Im Auto lag bündelweise Bargeld

Seine Ibiza-Affäre hat in Österreich zur Staatskrise geführt, nun gerät Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache noch stärker in Bedrängnis.

Im Auto des früheren FPÖ-Chefs Strache wurde 2013 und 2014 offenbar Geld in grossen Mengen fotografiert. Foto: Getty Images

Im Auto des früheren FPÖ-Chefs Strache wurde 2013 und 2014 offenbar Geld in grossen Mengen fotografiert. Foto: Getty Images

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Es sind mehrere dicke Bündel Bargeld, Hunderter und Fünfziger, schätzungsweise mehrere Zehntausend Euro. Auf den Fotos sind sie gestochen scharf zu erkennen. Einmal sind die Bündel scheinbar achtlos hineingestopft in eine schwarze Ledertasche mit Schnallen, die neben zwei Paar Schuhen in einem Kofferraum liegt. Auf einem zweiten Foto ist das Bargeld in einer anderen Tasche zu sehen, deren Reissverschluss weit offen steht. Ein drittes Bild zeigt Geldbündel, die auf einen Autositz drapiert sind. Die Fotos, die der Süddeutschen Zeitung und dem Spiegel zugespielt wurden, sind schon vor einigen Jahren aufgenommen worden, und zwar allem Anschein nach im Wagen des damaligen FPÖ-Chefs Heinz-Christian Strache. Diese Geldbündel könnten Strache noch einmal wesentlich stärker in Bedrängnis bringen, als er ohnehin schon ist.

Strache war im Mai dieses Jahres als österreichischer Vizekanzler und Chef der FPÖ zurückgetreten, nachdem SZ und Spiegel Ausschnitte eines Videos veröffentlicht hatten, in dem er sich offen für Korruption gezeigt und von illegalen Parteispenden geschwärmt hatte. In der Folge zerbrach die Koalition mit der konservativen ÖVP, und es wurden Neuwahlen ausgerufen; wenig später wurden auch mehrere Wohnungen durchsucht und etliche Vertraute Straches vernommen.

Einen handfesten Hinweis auf die Bargeldübergaben erhielten die Ermittler dann im September, durch eine anonyme Anzeige bei der Wiener Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft. Darin hiess es, Strache habe «regelmässig Sporttaschen mit hohen Summen Bargeld erhalten», von Akteuren «aus dem osteuropäischen Ausland», auch ukrainische Geschäftsleute seien involviert. Vor allem aber gebe es belastende Fotos von dem Bargeld – angeblich geschossen von einem Bodyguard Straches. Nur wenige Tage später, Ende September, nahm die Polizei einen ehemaligen Personenschützer fest und war kurz darauf im Besitz der oben beschriebenen Fotos.


Video: Die Ibiza-Affäre brachte alles ins Rollen

Heinz-Christian Strache trifft sich mit einer angeblich reichen Russin auf Ibiza. Video: Süddeutsche Zeitung


Die Ermittler dürften inzwischen weit mehr wissen als das, was auf den Fotos zu sehen ist. Fast jedes Foto, das von einem Smartphone gemacht wird, trägt eine Fülle von Informationen mit sich, sogenannte Exif-Daten. Damit lässt sich zum Beispiel sagen, wann oder wo die Bilder mutmasslich aufgenommen wurden und mit welchem Handytyp. Der Ort lässt sich manchmal sogar sehr genau eingrenzen, im besten Fall auf ein paar Meter. Zwei von SZ und Spiegel unabhängig beauftragte Gutachter kamen durch diese Daten zu dem Schluss, dass die Fotos im Juni und Juli 2013 beziehungsweise im Januar 2014 in Wien und am Wörthersee aufgenommen wurden.

Diese Erkenntnisse decken sich exakt mit den Aussagen des Bodyguards bei der Polizei. Eines der Bilder etwa wurde am 28. Juni 2013 aufgenommen. In Ermittlungsunterlagen heisst es, der Bodyguard habe an jenem Tag in Straches Dienstwagen «eine Sporttasche mit grossen Bargeldmengen gesehen und fotografiert». Auch andere Details passen: Mindestens eines der Bilder wurde laut einem Experten im Kofferraum eines BMW X6, Baujahr 2008 bis 2014, aufgenommen. In einem solchen Wagen wurde Strache damals, ausweislich zahlreicher Pressefotos, durch Österreich chauffiert. Die sandfarbenen Schuhe, die auf einem Foto zu sehen sind, gleichen Schuhen, die Strache im August 2013 beim Besuch der Beachvolleyball-Europameisterschaft in Klagenfurt trug. Und bei der Sporttasche handelt es sich laut einem forensischen Gutachten um ein bestimmtes Modell des Schweizer Taschenherstellers Bally. Genau dieses Modell besitzt offenbar auch Strache, jedenfalls trägt er ein solches in einem ORF-Video aus dem Jahr 2018, das ihn auf dem Weg in ein Fitnessstudio zeigt.

Wenn es tatsächlich Straches Wagen, sein Paar Schuhe und seine Tasche waren, und nachdem beide Gutachten keinerlei Hinweise auf Fälschungen oder nachträgliche Bearbeitung der Bilder feststellen konnten, bleibt die Frage: Woher kam so viel Geld in das Auto des FPÖ-Politikers?

Straches Anwalt konterte, «jeder» könne «Sporttaschen fotografieren» und «irgendetwas azu behaupten».

Am 1. Juli 2013 machte der Bodyguard wieder Fotos, diesmal in der Wiener Innenstadt, wie die Handyfoto-Daten zeigen. Strache habe an diesem Tag dort in der Rechtsanwaltskanzlei des FPÖ-Politikers Peter Fichtenbauer «einen Rucksack mit Bargeld abgeholt», heisst es dazu passend in Unterlagen der Ermittler.

Schon als sein Bodyguard festgenommen wurde und die Inhalte der anonymen Anzeige in Österreichs Medien veröffentlicht wurden, wies Strache die Vorwürfe zurück: Niemals habe er «Sporttaschen mit Geld» im Auto gehabt, höchstens «mit durchgeschwitzter Sportwäsche». Straches Anwalt konterte, «jeder» könne «Sporttaschen fotografieren» und «irgendetwas dazu behaupten». Auf Anfrage liess der Bodyguard über seinen Anwalt mitteilen, dass «sowohl der Rucksack als auch die Sporttasche jeweils von Herrn Strache in das Auto gelegt wurden».

Tatsächlich sind die Fotos allein kein Beweis dafür, dass Strache das Geld dort deponiert hat oder auch nur davon wusste. Die Bilder können aufgenommen worden sein, um Strache zu schaden. Aber verbunden mit der Aussage des Bodyguards sind die Fotos der Bargeldbündel politischer Sprengstoff.

«Top-Unternehmer» landet plötzlich auf FPÖ-Landesliste

Zumal die Bilder und die Aussage des Bodyguards frappierend zu einer anderen Geschichte passen, die Straches FPÖ ebenfalls nicht sonderlich gut aussehen lässt. Angeblich habe eine Gruppe ukrainischer Geschäftsmänner 2013 für zehn Millionen Euro ein FPÖ-Mandat für den Nationalrat gekauft – und auf diesem Ticket den Unternehmer Thomas Schellenbacher, der den Ukrainern geschäftlich verbunden war, in das österreichische Parlament geschickt. So beschrieben es ein Zeuge und ein nach eigenen Angaben Beteiligter in eidesstattlichen Versicherungen. Ein Teil des Geldes sollte demnach an Schellenbacher gehen, ein Teil an die FPÖ und ein Teil an Strache. Schellenbacher und Strache liessen eine Anfrage dazu bis Freitag unbeantwortet.

Strache schrieb einem seiner Vertrauten zu jener Zeit per SMS, dass jemand Schellenbacher, einem «Top-Unternehmer», ein Mitgliedsformular vorbeibringen solle: «Er füllt es ohne Datum aus, und du nimmst es mir mit.» Als Strache im Juli 2013 die Wiener Landesliste der FPÖ präsentiert, findet sich darauf, auf Platz neun, auch der politisch bis dahin unerfahrene Unternehmer Schellenbacher, der erst Tage zuvor seinen Wohnsitz in Wien angemeldet hatte.

Die Verbindung zu den Geldbündeln: Zwei der Fotos wurden laut den darin gespeicherten Daten an den beiden Tagen vor der Präsentation Schellenbachers aufgenommen, ein weiteres Monate später am Wiener Rathausplatz, nur wenige Meter von Fichtenbauers Kanzlei entfernt.

Vorgang um angeblichen Mandatskauf ging vor Gericht

Zufall? Womöglich. Strache antwortete nicht auf eine entsprechende Anfrage von SZ und Spiegel. Anwalt Fichtenbauer erklärte im österreichischen Rundfunk, dass Strache Bargeld aus seiner Kanzlei abgeholt habe, sei eine «Lüge der Sonderklasse».

Nach der Wahl 2013 stellte sich heraus, dass die FPÖ zu wenig Stimmen bekommen hatte, als dass Listenplatz neun für Schellenbacher ausreichend gewesen wäre. Eigentlich. Dann zogen urplötzlich drei andere Kandidaten zurück – und der Weg für Schellenbacher war frei. Eine Anfrage zu diesem Komplex liess er bis Freitag unbeantwortet.

Der Vorgang um den angeblichen Mandatskauf ging 2016 sogar vor Gericht. Der niederösterreichische Unternehmer, der den Deal eingefädelt haben will, versuchte, das angeblich versprochene Honorar von zwei Millionen einzuklagen. Die Klage wurde allerdings abgewiesen. Auch die Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen ein. Da die Erstellung einer Wahlliste «kein Amtsgeschäft» sei, wäre der Kauf eines Mandats nicht strafbar.

Erstellt: 13.12.2019, 19:00 Uhr

Strache wird aus der FPÖ geworfen

Die FPÖ hat ihren Ex-Chef Heinz-Christian Strache wegen «parteischädigenden Verhaltens» offiziell aus der Partei ausgeschlossen. Wie Parteichef Norbert Hofer am Freitag mitteilte, folgte der Wiener Landesparteivorstand mit dem Rauswurf der einstimmigen Empfehlung eines Parteigerichts. «Für uns ist es eine Befreiung, weil damit Ibiza für uns Geschichte ist und wir damit in die Zukunft schauen können», sagte Hofer. Der Ein­ladung, sich vor dem Parteigericht zu einem möglichen Ausschluss zu äussern, kam Strache nach Angaben der FPÖ nicht nach. Er habe in einem Brief ­geschrieben, dass er für das Parteigericht nicht zur Verfügung stehe und sein Erscheinen für «entbehrlich» halte.
Strache hat längst ein Comeback unter anderer Flagge im Blick. Als Startrampe dafür soll «Die Allianz für Österreich» dienen, die von drei Strache-Getreuen aus dem Wiener Gemeinderat am Donnerstag als Abspaltung von der FPÖ gegründet wurde.
Dieses Comeback erschweren könnte allerdings, dass die Ibiza-­Affäre seit Straches Rücktritt als Vizekanzler und FPÖ-Parteichef im letzten Mai nicht einfach ­vorbei ist. Bis heute ermitteln die Fahnder der Sonderkommission mit dem Spitznamen «Soko ­Ibiza». Sie sind offenbar auch ­daran, die exorbitanten Spesen Straches zu durchleuchten.
Strache habe sich nach Gutsherrenart aus der Parteikasse ­bedient, sagt jemand, der dabei lange zugesehen haben will. Seine langjährige Assistentin wurde im September von der Polizei ­vernommen. Das Protokoll liegt der «Süddeutschen Zeitung» und dem «Spiegel» vor. (red)

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