«Ihr seid zu den Mördern des Glaubens geworden»

Dutzende Missbrauchsopfer sind zur historischen Konferenz im Vatikan gereist. Der Papst fordert «konkrete Massnahmen».

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Zum Auftakt eines Krisentreffens im Vatikan hat Papst Franziskus «konkrete und wirksame Massnahmen» der Kirche gegen sexuellen Kindesmissbrauch gefordert. Die Konferenz dürfe sich nicht mit «schlichten und offensichtlichen Verurteilungen» der Taten begnügen.

Die Spitzen der katholischen Kirche müssten «den Schrei der kleinen» Opfer hören, «die Gerechtigkeit fordern», sagte Franziskus am Donnerstag im Vatikan.

Auf Einladung des Papstes waren die 114 Vorsitzenden der katholischen Bischofskonferenzen weltweit nach Rom gereist. Sie sollen über Konsequenzen aus den Missbrauchsskandalen in vielen Ländern beraten, die die Kirche in den vergangenen Jahren zutiefst erschüttert haben. Kindesmissbrauch sei ein «Übel», dem sich die katholische Kirche offen stellen müsse, sagte Franziskus.

Mehrere Missbrauchsopfer berichteten vor den Konferenzteilnehmern über ihre Erfahrungen. Ein Opfer wandte sich anklagend an die Bischöfe: «Ihr seid doch eigentlich die Pfleger der Seele – und dennoch seid Ihr in einigen Fällen zu den Mördern der Seele, den Mördern des Glaubens geworden.» Eine Frau berichtete, dass sie drei Abtreibungen hinter sich habe, nachdem sie von einem Priester geschwängert worden sei. Die Opfer traten anonym auf der Konferenz auf.

Bewusstsein schärfen

Mit dem Treffen will der Papst das Bewusstsein der Bischöfe für das Problem des sexuellen Missbrauchs schärfen und die vielfach beklagte Kultur des Schweigens innerhalb der Kirche brechen. Dem Schweigekodex will der Papst die Prinzipien von Verantwortung, Haftung und Transparenz entgegensetzen. Sein Ziel ist es, die Bischöfe mit klaren Handlungsanleitungen in ihre Heimatländer zurückkehren zu lassen.

«Wir müssen konkret werden», sagte Franziskus zum Auftakt. «Ich bitte den Heiligen Geist, uns beizustehen, um aus diesem Übel eine Chance auf Bewusstwerdung und Reinigung erwachsen zu lassen», fuhr Franziskus fort. «Die Jungfrau Maria möge uns unterstützen beim Versuch, die ernsthaften Wunden zu heilen, die durch diesen Skandal bei Kindern und bei Gläubigen aufgerissen wurden.»

Kardinal Luis Antonio Tagle leistete vor der Konferenz Abbitte für die Versäumnisse der Kirche. «Demütig und betrübt gestehen wir ein, dass den Opfern – und dem gesamten Leib Christi – von uns Bischöfen Wunden zugefügt wurden», sagte Tagle. «Wir haben Menschen verletzt, indem wir nicht auf das Leid der Opfer reagiert haben, indem wir sie sogar zurückgewiesen haben und die Skandale vertuscht haben, um die Täter und die Institution zu schützen.»

Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, erhofft sich von der dreieinhalbtägigen Konferenz einen «Schub» für die katholische Kirche. Es müsse ein Impuls in die Gesellschaft gesandt werden, dass die Kirche den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen nicht dulde, sagte Marx im Vatikan.

Kirchenführung uneins

Franziskus kann sich in seinem Vorgehen gegen den Missbrauch nicht auf die ungeteilte Unterstützung der Kirchenführung verlassen. Konservative Bischöfe insbesondere in Afrika und Asien sehen wenig Anlass, das Thema Missbrauch in öffentlichen Foren zu thematisieren.

Konservative Kräfte in der Kurie stören sich daran, dass das Thema Missbrauch mit Zölibat, Machtmissbrauch und kirchlicher Intransparenz in Verbindung gebracht wird und damit die kirchlichen Strukturen als solche in Frage zu stellen droht. Der deutsche Kardinal Walter Brandmüller warnte den Papst am Vortag in einem offenen Brief vor einem falschen Kurs und argumentierte, die Wurzel des Übels Missbrauch liege nicht an den Strukturen, sondern an der Präsenz «homosexueller Netzwerke» in der Kirche.

Die Laienorganisation «Wir sind Kirche» forderte hingegen mehr Unterstützung für Papst Franziskus. Die «immense Aufgabe» der Aufarbeitung könne der Papst ohne die Hilfe der Bischöfe und Kardinäle nicht bewältigen, sagte ihr Sprecher Christian Weisner. Etliche Bischöfe verfolgten allerdings noch immer eine Strategie der Vertuschung.

(red/sda)

Erstellt: 21.02.2019, 09:03 Uhr

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