66 Länder verpflichten sich zu CO2-Neutralität bis 2050

Staats- und Regierungschefs treffen sich in New York zum Klimagipfel. Auch grosse Kapitalanleger wie Swiss Re und Zurich ziehen mit.

Blick auf Termoelektrana Tuzla, das grösste Kohlekraftwerk Bosnien-Herzegowinas. Bild: Keystone

Blick auf Termoelektrana Tuzla, das grösste Kohlekraftwerk Bosnien-Herzegowinas. Bild: Keystone

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Kurz vor Beginn des UNO-Klimagipfels in New York haben sich 66 Länder verpflichtet, bis zum Jahr 2050 CO2-Neutralität zu erreichen. Auch zehn Regionen, 102 Städte und 93 Unternehmen schlossen sich der Selbstverpflichtung an.

Das teilte das Büro von UNO-Generalsekretär António Guterres mit. In New York kommen am Montag rund 60 Staats- und Regierungschef zusammen, um über einen besseren Klimaschutz zu beraten.

«Die Klimakrise ist ein Wettlauf, den wir im Moment zu verlieren drohen. Aber es ist auch ein Wettlauf, den wir gewinnen können», erklärte Guterres.

Der UNO-Generalsekretär hatte zu dem Klimagipfel in New York eingeladen. An ihm nehmen auch Vertreter der Privatwirtschaft und der Zivilgesellschaft teil, darunter die 16-jährige schwedische Aktivistin Greta Thunberg, die mit ihren freitäglichen Schulstreiks die neue weltweite Jugendbewegung für den Klimaschutz ins Rollen gebracht hat.

Als Ziel des Gipfels hatte Guterres im Vorfeld ausgegeben, dass die Weltgemeinschaft sich zu einer deutlicheren Verringerung des klimaschädlichen Kohlendioxidausstosses verpflichtet. Dazu trägt die Vereinbarung der 66 Staaten bei. Der Bundesrat hatte bereits Ende August beschlossen, dass die Schweiz bis 2050 klimaneutral werden soll.

Klimaziel des Pariser Abkommens

Bei der CO2-Neutralität geht es darum, nicht mehr Kohlendioxid auszustossen als gleichzeitig abgebaut oder gespeichert werden kann. Eine weltweite CO2-Neutralität bis zur Mitte dieses Jahrhunderts ist nach Einschätzung des Weltklimarats die Voraussetzung dafür, die Erderwärmung noch auf 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter begrenzen zu können. Dieses Ziel hatte sich die internationale Gemeinschaft im Pariser Klimaabkommen 2015 gesetzt.

Bei dem Gipfel in New York wollen die teilnehmenden Staats- und Regierungschefs die Beiträge ihrer Länder zum Klimaschutz vorstellen. Allerdings wird weniger als die Hälfte der 136 Staats- und Regierungschefs, die in dieser Woche an der UNO-Generaldebatte in New York teilnehmen, am Montag auf dem Klimagipfel anwesend sein.

So wird etwa die Regierung von US-Präsident Donald Trump lediglich durch eine Büroleiterin des Aussenministeriums vertreten sein. Trump hat den menschengemachten Klimawandel immer wieder angezweifelt und 2017 den Austritt seines Landes aus dem Pariser Abkommen angekündigt, weil es der US-Wirtschaft schade.

Auch Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, unter dessen Regierung die Vernichtung der Regenwälder im Amazonasgebiet Rekordausmasse erreicht hat, wird nicht teilnehmen. Ebenfalls abwesend ist der australische Premierminister Scott Morrison, dessen Regierung an der Kohleförderung festhält. China, der mit Abstand grösste Kohlendioxidproduzent der Welt und zugleich aber auch führend im Bereich der erneuerbaren Energien, wird durch Aussenminister Wang Yi vertreten sein.

NGO für Taten statt Worte

Klimaschützer und Hilfsorganisationen warnten, sich beim Gipfel auf blosse Absichtserklärungen zu beschränken. Das Treffen auf höchster politischer Ebene müsse mehr ergeben «als eine reine Bestätigung der Relevanz der Nachhaltigkeits- und Klimaziele und ein Benennen freiwilliger Massnahmen», hiess es am Montag in einer gemeinsamen Mitteilung des Forums Umwelt & Entwicklung, der Klima-Allianz Deutschland und des Verbands Entwicklungspolitik und humanitäre Hilfe (Venro).

Die Entwicklungsorganisation Oxfam forderte mehr Unterstützung für arme Länder, um sich vor den Auswirkungen der Klimakrise zu schützen. Die 48 am wenigsten entwickelten Länder erhielten jährlich nur 2,4 bis 3,4 Milliarden Dollar Unterstützung durch die Industrieländer für die Klimaanpassung. Das entspreche weniger als einem Cent pro Kopf und Tag.

Einen Tag vor dem UNO-Klimagipfel hatte die UNO einen Bericht veröffentlicht, demzufolge die fünf Jahre von Anfang 2015 bis Ende 2019 die wohl heissesten der Geschichte sein werden. Nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) in Genf werden die durchschnittlichen globalen Temperaturen in der jetzigen Fünf-Jahres-Zeitspanne «auf 1,1 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau (1850-1900) und 0,2 Grad Celsius wärmer als 2011-2015 geschätzt».

Kapitalanleger wollen klimafreundlich anlegen

Die institutionellen Kapitalanleger dieser Welt bewegen tagtäglich unvorstellbare Summen. Und das könnte ein wirksames Druckmittel für CO2-neutrales Wirtschaften werden.

Im Kampf gegen die globale Erwärmung will eine internationale Initiative grosser Versicherungen und Pensionsfonds bis 2050 mehr als zwei Billionen Euro klimaneutral anlegen. Das gab die «Net Zero Asset Owner Alliance» am Montag beim New Yorker UN0-Klimagipfel bekannt. Initiator ist die Allianz, Europas grösster Versicherer.

Zurich und Swiss Re ziehen mit

Er allein hat etwa 800 Milliarden Euro in den Büchern stehen, die angelegt werden müssen. Beteiligt an dem Bündnis sind eine Reihe weiterer institutioneller Investoren, darunter der staatliche französische Pensionsfonds Caisse des Dépots, der kanadische Rentenversicherer CDPQ sowie die Versicherer Zurich und Swiss Re.

Konkret bedeutet dies, dass die Grossinvestoren nun Einfluss auf die Unternehmen wollen, deren Wertpapiere sie halten, damit diese ihre Geschäftsmodelle «dekarbonisieren» - also die Belastung des Planeten mit Treibhausgasen nicht mehr erhöhen.

Hoffen auf Vorbildunktion

Allianz-Chef Oliver Bäte und Mitstreiter hoffen auf Vorbildwirkung: «Indem sie sich verpflichten, ihre Investmentportfolios bis zum Jahr 2050 auf netto null Treibhausgas-Emissionen umzustellen, legen die Kapitalanleger die Messlatte für andere Investoren, Industrieverbände und (...) die Weltwirtschaft hoch», heisst es in der Mitteilung. Allianz-Chef Bäte und UNO-Generalsekretär Antonio Guterres wollten die Initiative beim Klimagipfel gemeinsam vorstellen. «Den Klimawandel abzumildern ist die Herausforderung unserer Zeit», erklärte Bäte.

Umweltinitiativen machen seit Jahren auf die Finanzwelt Druck, ihre Anlagepolitik zu ändern und aus Investitionen in Öl- oder Kohlebranche auszusteigen. So hatte die Allianz bereits bekannt gegeben, dass sie keine neuen Kohlekraftwerke mehr versichern will.

Allerdings bedeutet auch die Ankündigung vom Montag nicht, dass der Münchner Konzern nun seine gesamten Anlagen umstrukturieren würde. Die Allianz ist einer der grössten Kapitalanleger der Welt. Zum Konzern gehören die Vermögensverwaltungsgesellschaften AGI und Pimco, die abgesehen vom eigenen Geld mehr als 1,5 Billionen Euro externer Kundengelder angelegt haben. Da Vermögensverwalter dieses Kalibers ihre Anlageentscheidungen in Absprache mit Grosskunden treffen, gilt die Ankündigung für AGI und Pimco nicht. (red/sda)

Erstellt: 23.09.2019, 15:19 Uhr

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