Zum Hauptinhalt springen

Nuggis in Penisform und andere Wahlkampflügen

In Brasilien erschüttert Whatsapp die Politik. Rechtsnationalist Bolsonaro nutzt die App mit Erfolg – und ohne Skrupel.

Anhänger des Rechtsaussenkandidaten Jair Bolsonaro demonstrieren am Wochenende in São Paolo. Foto: Fernando Bizerra Jr.(Keystone)
Anhänger des Rechtsaussenkandidaten Jair Bolsonaro demonstrieren am Wochenende in São Paolo. Foto: Fernando Bizerra Jr.(Keystone)

Übertreibungen, Fake News und diffamierende Falschmeldungen verbreiten in Brasilien alle politischen Lager. Aber kein anderes Wahlkampfteam tut dies so systematisch wie jenes von Jair Bolsonaro, dem Kandidaten von Rechtsaussen. «Seine Kampagne fusst auf einem professionell gemanagten Geschäft mit Lügen und Verleumdungen», schreibt die «Süddeutsche Zeitung». Um diese Praxis und deren Finanzierung ist nun kurz vor dem entscheidenden zweiten Wahlgang vom kommenden Sonntag ein Skandal geplatzt, der Bolsonaros Gegner einen Strohhalm bietet, ihn noch auf der Zielgeraden abzufangen.

Laut einem Bericht der Zeitung «Folha de São Paulo» hat ein Netzwerk von Unternehmern Digitalmarketing-Agenturen damit beauftragt, auf dem Nachrichtendienst Whatsapp Fake News über den linken Kandidaten Fernando Haddad zu verbreiten. Dafür sollen die mutmasslichen Auftraggeber rund 3 Millionen Franken ausgegeben haben, was nach brasilianischem Wahlrecht streng verboten wäre.

Erfolge mit 8-sekündigen Werbespots

Vertreter von Haddads Arbeiterpartei PT sprechen von einer «Lügenindustrie» und fordern, das Resultat des ersten Wahlganges zu annullieren. Gegenwärtig ermitteln Bundespolizei und oberste Wahlbehörde. Letztere hat 100'000 Whatsapp-Profile sperren lassen, darunter für kurze Zeit auch jenes von Flavio Bolsonaro, dem Sohn des Präsidentschaftskandidaten.

Dass die Ermittlungen vor dem Wahlsonntag abgeschlossen sind und es ein Richter wagt, Bolsonaros Sieg juristisch zu vereiteln, ist allerdings sehr unwahrscheinlich. Der Präsidentschaftskandidat bestreitet nicht einmal, dass eine Schmierenkampagne gegen Haddad stattgefunden hat. Er beteuert aber, nichts damit zu tun zu haben. Ohnehin sei sein Gegner so schwach, dass er solche Dinge gar nicht nötig habe.

Video – «Brasiliens Trump» liegt bei Wahl klar vorne (8. Oktober)

In Brasilien zieht der rechtsgerichtete Jair Bolsonaro in die Stichwahl um das Präsidentenamt ein. Video: Tamedia

Und dabei sah es für einen Moment lang so aus, als könnten die Gegner des Rechtsnationalisten aufatmen. Das war einige Wochen vor dem ersten Wahlgang, als es Bolsonaro misslang, ein Bündnis mit anderen Parteien zu schmieden. Weil in Brasilien die maximale Dauer für TV-Werbespots von der Stärke der Partei oder der Parteienkoalition abhängt, und weil Bolsonaros Sozialliberale Partei (PSL) damals noch eine Splittergruppe am äussersten rechten Rand war, durften seine Werbespots nicht länger als acht Sekunden dauern.

Acht Sekunden! Das war 39 mal weniger als die 5 Minuten und 33 Sekunden seines konservativen Kontrahenten Geraldo Alckmin, wie die spanische Zeitung «El País» berechnete. Und auch viel weniger, als Fernando Haddad von der linken Arbeiterpartei (PT) zur Verfügung hatte. Wie soll ein Politiker in acht Sekunden eine Botschaft verkünden, geschweige denn, ein Parteiprogramm erläutern? In Zeiten televisionärer Massensuggestion würde dieser Nachteil die Kampagne des Rechtsextremen implodieren lassen, mutmassten Experten und Journalisten. Oder wenigstens irreparabel beschädigen – zumal die Unterschiede bei der Parteien- und Wahlkampffinanzierung ähnlich himmelweit waren.

Dann kam der 8. Oktober, der Sonntag des ersten Wahlganges. Bolsonaro mit seinen achtsekündigen Mini-Clips erhielt 46 Prozent der Stimmen, Alckmin hingegen brachte trotz seiner Fernsehpredigten nicht einmal 5 Prozent der Wählenden hinter sich.

Umfragewerte bei 60 Prozent

Implodiert war nicht Bolsonaros Kandidatur, sondern eine scheinbar unumstössliche Wahlkampfregel. Ausser Kraft gesetzt war ein eingeschliffener Mechanismus moderner Demokratien. Die Tendenz ist schon seit einiger Zeit auch in anderen Ländern zu beobachten, aber noch nie und nirgends hat sie sich mit einer derartigen Radikalität gezeigt wie jetzt in Brasilien: Politische Fernseh- und Plakatwerbung, Wahlkampffinanzierung und Wahlkampfveranstaltungen, Auftritte der Kandidaten: Alles nicht mehr so wichtig, weil alles kompensier- und ersetzbar. Und zwar durch das Internet. Was gegenwärtig in Brasilien geschieht, ist ein Menetekel für demokratische Systeme überall auf dem Globus. Oder, je nach ideologischer Weltanschauung, ein Hoffnungsschimmer.

Vergangenen Samstag demonstrierten Zehntausende Gegner von Bolsonaro in São Paulo, Rio de Janeiro, Brasília und anderen Städten. Foto: Keystone
Vergangenen Samstag demonstrierten Zehntausende Gegner von Bolsonaro in São Paulo, Rio de Janeiro, Brasília und anderen Städten. Foto: Keystone

Im Hinblick auf den zweiten Wahlgang prophezeien jüngste Umfragen dem Rechtsextremen einen Wähleranteil von 60 Prozent. Nach menschlichem Ermessen ist es so gut wie undenkbar, dass Haddad, der ehemalige Stadtpräfekt von São Paulo und frühere Bildungsminister unter Lula, einen Rückstand von 20 Prozent binnen weniger Tage aufholt.

Für den zu erwartenden Triumph eines Politikers, der Folter und Militärdiktatur verherrlicht, freien Waffenbesitz propagiert und im Falle seiner Niederlage von einem möglichen Putsch schwadroniert hat, gibt es viele Gründe. Die Leichtigkeit, mit der er den scheinbaren Nachteil seiner verschwindend geringen Fernsehpräsenz wettgemacht und vielleicht sogar in einen Vorteil verwandelt hat, verdankt Bolsonaro aber den sozialen Medien. Kein anderer Politiker ist auf den jeweiligen Plattformen so aktiv wie er, kein anderes Wahlkampfteam nutzt sie professioneller – und, so der nun zirkulierende Verdacht, krimineller.

Nach allen Erfahrungen werden die von der Linken erhobenen Vorwürfe, Bolsonaros Team habe gegen das Wahlgesetz verstossen, dem rechten Politiker eher nützen als schaden.

Letzteres betrifft vor allem den Nachrichtendienst Whatsapp. Brasilien hat 147 Millionen Wahlberechtigte, von denen mehr als 120 Millionen die Nachrichten-App nutzen, 90 Prozent von ihnen mehr als 30-mal täglich. Zwei Drittel konsumiert und verbreitet politische Informationen und Wahlwerbung über Whatsapp, und laut einer Umfrage tun dies Bolsonaros Anhänger weitaus am intensivsten. Insgesamt gibt fast die Hälfte der Brasilianerinnen und Brasilianer an, sich vor allem über diesen Kanal zu informieren. Dessen anheimelnde Glaubwürdigkeit hängt vor allem damit zusammen, dass die Informationen oft wie private, selbst erlebte und mit eigenen Augen beobachtete Fakten geschildert werden. Während Brasiliens Justiz Facebook gesetzlich verpflichtet hat, politische Informationen und Wahlkampfwerbung als solche zu deklarieren, hat sie dies bei Whatsapp unterlassen – nicht zuletzt, weil es aufgrund der Verschlüsselung von Whatsapp-Nachrichten viel schwieriger ist, Verstösse zu kontrollieren und zu ahnden.

Und so zirkulieren denn auf Whatsapp millionenfach geteilte Behauptungen wie diese:

  • Fernando Haddad habe als Bürgermeister in Krippen und Kindergärten Flaschen mit penisförmigen Nuckeln verteilen lassen, um den Kindern allfällige Anflüge von Schwulenfeindlichkeit auszutreiben.
  • Er besitze als Sozialist einen gelben Ferrari und wolle die brasilianische Flagge verbieten lassen.
  • Vor dem ersten Wahlgang seien die Wahlmaschinen manipuliert worden, um einen Sieg Bolsonaros zu verhindern.
  • Einer Zeitung seien umgerechnet mehr als eineinhalb Millionen Franken versprochen worden, um die Kandidatur des ultrarechten Politikers zu hintertreiben.

Daneben gibt es auch Verleumdungen gegen Bolsonaro – etwa, dass die Messerattacke eines Einzeltäters, die ihn im September beinahe das Leben gekostet hätte, inszeniert gewesen sei. Als Beweis zeigten seine linken Gegner ein Foto, auf dem der Kandidat lacht. Dass es vor dem Attentat aufgenommen worden war, erwähnten sie nicht. Bolsonaro-Anhänger wiederum behaupteten, der Attentäter habe vor seinem Mordversuch mit der Politikerin telefoniert, die Haddad im Falle seines Sieges zur Vizepräsidentin machen will.

Nach allen Erfahrungen werden die von der Linken erhobenen Vorwürfe, Bolsonaros Team habe gegen das Wahlgesetz verstossen, dem rechten Politiker eher nützen als schaden. Wellen der Empörung über die Vorwürfe, Solidaritätskampagnen mit dem Angeschuldigten haben die sozialen Medien erfasst. Und auf den Strassen versammelten sich am Sonntag Tausende, um den wahrscheinlichen Sieg Bolsonaros zu feiern.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch