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Interview mit Verhaltensökonom«Bei der Quarantäne ist die Gefahr des Trittbrettfahrens gross»

Ernst Fehr hat den Trittbrettfahrer im Labor studiert – ein Typ Mensch, der während der Corona-Krise seine hohe Zeit erlebt.

Information für Zurückgekehrte: Ein Plakat weist am Flughafen Kloten auf die Obligatorische Quarantäne bei der Einreise aus bestimmten Ländern hin.
Information für Zurückgekehrte: Ein Plakat weist am Flughafen Kloten auf die Obligatorische Quarantäne bei der Einreise aus bestimmten Ländern hin.
Keystone

Als uns der Bundesrat aus dem Lockdown holte, versuchte er es mit Empfehlungen. Wir sollten die Swiss-Covid-App installieren oder Masken tragen. Die meisten taten es nicht. Weshalb?

Die meisten Leute empfinden es als unangenehm, eine Maske zu tragen. Unter der Maske ist es heiss, und man kann nicht frei atmen. Eine Maske zu tragen, kostet uns also etwas. Das ist eine klassische Situation, die wir aus unseren Experimenten kennen: Es gibt ein öffentliches Gut, das uns allen nützt, unsere Gesundheit. Aber dieses hat seinen individuellen Preis.

Nun ist der Preis aber tief, das öffentliche Gut kostbar.

Gerade junge Leute sehen ihre Gesundheit kaum bedroht; indem sie eine Maske tragen, entstehen ihnen zwar nur geringe Kosten, aber auch nur geringe Nutzen. Was wir aus der Forschung wissen: Die Bereitschaft, einen Beitrag zu einem öffentlichen Gut zu leisten, hängt davon ab, wie viele andere es auch tun. Wir nennen das soziale Ansteckungsprozesse. Deshalb war es auch so einfach, den Schalter umzulegen: Als Masken obligatorisch wurden, stieg der Anteil jener, die sie tragen, sagen wir von 5 auf 95 Prozent. Das ist für mich keine Überraschung. Ohne Pflicht wäre es aber nicht gegangen.

Nun gibt es auch Leute, die weiterhin keine Maske tragen.

Aus Sicht eines eigennützigen Individuums ist es immer am besten, wenn die anderen eine Maske tragen. So ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich ansteckt, gering, und es muss die Kosten dafür nicht tragen. Wir haben das Problem des Trittbrettfahrens in unserem Verhaltenslabor studiert. Es ist eine typische Verhaltensweise, die wir jetzt auch bei der Maskenpflicht beobachten: Wenn eine grosse Zahl von Personen keine Masken trägt, dann sind auch die anderen kaum bereit, dies zu tun. Die Kooperation bricht über die Zeit zusammen.

Wie viele Egoisten erträgt es?

Ich glaube, es gibt nicht viele reine Egoisten. Sonst wäre es nicht gelungen, praktisch übers Wochenende die Maskenpflicht durchzusetzen. Die meisten Leute sind sehr prosozial. Aber das Problem sind heute nicht die wenigen, die keine Maske im öffentlichen Verkehr tragen, sondern jene, die sich nach einer möglichen Infektion nicht in Quarantäne begebenoder sogar noch in Bars oder Clubs gehen. Das ist eine extreme Form unverantwortlichen Handelns und müsste schon heute sanktioniert werden. Bei der Quarantäne ist die Gefahr des Trittbrettfahrens viel grösser, weil sie nicht so einfach kontrolliert werden kann. Sollte die Zahl der Neuansteckungen deutlich steigen, müsste man die Quarantäne klar anordnen und kontrollieren.

«Aus Sicht eines eigennützigen Individuums ist es immer am besten, wenn die anderen eine Maske tragen.»

Die Maskenpflicht kann besser kontrolliert werden als die Quarantäne. Durch die Pflicht wurden die Mitreisenden zu Polizisten. Half das?

Das kommt helfend hinzu, ja. Vor der Maskenpflicht wurden jene schief angeschaut, die eine Maske trugen; man empfand sie als ängstlich. Sie zahlten also einen sozialen Preis. Jetzt ist es umgekehrt, jetzt werden jene schief angeschaut, die keine tragen. Hier spielt der soziale Druck.

Wer eine blaue Maske trägt, der schützt vor allem die anderen und weniger sich selber. Maskentragen ist für sozial Fortgeschrittene.

Nun ja, ich habe keine blaue Maske.

Sie? Weshalb nicht?

Nicht nur wegen des Schutzes. Ich wollte keine Wegwerfmaske, sondern trage eine, die ich waschen kann. Aber ich glaube nicht, dass alle, die eine blaue Maske tragen, selbstlos sind. Sie schützt den Träger schon auch. Sie ist auch günstig und wird überall angeboten.

«Wie sollte der Bundesrat Masken als obligatorisch erklären, wenn er vorher gesagt hatte, sie nützten nichts?»

Vielleicht können wir nach Monaten der engen Begleitung durch den Bundesrat aber auch nicht mehr mit der Freiheit umgehen? Während des Lockdown sagte er uns wöchentlich, was wir dürfen und was nicht.

Wenn der Bundesrat unmittelbar nach dem Lockdown die Maskenpflicht verfügt hätte, wäre sie befolgt worden. Aber er war gefangen in seinen eigenen Widersprüchen. Wie sollte er Masken als obligatorisch erklären, wenn er vorher gesagt hatte, sie nützten nichts? Auch jetzt sieht man, dass es an der sozialen Koordination mangelt. Leute aus Risikoländern wurden unzureichend informiert, dass sie in Quarantäne gehen müssen. Es ist problematisch, dass dies nicht durchgesetzt wird als Signal, aber auch für unsere Gesundheit.

Halten Sie es für möglich, dass es zu einer neuen sozialen Norm wird, sich und die anderen zu schützen? Dass Masken zur Uniform werden?

Es ist bereits eine soziale Norm wenn auch nur auf den öffentlichen Verkehr beschränkt. Das sieht man daran, dass jene, die keine Maske tragen, von allen angeschaut werden. Ich stelle mir vor, dass es unangenehm ist, zu wissen, dass andere dies nicht in Ordnung finden. Dieser breite Konsens ist ein gutes Zeichen.

Es wird auch diskutiert, in Schulen eine Maskenpflicht einzuführen. Ist das einfacher, sie an Orten durchzusetzen, wo man sich kennt, als im anonymen Umfeld des öffentlichen Verkehrs?

Es könnte sogar noch schwieriger sein. Wenn man sich gut kennt, vertraut man einander mehr und ist unvorsichtiger. Wenn ich jemanden nicht kenne, dann weiss ich nicht, was das für eine Person ist, ob sie unvorsichtig ist und womöglich jeden Abend Bars aufsucht.

«Jeder von uns musste auf lieb gewonnene Gewohnheiten und auf physische soziale Kontakte verzichten. Es war ein ärmeres Leben.»

Die Babyboomer und ihre Nachfolgenden waren die ersten Generationen, die nie verzichten mussten. Können wir das noch: verzichten?

In der Not kann der Mensch das immer noch. Das hat man bei Leuten untersucht, die nach einem Unfall beide Beine verloren haben und traumatisiert waren. Erst sank die Lebenszufriedenheit radikal, mit der Zeit, als sich die Verunfallten an die neue Situation gewohnt hatten, nahm sie aber wieder zu. Es gibt diese Prozesse der Anpassung an neue Umstände. Das gilt auch für die Zeit gleich nach dem Lockdown. Jeder von uns musste auf lieb gewonnene Gewohnheiten und auf physische soziale Kontakte verzichten. Es war ein ärmeres Leben. Viele haben auch Angst um ihre Arbeit und um ihre Existenz. Auch diese Angst zählt zu den Kosten, die wir in der Krise zahlen.

Worauf fiel es Ihnen schwer zu verzichten?

Ich interessiere mich sehr für Sport, aber da fand kein einziger Anlass statt. Kein Tennis, kein Fussball, nichts. Umso mehr freute ich mich auf das Essen zu Hause.

Als der Bundesrat den Lockdown ankündigte, standen alle zusammen, alle Bundesratsmitglieder, alle Parteien und die Bevölkerung fand alles grossartig, was der Bundesrat tat. Dieser Zusammenhalt ist zerbrochen. Schafft es die Schweiz so noch, die Krise zu bewältigen?

Da habe ich überhaupt keine Zweifel. Die Schweiz schafft es sicher, auch Europa. Der Bundesrat hat den Lockdown verfügt, entschlossen kommuniziert, Kurzarbeit eingeführt und zusammen mit den Banken der Wirtschaft Kredite verschafft. Es wurde nicht alles, aber vieles richtig gemacht. Wenn ich in die Welt hinausschaue und sehe, wie viele Länder ernsthafte Probleme haben, dann bin ich froh, in der Schweiz zu leben.