Zum Hauptinhalt springen

Boden-Luft-Rakete aus Korea

«Was zur Hölle ist das?» Mit dem Stinger baut Kia einen Gran Turismo, bei dem nicht nur Passanten die Kinnlade runterklappt. Der Preis, zu dem die Südkoreaner den 370-PS-Boliden verkaufen, verlangt nach einem Waffenschein.

Es ist ein brachialer Name, den Kia für sein neues Flaggschiff gewählt hat: Stinger. So heisst bekanntlich eine amerikanische Luftabwehrrakete. Wenn man einen «Little Rocket Man» auf der anderen Seite der Grenze weiss, liesse sich jetzt sagen, gibt das der Fantasie eben eine Richtung. Die Südkoreaner aber beziehen sich auf die engere Bedeutung des Wortes – Stachel –, und das ist nicht gerade defensiv.

Mit seinem Preis ist der Stinger eine Angriffswaffe. Kia verkauft den Viertürer in der Schweiz einzig in der Spitzenversion GT, und das zum Preis von 60'150 Franken. Dafür gibt es einen voll ausgerüsteten, 4,83 Meter langen Gran Turismo mit V6-Biturbo, Allradantrieb und 370 PS. Leder bis zu den Türinnenverkleidungen, Schiebedach, Navigationssystem, Head-up-Display, digitale Instrumente, Klimaautomatik, Assistenzpaket, belüftete und beheizte Frontsitze, LED-Scheinwerfer, Brembo-Bremsen und Soundsystem von Harman Kardon mit 15 Lautsprechern – alles inklusive. Ein vergleichbar dimensionierter und motorisierter Audi S5 Sportback startet bei 79'860 Franken, noch deutlich spartanischer konfiguriert, versteht sich.

Beim Interieur nicht zu kleckern, sondern zu klotzen, gehört seit jeher zum Konzept der Südkoreaner. «Alles dabei, Hyundai», der Slogan der Schwestermarke, ist vielen noch im Ohr. Doch das Plus an Ausstattung kaschiert heute nicht mehr einen Rückstand bei Technik und Design.

Der Stinger demonstriert das eindrücklich. Wo wir hinkommen in unseren zwei Testwochen, drehen sich Köpfe. Und auf der Autobahn fährt der eine oder andere auf die gleiche Höhe und verharrt, um einen ruhigen Blick auf das Geschoss zu werfen, das da mit vier Endrohren, schwarz lackiertem Diffusor und langer Haube voranschiebt.

Interieurs bauen können die Südkoreaner schon längst. Das Armaturenbrett wirkt wie aus einem Guss, die Lüftungsdüsen im Triebwerkdesign erinnern an Mercedes, ebenso das hoch und mittig platzierte Navi- und Multimediasystem. Einzig die Bedienung des Touchscreens überzeugt nicht ganz, er ist während der Fahrt schwer erreichbar, die Bedienung per Lenkradtasten ist umständlich und die Sprachsteuerung funktioniert nur bei angeschlossenem Handy.

Sonst ist alles da, wo es hingehört, und Platz ist vorne wie hinten reichlich vorhanden. Das Volumen des Kofferraumes liegt mit 460 Litern im klassenüblichen Rahmen. Die elektrische Heckklappe funktioniert sensorgesteuert. Schönes Detail: Das System mit dem Smart-Key lässt sich so einstellen, dass der Kofferraum automatisch öffnet, sobald man drei Sekunden am Heck verharrt. Aber Obacht: Das wäre dann bei der «Stützliwösch» zu bedenken.

Viel Freude macht der Stinger im Fahrbetrieb. Der serienmässige Allradantrieb ist hecklastig ausgelegt, Torque Vectoring hilft beim Eindrehen, der V6-Biturbo schiebt kräftig an und ohne gross Krawall zu machen. 4,9 Sekunden vergehen bis Tempo 100, bei 270 km/h soll nach oben Schluss sein, das sind ideale Werte für einen Gran Turismo. Wer will, kann im Digitalinstrument G-Kräfte und Rundenzeiten einblenden – immerhin wurde der Stinger für den europäischen Markt auf der Nordschleife des Nürburgrings abgestimmt. Die Charakteristik von Lenkung, Achtgangautomatik und Dämpfern lässt sich in fünf Programmen wählen, von Eco bis Sport+, dann mit zurückgeschaltetem Traktionssystem.

Am besten passt aber die Komforteinstellung zu diesem Auto, das ja kein Rennwagen, sondern eben ein Grand Tourer sein will. So sagt denn auch Gregory Guillaume, Chef-Designer von Kia Europe, programmatisch: «Bei aller Dynamik und Leistung dürfen Luxus, Komfort und Grazie nicht zu kurz kommen.»

Abzüge gibt es schliesslich noch beim Verbrauch zu machen. Durchschnittlich 10,6 Liter sind es laut Werk, wir messen selbst bei zaghaftester Fahrweise noch beinahe 11. Da sitzt der Stachel noch nicht im Fleisch der deutschen Premium-Anbieter. Andererseits: Von einer Boden-Luft-Rakete ist nichts anderes zu erwarten.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch