«Inschallah, werden wir siegen»

Die Türkei befindet sich im Kriegstaumel – selbst die Religionsbehörde lässt für die Offensive in Nordsyrien beten. Kritik am Entscheid von Präsident Erdogan wird nicht toleriert.

Panzerfahrzeuge treffen in Akcakale ein, einer türkischen Kleinstadt an der Grenze zu Syrien. <nobr>Foto: Burak Kara (Getty Images)</nobr>

Panzerfahrzeuge treffen in Akcakale ein, einer türkischen Kleinstadt an der Grenze zu Syrien. Foto: Burak Kara (Getty Images)

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Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, da beten sie in allen 90'000 Moscheen der Türkei schon die Fetih-Sure: «Die Armeen des Himmels und der Erde gehorchen Allah.» «Fetih» heisst Eroberung, es ist eine lange Koransure, auch diese Zeile kommt darin vor: Allah «vergibt, wem er will, er bestraft, wen er will». Die staatliche Religionsbehörde hat das landesweite Gebet für Donnerstagmorgen verordnet.

In der Nacht davor sind türkische Truppen in Nordsyrien einmarschiert, und fast die gesamte politische Opposition unterstützt die Invasion. Selbst linke Tageszeitungen stimmen in den nationalen Taumel ein. «Die Verräter wurden zu Rauch», titelt «Sözcü», sonst ein Blatt, das kein gutes Haar an der Regierung lässt. Nur wenige wagen Widerspruch. Gegen 78 Türken, die in sozialen Medien die Operation kritisierten, gibt es sofort Ermittlungen wegen «Terrorpropaganda», so berichtet das Webportal Diken. Kurz darauf wird der verantwortliche Chefredaktor von Diken festgenommen.

Auch gegen die beiden Vorsitzenden der legalen prokurdischen Partei HDP, Pervin Buldan und Sezai Temelli, ermittelt schon der Generalstaatsanwalt. Der Vorwurf lautet «Propaganda für eine Terrororganisation». Weil Temelli sagte, mit Erdogan komme die Türkei nirgendwohin, nur in den Krieg, dem Land drohe gesellschaftlicher Zerfall. Die HDP ist die drittgrösste Partei im Parlament.

Sivan Perver, einer der bekanntesten kurdischen Sänger, schreit sich in einem Video seine Wut auf den Krieg von der Seele: «Warum tut ihr das, warum greift ihr uns an?» Er wird dafür im Netz genauso wütend und emotional beschimpft. Es gibt auch Kurden, die hier gegen die kurdische PKK wettern, sie wie die Regierung eine «Terrororganisation» nennen, genauso wie die syrische YPG. Die türkischen Kurden sind gespalten, viele sind konservativ, sie haben Erdogans AKP gewählt.

«181 vernichtete Ziele»

So wird dieser Krieg auch als ­Medienkrieg geführt, wobei die grossen, regierungsnahen Sender eindeutig das Feld beherrschen. Ihre Journalisten haben sich in einigermassen sicherem Abstand zur Grenze positioniert und kommentieren die Bilder, die das Militär liefert, auch wenn es zeitweise ganz schwarz wird auf dem Bildschirm. Am Mittwochabend wurde der Strom in der Grenz­region gekappt. Nur der Feuerschein auf der anderen Seite der Grenze ist zu sehen, wo türkische Geschosse getroffen haben. Von «181 vernichteten Zielen» spricht das Militär am Morgen.

Explosionen im türkischen Grenzort Akçakale. (11. Oktober 2019) Video: Tamedia

Den Kriegsbeginn hatte Erdogan persönlich verkündet. Der Präsident, flankiert von zwei türkischen Fahnen, sass an einem Schreibtisch, vor sich ein Tablet, und man hörte, wie er die Generäle grüsste. Die Presseabteilung des Palasts verbreitete das Bild. Am Donnerstagmittag tritt Erdogan dann erneut auf, nun auf einer Parteiversammlung in Ankara. «109 Terroristen» seien bereits getötet worden, sagt er. Die Schuld an zivilen Opfern schiebt er den kurdischen Kämpfern zu. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in Grossbritannien berichtet ­dagegen von acht Zivilisten, die durch türkische Angriffe ums ­Leben gekommen seien.

Erdogan schimpft auf Europa

Eine Stunde redet Erdogan zur besten Sendezeit, es ist ein politischer Rundumschlag. Er warnt die Europäer, sie sollten die Militäroperation nicht als «Besatzung» bezeichnen, sonst «werden wir die Türen öffnen». Damit wiederholt er Drohungen aus jüngster Zeit, Flüchtlinge ungehindert nach Europa reisen zu lassen. Schon seit Monaten kommen viel mehr Migranten auf griechischen Inseln an. «Sie waren niemals ehrlich», schimpft Erdogan auf die Europäer.

In den sozialen Medien werden derweil Fotos von türkischen Soldaten verbreitet, auf den Knien und in Gebetshaltung. Noch vor Jahren undenkbar, da wurden Offiziere entlassen, weil deren Frauen Kopftuch trugen. «Inshallah, werden wir siegen», sagte Erdogan bei der Partei­versammlung. Aus den Reihen ertönte dreimal «Amen».

Erstellt: 11.10.2019, 08:30 Uhr

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Sieben Schweizer Kinder befinden sich gemäss Recherchen der «SonntagsZeitung» in Internierungslagern im Norden Syriens. Ihre Eltern hatten sich der Terrororganisation Islamischer Staat angeschlossen. Angesichts der Invasion der Türkei prüft der Bund derzeit «im Einzelfall Optionen für die Rückführung, wenn es das Kindeswohl erfordert». Dies teilte das Aussendepartement auf Anfrage dieser Zeitung mit.

«Die zuständigen Stellen von Bund und Kanton stehen zurzeit miteinander in Kontakt und koordinieren das Vorgehen, das die Klärung von schwierigen Rechts- und Sicherheitsfragen beinhaltet.» Laut «SonntagsZeitung» prüfen die Behörden, ob auch die Mütter zurückgeholt werden, obwohl der Bundesrat im März die Rückkehr von erwachsenen Jihadisten ausgeschlossen hat.

Aussenminister Ignazio Cassis hat die türkische Militäroperation in Nordsyrien mit ungewöhnlich deutlichen Worten kritisiert. Es handle sich um eine krasse Verletzung des internationalen Völkerrechts, sagte Cassis am Donnerstag gegenüber Fernsehen SRF. Die Invasion verstosse gegen die Prinzipien der UNO.

Zuvor hatte das Schweizer Aussendepartement eine viel zurückhaltendere Stellungnahme ver­öffentlicht, in der es lediglich alle Parteien dazu aufrief, das Völkerrecht zu respektieren. Es vermied es jedoch, die Türkei direkt zu kritisieren. Damit zog das Aussendepartement Kritik von Aussenpolitikern wie dem SP-Präsidenten Christian Levrat auf sich. (ffe)

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