Grossprojekt

Baut Amazon in Winterthur?

In Neuhegi plant ein amerikanischer Tech-Konzern ein 60 Millionen Franken teures Gross-Rechenzentrum. Für wen, das ist geheim. Branchenkenner tippen auf einen der drei grossen Cloud-Anbieter.

Hoch über der Seenerstrasse ragen Bauvisiere in den Himmel. Das Grossrechenzentrum der Firma Vantage soll noch dieses Jahr in Betrieb gehen.

Hoch über der Seenerstrasse ragen Bauvisiere in den Himmel. Das Grossrechenzentrum der Firma Vantage soll noch dieses Jahr in Betrieb gehen. Bild: Madeleine Schoder

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Es ist eines der grössten unbebauten Industriegrundstücke der Stadt: Das vier Hektaren grosse Areal in Neuhegi entlang der Bahnlinie nach St. Gallen. Auf dieser Brache inszenierte Karl's Kühne Gassenschau 2016 und 2017 ihr Stück «Sektor 1».

Bisher war nicht klar, was die Landbesitzerin, die Intershop Holding aus Zürich hier vorhat. Jetzt ist das erste Projekt ausgesteckt. Hoch über der Seenerstrasse soll ein grosses Rechenzentrum gebaut werden, und noch in diesem Jahr in Betrieb gehen.

«Die Schweiz entwickelt sich zu einer anerkannten Daten-Hochburg.»



Matthias Wintsch,
Redaktor Swiss IT Magazine

Die Bauvisiere verraten ein stolzes Bauvolumen. 60 mal 40 Meter sind die Fassadenlängen des dreistöckigen, fensterlosen Gebäudes. Die Bausumme beträgt 60,9 Millionen Franken. Hinter dem Projekt steckt Vantage Data Centers, ein grosser Betreiber von Rechenzentren mit Sitz in Santa Clara, Kalifornien.

Im Silicon Valley, wo die grossen Techkonzerne wie Google, Apple oder Facebook ihre Hauptsitze haben, hat Vantage angefangen. Inzwischen betreibt die Firma auch an der amerikanischen Ostküste und in Kanada Grossrechenzentren. Winterthur wird der erste Standort in Europa.

Nur das erste von vier?

Im Vergleich zu den Standorten in Nordamerika ist Winterthur ein eher kleiner Fisch – zumindest noch. Platz für Erweiterungen ist auf der 16000 Quadratmeter grossen Parzelle vorhanden. Laut einer gut informierten Person plant Vantage in Winterthur bis zu drei Erweiterungsbauten in ähnlicher Grösse.

Bestätigen will das niemand. Bei der eigens gegründeten Schweizer Tochterfirma heisst es, man gebe derzeit keine Presseauskünfte. Noch verschwiegener ist man, was die Kunden betrifft. Wer braucht so viel Speicherplatz? Eher wenig wahrscheinlich scheint, dass viele Einzelfirmen hier Maschinen mieten. Der Trend in der Branche geht seit vielen Jahren weg vom «Blech», also den firmeneigenen Serverschränken, hin zur «Cloud», dem Online-Speicher gemietet bei einem der grossen Anbieter wie Google, Amazon oder Microsoft.

«Ein ambitioniertes Projekt»

Matthias Wintsch, Redaktor beim Branchenportal Swiss IT Magazine schätzt das Winterthurer Projekt als «definitiv spannend» ein. «Die kurze Bauzeit in Kombination mit der Investitionshöhe und der beachtlichen Fläche spricht für ein eher ambitioniertes, modernes Datacenter. Dieses könnte durchaus den Ansprüchen eines ‹Hyperscalers›, also eines Grossanbieters wie Google, genügen.»

Doch wer könnte es sein? «In Fachkreisen wird schon länger spekuliert, wann Amazon Web Services (AWS) einen eigenen Standort in der Schweiz eröffnen wird», sagt Wintsch. Daher liege die Vermutung nahe, dass dies das erste AWS-Datacenter in der Schweiz werden könnte. Eine weitere Möglichkeit wäre aber auch ein Ausbau von Google oder Microsoft zugunsten der Georedundanz und Skalierung. «Die Schweiz entwickelt sich immer mehr zu einer anerkannten Daten-Hochburg, in der internationale, insbesondere aber auch Schweizer Unternehmen bevorzugt ihre Daten lagern.»

(Noch) kein Jobwunder

Beim House of Winterthur freut man sich über die Neuansiedlung, die man intensiv begleitet habe. «Erfreulicherweise war Winterthur für Vantage Data Centers von Anfang an erste Wahl», sagt Sprecherin Vera Frischknecht. Nun hoffe man auf einen «Multiplikatoreffekt», also dass das Rechenzentrum weitere Firmen aus dem Tech-Sektor nach Winterthur lockt. «Dies, da die grossen Kunden von Vantage Data Centers möglichst nahe beim Rechenzentrum positioniert sein möchten.»

Ein Jobwunder ist das Rechenzentrum für sich genommen nämlich nicht. Beim Start dürften es 25 bis 40 Mitarbeitende sein, Platz hätte es für maximal 100. Büroflächen belegen nur einen Teil des Erdgeschosses, der grösste Teil des Gebäudes wird für Serverschränke, Stromaggregate und Kühltechnik gebraucht.

Erstellt: 15.01.2020, 16:05 Uhr

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