir aber nichts weiter dabei gedacht, mir hat auch niemand etwas gesagt im Spital. Ich bin daheim und esse etwas, als das Telefon klingelt: 044 255 … Eine unheilvolle Nummer. Die Intensivstation der Neurologie ruft an.

Ich brauche eine halbe Stunde ins Spital. Die Ärztin erklärt mir, dass es Komplikationen gegeben hat. Mit dem Darm, darum der aufgedunsene Bauch. Bianca bräuchte eine Operation. Der Darm ist überfordert gewesen, die vielen schweren Medikamente und die fehlende Bewegung zu verarbeiten. Bianca hat seit Wochen nur noch geschlafen.

Es wäre eine grosse Operation. «In ihrem Zustand würde Ihre Frau das wohl gar nicht überleben», sagt die Ärztin. Bianca ist weiterhin im Status epilepticus, wie die Mediziner sagen. Auch wenn das äusserlich nicht zu sehen ist, verkrampft das Hirn teilweise noch immer. Das permanente EEG zeigt das an.

Ein operativer Eingriff kommt ohnehin nicht in Frage. Bianca hat eine Patientenverfügung von Exit, die regelt, was sie alles nicht will. Sie möchte nicht einmal Intensivpflege erhalten. Darum ist eigentlich schon die Stationierung und Betreuung auf der Intensivstation zu viel. Ich habe darüber mit Exit gesprochen, ein Mitarbeiter hat mir gesagt: «Vertrauen Sie den Ärzten. Die wissen, was sie tun.»

Ich möchte, dass meine Frau wieder gesund wird. Ich möchte mit ihr reden. Ich möchte nicht in dieser Situation sein.

Ich frage die Ärztin: «Was machen wir jetzt?» Sie sagt: «Ich schlage vor, dass wir die Medikamente absetzen.» Vielleicht hat sie es auch bestimmter gesagt: Wir setzen die Medikamente ab. Das weiss ich nicht mehr so genau, die Botschaft bleibt die gleiche. Ich frage: «Wer entscheidet das?» Sie sagt: «Sie und ich. Was möchten Sie?»

Ja, was möchte ich?

Ich möchte, dass meine Frau wieder gesund wird. Ich möchte mit ihr reden. Ich möchte nicht in dieser Situation sein. Ich möchte so viel. Ich kriege nichts davon. Nur diese Frage.

Der Dialog dauert bloss ein paar Sekunden. Wenn ich mir im Nachhinein vorstelle, welche Tragweite er hat, erschrecke ich. Die Tränen drücken bei der Erinnerung daran heraus. Ich entscheide über Biancas Leben. Ja, sie hat ihr Schicksal in dem Moment in meine Hände gelegt, als sie mich in ihrer Patientenverfügung als Bevollmächtigten eingesetzt hat. Seither habe ich gewusst, welche Aufgabe mir vielleicht einmal zukommt. Aber etwas zu wissen oder es ausführen zu müssen, das ist ein Unterschied – wie zwischen Leben und Tod.

Später, als das Schlimmste eingetroffen ist und beide unsere Frauen gestorben sind, als Flurin und ich Freunde geworden sind, entdecke ich Freya Ridings. Ich habe schon länger ein Album von ihr heruntergeladen. Aber erst jetzt nehme ich einen der Liedtexte wirklich auf: «Ich glaube, ich bin ohne dich verloren / Ich fühle mich gebrochen ohne dich / Ich war so lang stark / Dass ich niemals dachte, dass ich dich so sehr brauche.»
Ja, was möchte ich? Ich möchte, dass Bianca ihren Frieden findet. «Setzen Sie die Medikamente ab», sage ich der Ärztin. «Was ist, wenn Sie den Beatmungsschlauch entfernen?», frage ich sie noch. Sie sagt: «Dann stirbt Ihre Frau sofort. Das darf ich darum gar nicht machen.»

Es ist ruhig auf der Intensivstation, anders als tagsüber. Draussen ist Nacht, hier drinnen ist das Licht gedämpft. Glücklicherweise hat jene Krankenschwester Dienst, die ich wegen ihrer Art besonders schätzen gelernt habe. Sie zündet eine Kerze an und stellt sie auf den Tisch neben Biancas Bett. Auf der Kerze steht: «Sie kennt den Weg und wird ihn für andere erleuchten.» Die Schwester schaut immer wieder nach Bianca. Zwei- oder dreimal, ich weiss das nicht mehr, fragt sie: «Ist es in Ordnung, wenn ich die Medikamente weiter zurückfahre?»

Flurin ist daheim. Ich schreibe ihm: «Bianca liegt im Sterben.» Er schreibt zurück: «Wir weinen und trinken.» Erst in diesem Moment weiss ich, dass Brigitte gestorben ist. Er sitzt mit Freunden zusammen.

Auf den Bildschirmen kann ich den Blutdruck und die Atemfrequenz von Bianca ablesen. 29-mal atmet sie noch in der Minute. 25-mal. Ich halte ihre Hand und schlafe kurz ein, ich bin müde. Ich schrecke auf, und der erste Gedanke ist: Sie atmet nicht mehr. Als ich sehe, dass ich mich irre, bin ich erleichtert. Ich weiss zwar: Was ich mache, ist nur ein Warten darauf, dass sie nicht mehr atmet. Aber bitte nicht schon jetzt.

Mitternacht ist vorbei, ich sage ihr: Schön, jetzt erlebst du noch einen neuen Tag. Die Meinungen gehen auseinander, was ein Mensch noch aufnimmt, der in Biancas Zustand ist. Ich rede mir ein, dass sie mich hört. Es hilft mir.

Auf einmal ist die Anzeige des Blutdrucks weg, ich denke: Drücke ich jetzt mit meinem Arm auf ein Kabel? Aber dann realisiere ich, dass Bianca noch viermal atmet, viermal in einer Minute. Zweimal.

Null Mal.

Reden und Weinen

Acht Stunden nach Brigitte schläft auch Bianca für immer ein. Es ist wirklich ein Einschlafen. Sie sieht nicht anders aus als vorher. Sie hat nicht leiden müssen. Die Schwester entfernt die vielen Kabel und Kanülen, sie richtet Biancas Haare, so gut das geht, weil sie von den Anschlüssen fürs EEG verklebt sind. Sie sieht friedlich aus. Das tut gut.

Der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid hat in der Sendung «Sternstunde Philosophie» einmal gesagt: «Tote Menschen strahlen eine unglaubliche Ruhe aus. Das kann Menschen auch mit dem Tod versöhnen. Und diesem Menschen nochmals so nah zu sein, ist ein Erlebnis fürs ganze Leben.»

Irgendwann in dieser regnerischen Nacht fahre ich heim. Ich wähle Biancas Telefonnummer, damit ich auf der Combox ihre Stimme hören kann. «Hallo, da isch Bianca …», ruft sie mir fröhlich entgegen. Ich nehme die Ansage mit meinem Telefon auf, ich höre sie seither fast jeden Tag. Jedes Mal sagt sie am Ende: «Und tschüss.»
Flurin und ich treffen uns am Montag danach. Wenn wir uns bis dahin gesehen haben, haben wir uns die Hand gegeben, manchmal nicht einmal das. Ich warte in einem Café am Limmatplatz, als er hereinkommt. Wir fallen uns einfach um den Hals und beginnen zu weinen. Die Bedienung an der Bar drückt uns Papierservietten in die Hand. Wir müssen lachen. Es ist absurd.

Wir setzen uns an einen Tisch mitten im Café, rundherum sitzen Menschen, die reden, lachen, lesen, Menschen, die ohne Sorgen scheinen. Wir reden, wie wir das bisher nie getan haben, unsere Frauen verbinden uns, sie machen es möglich, dass keiner Hemmungen vor dem anderen hat. Wir reden über das, was uns bewegt, wir reden und weinen. Wir reden über Gefühle und scheuen uns nicht davor. Was um uns herum passiert, ist uns egal. Es ist zwischen uns eine Vertrautheit da, als wären wir schon immer Freunde gewesen.
Mitten im Gespräch ruft eine Ärztin vom Spital an. Sie fragt, ob ich nicht doch einer Obduktion meiner Frau zustimmen könne. In der Nacht des Todes von Bianca habe ich das abgelehnt. Jetzt sage ich, ich überlege mir das. Flurin sagt: «Mach das nicht. Bianca soll ihre Ruhe haben.» Er hat recht.

Er erzählt von Brigittes letzten Stunden. Sie ist verlegt worden von der Intensivstation in ein Sterbezimmer, damit sie ihre Ruhe findet. Die Pfleger stürmen mit dem Bett, in dem Brigitte liegt, durch die Gänge. Flurin fragt sie: «Was rennt ihr so? Es pressiert doch nicht mehr.» Als er das erzählt, muss ich lachen. Ich muss es jedes Mal, wenn ich daran denke. Flurin versteht das nicht falsch. Zum Sterben gehören Momente des Galgenhumors. Die Pfleger sind gerannt, um alles zu tun, damit Brigitte nicht während des Transports stirbt.
Später sagt Flurin einmal zu mir: «Wir haben über all die Jahre, die wir uns kennen, die Basis für unsere neue Beziehung gelegt.»

Beide sind stolz gewesen, stark, manchmal (oder auch etwas öfters) ganz schön stur.

Er sagt es, als wir auf dem Friedhof Sihlfeld sind und unsere Frauen besuchen. Knapp drei Wochen ist es her, seit sie eingeschlafen sind. Jetzt liegen sie in der Erde, ein wenig Asche in einer Urne ist von ihnen übrig geblieben. Asche von zwei schönen Frauen. Ein paar Blumen auf dem Grab.

Flurin ist bei der Beisetzung von Bianca dabei gewesen, obwohl ich alle Menschen ausgeladen habe, weil ich an dem Morgen auf einmal Fieber hatte. Alle haben meinen Entscheid in diesen Corona-Zeiten verstanden, so schwer er auch gefallen ist. Flurin hat sich nicht ausladen lassen. «Ich komme trotzdem», hat er nur gesagt. Ich war als einer von wenigen an der Beisetzung von Brigitte, er hat es so gewollt, obwohl ich sie nicht gekannt habe.

Drei Stunden sind wir an diesem Tag auf dem Friedhof, wir haben den Ort vorher nur vom Namen her gekannt. Es ist wunderbar hier, gross, still, grün. Wir nehmen eine Flasche Weisswein mit und erzählen einander von unseren Frauen. Wir realisieren, wie sehr sie sich geglichen haben. Beide sind stolz gewesen, stark, manchmal (oder auch etwas öfters) ganz schön stur. Sie haben uns beigebracht, wann es besser ist, nichts mehr zu sagen. «Halt den Schnabel», hat Brigitte zu Flurin gesagt.

Vielleicht liegt in diesen Gemeinsamkeiten einer der Gründe, wieso Flurin und ich uns einander so komplett öffnen. Was wir uns sagen, ist für den anderen völlig normal. Keiner muss denken: Oh, was denkt jetzt der andere? Das gibt einem das Gefühl, gar nie etwas Falsches sagen zu können oder etwas, das den andern schmerzt.

Es ist ohnehin eine Erkenntnis während der Tage der intensivsten Trauer, dass man ein Gespür für Menschen entwickelt. Viele sind interessiert, viele nehmen Anteil, viele sagen: Ich bin für dich da, wenn du mich brauchst, sie meinen es alle gut. Aber nicht jeder ist wirklich fähig, zuzuhören und sich auch selbst so weit zu öffnen, dass ein Gefühl der Nähe entsteht.

Bianca ist länger schon kränkelnd gewesen, darum hat sie auch ihre Patientenverfügung gemacht. Brigitte ist aus dem Nichts heraus zusammengebrochen. Flurin und ich reden darüber, was schlimmer ist. In einem Fall kostet die permanente Belastung Kraft, im anderen, bei Brigitte, ist es diese Dramatik, mit dem plötzlichen Tod umgehen zu müssen. Wir kommen zu der simplen Antwort: Am Ende läuft es aufs selbe hinaus. Es ist beschissen. Und tut unendlich weh.

Es ist ein bislang unbekannter Schmerz. Keiner kann sagen, wie lange er anhält. Ein alter Freund sagt: «Man redet nicht umsonst von Trauerjahr.» Menschen sind schon an gebrochenem Herzen gestorben, wenn sie ihre Frau oder ihren Mann verloren haben. Jetzt können wir nachvollziehen, was in dieser Ausnahmesituation in einem Menschen vorgeht.

Wilhelm Schmid, der Philosoph, ist gefragt worden, was in der Phase des Trauerns am meisten helfe. Er hat gesagt: «Schweigen nicht. Sondern reden. Mitteilen.» Mitteilen: mit anderen teilen.

Flurin und ich empfinden genauso. Wir hören gerne Geschichten von früher, von unbeschwerten Tagen. Von Bianca, wie sie mit einer Freundin an den Wochenenden Autostopp machte, um etwas zu erleben, so nach Arosa kam, nach Lausanne, ins Tessin oder gar in die Camargue, oftmals mit gerade zwanzig Franken in der Tasche. Von Brigitte, wie sie nie mit dem Surfen aufgehört hat, obwohl sie immer vom Brett gestürzt ist, oder wie sie glücklich war, wenn der erste Schnee fiel.

Wir können nicht genug von solchen Geschichten bekommen. Sie helfen, weil sie die Bestätigung sind, dass wir nichts falsch gemacht, sondern die richtigen Frauen geheiratet haben. Gleichzeitig schmerzt es so sehr, weil wir genau diese Frauen verloren haben.

Wie weiter?

Flurin und ich haben für sie schöne letzte Orte gefunden, Bianca liegt in einem Themengrab, bewacht von mächtigen Rottannen, ein paar Meter neben Köbi Kuhn, eine Amsel singt, wie Bianca es immer so gerne gehabt hat. Brigitte liegt an einer Stelle, an der es friedlich wie an einem Waldrand aussieht. Als wir bei Brigitte stehen, kommen Flurin und ich mit einer älteren Frau ins Gespräch, sie ist jeden zweiten Tag auf dem Friedhof bei ihrem Mann. Wir denken, das ist die klassische Witwe, das ist nicht böse gemeint. Das denken wir, weil wir uns nicht als Witwer vorkommen. Dafür fühlen wir uns zu jung.

Kurz nach dem Tod von Bianca hat mir eine ihrer ältesten Freundinnen geschrieben: «Da musst du alleine durch. Ich weiss, wovon ich rede.» Sie hat ihren Mann nach über vierzig Jahren Ehe verloren. Ich war verärgert, weil sich Mitgefühl anders anhört. Inzwischen weiss ich, dass sie recht hat. Menschen können einen begleiten, sie können für einen da sein, sie können einen umarmen. Aber den Verlust oder das, was der Verlust mit einem macht, können sie einem nicht abnehmen. Irgendwann ist jeder allein.

Darüber reden Flurin und ich, über die Leere, die sich im Alltäglichen, manchmal Banalen zeigt. Welche Bettwäsche nehmen wir? Was kochen wir? Was schauen wir im Fernsehen? Fütterst du die Katzen oder soll ich? Keiner gibt mehr Antwort. Ich bin niemandem mehr Rechenschaft schuldig. Das schmerzt.
«Dieses Leben, was ich gelebt habe, ist nicht mehr möglich», sagt Wilhelm Schmid.

Und Arno Camenisch beschreibt in seinem Buch «Herr Anselm» einen Witwer, wie er mit seiner verstorbenen Frau über Wetter und Werte spricht und ihr erzählt, was er alles erlebt. Herr Anselm leidet, weil die Schule, in der er seit dreiunddreissig Jahren als Abwart arbeitet, schliessen wird. Aber er hat ein Herz wie ein Löwe, das teilt ihm sein Arzt mit. Und darum sagt er seiner Frau: «So wie es aussieht, dauert es noch eine Weile, bis ich dir in die Ewigkeit folge, zuerst muss noch zu Ende gelebt werden, und ein paar Sachen gibt es auch noch zu erledigen.»

Als wir am Grab von Brigitte stehen, bedauern wir, dass sich unsere Frauen nie kennen gelernt haben. Aber wir sind uns sicher, dass sie sich im Himmel gefunden haben. Sie werden sich auf Anhieb verstanden haben, weil sie zwar nicht gleich alt, aber sehr ähnlich gewesen sind. Wir fragen uns auch: Warum haben sie gerade uns ausgewählt? Zwei Buben aus Winterthur und Wallisellen?

«Sie werden nicht nur über uns reden», sagt Flurin. «Sie werden sich über uns amüsieren, wenn wir uns wieder einmal ungeschickt angestellt haben.» Wir stellen uns das vor. Wir lachen. 

Den Text von Flurin Clalüna lesen Sie hier bei der NZZ: Brigitte und Bianca.

Thomas Schifferle ist Sportredaktor von Tamedia.
thomas.schifferle@tamedia.ch

117 Kommentare
    lmaggisano

    diese texte haben mich sehr berührt und tief beeindruckt. wünsche beiden viel kraft und zuversicht. ich freue mich auf weitere sport-artikel von beiden.