Was, wenn die Karibus wegbleiben?

Donald Trump lässt nach Öl und Gas bohren, die Rentiere verschwinden. Wie ein indigenes Volk in seinen Grundfesten erschüttert wird.

Karibus aus der Porcupine-Herde wandern in die Küstenebene des Arctic National Wildlife Refuge im Nordosten Alaskas. USFWS/AP

Karibus aus der Porcupine-Herde wandern in die Küstenebene des Arctic National Wildlife Refuge im Nordosten Alaskas. USFWS/AP

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Sie ist stolz, wenn sie von ihrem Enkel erzählt. «Als er sein erstes Huftier geschossen hat, hat er das Fleisch an alle in Old Crow verteilt», sagt Elizabeth Kaye und lächelt. «In unserem Volk war es vor langer Zeit so, dass es eine Zeremonie gab, wenn jemand sein erstes Tier erlegte, mit einem grossen Festessen.» Kayes Enkel Gavin ist zehn Jahre alt.

Die Gwich'in-Grossmutter sitzt mit anderen Frauen und kleinen Kindern am Lagerfeuer. Zehn Minuten waren es per Aussenborder über ruppige Wellen den Porcupine-Strom hinauf, von der Vuntut-Gwitchin-Community Old Crow zum Camp. Der 300-Einwohner-Ort liegt im äussersten Nordwesten Kanadas, nicht weit von der Grenze zu Alaska. Nach Old Crow kommt man im Sommer nur per Flugzeug oder Boot. Der Augustwind weht kalt, alle tragen Winterjacken. Einige pflücken Beeren, andere bereiten das Mittagessen vor, Fleisch, Suppe, Bannock, Cranberrys. Kaye lehrt während des viertägigen Family-Camps, wie man Lachse ausnimmt.

Die meisten Gwich'in sind in diesen Tagen auf den Flüssen unterwegs, bis zu 50 Meilen oder mehr den Old Crow River hinauf oder auf dem Porcupine bis zum Bell River. Alle beschäftigt die Frage: Wann kommen die Karibus? Und kommen sie überhaupt näher ans Dorf heran, so wie es früher war? Kaye erzählt von einem unvergesslichen Moment in den 1990er-Jahren. «Sie kamen über Crow Mountain, Tausende Tiere, der ganze Berg voller Karibus, ich konnte sie vom Fenster aus sehen. Mitten zwischen ihnen die Jäger.» Doch in den vergangenen drei, vier Jahren blieben die Tiere fern.

Vuntut Gwitchin« bedeutet: »die Menschen der Seen«

Die Vuntut Gwitchin sind einer von mehreren Gwich'in-Clans auf US- und kanadischer Seite, seit Jahrtausenden leben sie hier. «Vuntut Gwitchin» bedeutet: «die Menschen der Seen». Für sie sind die Karibus kulturell und spirituell von grundlegender Bedeutung, sie prägen Kunsthandwerk, Kleidung und Mythen. 80 Prozent der Nahrung besteht aus Karibufleisch – sonst wäre das Leben hier unerschwinglich. 2,5 Kilo Kartoffeln zum Beispiel kosten umgerechnet etwa zehn Euro.

Aber der Klimawandel macht die Ernährungslage unberechenbar. «Die mittlere Temperatur in Nordwestkanada verändert sich dreimal schneller als anderswo, und wir befinden uns an vorderster Front», sagt Chief Dana Tizya-Tramm in einer über soziale Netzwerke verbreiteten Videobotschaft. «Die Jäger haben Probleme.» Die Community hat deshalb im Mai den Klimanotstand ausgerufen und will selbst bis 2030 CO2-neutral werden.

«Es ist beängstigend, sich vorzustellen, dass die Winter in Zukunft so viel kürzer sein könnten», sagt Sophia Flather, die in Old Crow die traditionelle Sprache unterrichtet. Das Feuer flackert im Kamin, sie und ihr Freund sitzen beim Frühstück, Obstsalat und getrockneter Lachs. «Wenn die Flüsse und Seen nicht mehr zufrieren oder das Eis weniger dick ist, kann man nicht mehr drüber-, sondern muss drumherumfahren. Die Pfade waren früher immer stabil, heute sind sie oft voller Schneematsch. Und das Jagen im Frühling – wenn das Eis dünner ist als früher – das wird echt gefährlich.»

Der Klimawandel betrifft auch die Wassertemperatur und damit Fische und Bisamratten, den Zug der Vögel, die Migrationsroute der Karibus. Selbst Biologen können nur vermuten, wieso die Karibus die Routen ändern. Spüren sie die Veränderungen im Süden? Überwuchern die üppiger denn je wachsenden Weiden die Karibupfade? Liegt es daran, dass weniger Flechten wachsen, die Hauptnahrung der Tiere? Zudem gab es diesen Sommer trockeneren Boden und mehr Waldfeuer als je zuvor.

Die Situation der Karibus ist dramatisch. In den vergangenen 20 Jahren sind die Bestände weltweit um 56 Prozent geschrumpft, auf 2,1 Millionen. Fünf Herden in der Region Alaska/Kanada haben sich so dezimiert, dass eine Erholung nicht mehr zu erwarten ist. Nur eine einzige von 20 beobachteten Herden reicht an frühere Höchststände heran: die Porcupine-Herde mit etwa 218'000 Tieren. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ihre über 1500 Meilen lange Migrationsroute noch relativ naturbelassen ist, insbesondere die bisher geschützte Küstenebene des Arctic National Wildlife Refuge an der Beaufortsee in Alaska, wo im Frühjahr innerhalb weniger Wochen 40'000 Kälber zur Welt kommen.

«Es ist lebensnotwendig für die Tiere – und damit für uns –, dass sie diesen Rückzugsort haben, um den kommenden Hurrikan der Klimaveränderung zu überstehen», sagt der Chief. Eine Anpassung an die Folgen des Klimawandels wäre insofern vielleicht sogar noch möglich für die Tiere und die Menschen.

Doch nun könnten die Karibus diese Möglichkeit verlieren – durch eine Entscheidung im fernen Washington, D.C. Nach über 30 Jahren Kontroverse hat die US-Regierung das Herzstück der Migrationsroute, die Küstenebene, für die Ausbeute von Öl und Erdgas geöffnet. Das sei angeblich nötig für die Energiesicherheit, darüber hinaus könnte der Staat über die Vergabe der Schürfrechte viel Geld verdienen, angeblich eine Milliarde US-Dollar. Argument und Zahlen sind umstritten. Einige Experten errechnen einen maximal zweistelligen Millionenbetrag.

Erstellt: 13.10.2019, 17:12 Uhr

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