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Hände hoch, ihre Kurve zeigt steil nach oben

Demokratin Elizabeth Warren profitiert stark von den Polit-Wirren in den USA. Das macht einige ziemlich nervös.

Im Frühling war sie noch Aussenseiterin, nun macht sie Woche für Woche Boden gut und mausert sich zur Favoritin der Demokraten. Bild: Keystone
Im Frühling war sie noch Aussenseiterin, nun macht sie Woche für Woche Boden gut und mausert sich zur Favoritin der Demokraten. Bild: Keystone

Elizabeth Warren ist auf direktem Weg an die Spitze des demokratischen Bewerberfelds für die US-Präsidentschaftswahlen 2020. Ihre Zustimmungskurve zeigt seit drei Wochen steil nach oben, und nun hat sie in den Umfragewerten den unangefochtenen zweiten Platz erreicht. Nur Kronfavorit Joe Biden steht noch knapp vor ihr – und seine Kurve zeigt seit der Ukraineaffäre und der seither laufenden Schlammschlacht mit Donald Trump stark nach unten.

Noch im Januar sah das ganz anders aus: Der ehemalige Vizepräsident Biden führte deutlich vor Bernie Sanders, der die Vorwahlen 2016 nur knapp gegen Hillary Clinton verlor. Hinter den beiden älteren Herren folgte erst mal lange nichts und dann ein dichtes Feld der weiteren Bewerber, darunter auf Platz 5 Senatorin Elizabeth Warren aus dem Bundesstaat Massachusetts – eine Aussenseiterin.

Die Umfragewerte seit Mai 2019 (zur vollständigen Ansicht auf Grafik klicken): Biden (grün), Warren (braun), Sanders (blau), Harris (gelb) und Buttigieg (violett). Nur bei Warren ist ein klarer Aufwärtstrend sichtbar. Grafik: Realclearpolitics
Die Umfragewerte seit Mai 2019 (zur vollständigen Ansicht auf Grafik klicken): Biden (grün), Warren (braun), Sanders (blau), Harris (gelb) und Buttigieg (violett). Nur bei Warren ist ein klarer Aufwärtstrend sichtbar. Grafik: Realclearpolitics

Im Sommer lieferte sich Warren dann mit Sanders und der zweiten Kandidatin Kamala Harris ein Rennen um den zweiten Platz hinter Biden. Die Werte von Harris sind seither aber drastisch gesunken, jene von Warren hingegen steigen kontinuierlich weiter. Mitte September hat sie sich auch vom 78-jährigen Bernie Sanders abgesetzt.

Der unabhängige Senator aus Vermont musste am Mittwoch zudem einen weiteren Rückschlag einstecken, als er mit einer plötzlichen Herzerkrankung ins Spital musste und eine Notoperation benötigte. Sein Wahlkampf ist vorerst gestoppt, und die gesundheitlichen Probleme haben zu einem deutlichen Knick in seinen Umfragewerten geführt.

Bernie Sanders musste wegen einer verstopften Arterie ins Spital – will aber bald im Wahlkampf zurück sein. Bild: Cheryl Senter/AP
Bernie Sanders musste wegen einer verstopften Arterie ins Spital – will aber bald im Wahlkampf zurück sein. Bild: Cheryl Senter/AP

Für die 70-jährige Warren geht es hingegen weiter nach oben: Sie steht nun in den zusammengefassten Polls von Realclearpolitics – mit den aktuellsten nationalen Umfragen – nur noch 2,2 Punkte hinter Joe Biden. Bewegen sich die Kurven so weiter, wird Biden schon bald erstmals unter 25 Prozent Zustimmung haben – und von Senatorin Warren überholt werden.

Die Umfragen von Economist/Yougov, Monmouth und Quinnipiac sehen Warren in ihren Umfragen schon ganz vorne. Noch geht es aber knapp vier Monate, bis demokratische Wähler erstmals ihr Votum einlegen können und aus Umfragewerten Ergebnisse werden.

Fällt Sanders aus, profitiert Warren

Und Warren hat noch viel Luft nach oben, wie eine Analyse der Washington Post zeigt, denn sie hat einige Gemeinsamkeiten mit Bernie Sanders. Beide sind betont links, gelten als progressiv und wollen eine Krankenkasse für alle US-Bürger. Die Washington Post rechnet deshalb damit, dass potentielle Wähler des 78-jährigen Senators sich auf die Seite von Warren schlagen werden, wenn Sanders Chancen sinken. Nach seiner Herzoperation müsste er nun rasch beweisen können, dass er trotzdem für das Präsidentenamt geeignet ist – die Zweifel daran wachsen aber täglich.

Bei den Wettquoten ist Warren deshalb bereits heute die klare Favoritin. 50 Prozent sehen in ihr die nächste Präsidentschaftskandidatin der Demokraten. Zumal Biden auch wegen seines Alters ein Fragezeichen bei den Demokraten ist. Schon bevor Donald Trump die Aufmerksamkeit auf mutmassliche Geschäfte von Bidens Sohn Hunter lenkte und das Vater-Sohn-Duo bei allen Gelegenheiten als korrupt zu bezeichnen begann, mehrten sich Berichte über Erinnerungslücken des 76-Jährigen. Im Land der unbegrenzten Wahlkampflügen sind solche Schlagzeilen aber immer eine vorsichtig zu geniessende News-Kost.

Joe Biden steht unter Druck, nicht erst seit der Ukraineaffäre von Donald Trump. Auch das Alter des 76-Jährigen gilt als möglicher Fallstrick. Foto: Reuters/Steve Marcus
Joe Biden steht unter Druck, nicht erst seit der Ukraineaffäre von Donald Trump. Auch das Alter des 76-Jährigen gilt als möglicher Fallstrick. Foto: Reuters/Steve Marcus

Die 70-jährige Warren ist mittlerweile auch an Wahlveranstaltungen beliebt. Bis zu 20'000 Zuschauer lockt sie an ihre Kundgebungen. Aus der einstigen Geheimfavoritin ist dort eine Top-Kandidatin geworden, welche auch Massen in den Bann ziehen kann.

Trump und die «Pocahontas»-Sprüche

Joe Biden gibt sich aber noch nicht geschlagen. In der von Trump losgetretenen Ukraineaffäre und der nun folgenden Schlammschlacht sieht er ein klares Kalkül des US-Präsidenten. Biden wirft ihm vor, dass er fremde Regierungen – im September die Ukraine, am Donnerstag dann auch noch China – um Material gegen ihn bitte, weil er in den Vorwahlkampf der Demokraten eingreifen und den Gegenkandidaten Biden verhindern wolle.

Biden werde sich aber nicht vertreiben lassen, kündigt er in einem Tweet an. Seine Befürchtung: Trump will ihn aus dem Weg räumen, weil er in Warren die einfacher zu besiegende Gegnerin sehe. Der US-Präsident könnte sich dann als Kämpfer gegen einen drohenden Linksrutsch darstellen, die Republikaner hinter sich vereinen und gemässigte Demokraten zumindest von der Wahl abhalten.

Warren, die stolz darauf ist, dass sich in ihrem Stammbaum indianische Vorfahren finden, wird von Trump zudem seit Jahren mit dem Spitznamen «Pocahontas» verhöhnt, erst kürzlich in diesem bemerkenswerten Tweet, in welchem er sich selber «grossartig, gut aussehend, smart und ein wahres stabiles Genie» nennt:

Trump hat schon mehrfach angedroht, dass er seine Pocahontas-Peitsche im grossen Stil auspacken werde, wenn Warren gegen ihn antreten sollte. Noch ist der amtierende Präsident aber auf das Impeachment-Verfahren gegen ihn und seinen Kampf gegen Joe Biden konzentriert.

Auffällig ist, dass Warren sich aus dieser Schlammschlacht bestmöglichst raushält und ihren Weg in Richtung Präsidentschaft weitergeht. Das beunruhigt selbst die Börse, wie das «Wall Street Journal» schreibt. Auch dort gilt die 70-Jährige wegen Sanders’ Gesundheitsproblemen plötzlich als Favoritin, und das macht die Analysten nervös, die unter einer Präsidentin Warren mehr Regulation und höhere Steuern für Reiche befürchten.

Noch ist es aber nicht so weit. Bis zu den ersten Vorwahlen im Februar und dem Super-Tuesday im März stehen noch einige TV-Debatten an und das Blatt kann sich für alle Kandidaten noch wenden. Redet sich Trump weiter um Kopf und Kragen, könnte Biden davon profitieren und vielleicht sogar als Sieger aus der Ukraineaffäre hervorgehen.

Kehrt Bernie Sanders bald erholt in den Wahlkampf zurück und stellt seine Gesundheit unter Beweis, könnte auch er noch versuchen, das Ruder herumzureissen. Und hinter den beiden ehemaligen Top-Favoriten lauern weitere Kandidaten, die noch auf ihren Durchbruch hoffen.

Der jüngste US-Präsident?

Buttigieg ist hinter den grossen drei der wohl aussichtsreichste Kandidat. Er ist seit 2012 Bürgermeister von South Bend, einer Stadt in Indiana. Im Gegensatz zu den über 70-Jährigen ist er mit 37 nicht einmal halb so alt wie Biden oder Sanders. Er wäre bei einer allfälligen Wahl 38 und damit der jüngste US-Präsident aller Zeiten – Theodor Roosevelt rückte 42-jährig zum Präsidenten auf, John F. Kennedy wurde mit 43 gewählt. Buttigieg wäre zudem der erste Amtsinhaber, der offen zu seiner Homosexualität steht.

Pete Buttigieg könnte der jüngste Präsident aller Zeiten werden. Foto: Reuters/Steve Marcus
Pete Buttigieg könnte der jüngste Präsident aller Zeiten werden. Foto: Reuters/Steve Marcus

Für den jungen Bürgermeister scheint die Zeit aber noch nicht reif zu sein, er schaffte es in den nationalen Umfragen auf maximal 8,3 Prozent und liegt derzeit mit 5,5 Punkten weit hinter dem Spitzentrio zurück. In Iowa, wo im Februar die Vorwahlen beginnen, liegt er immerhin über zehn Prozent. Ein solcher Achtungserfolg könnte den Aussenseiter beflügeln.

Die erste dunkelhäutige Präsidentin?

Senatorin Kamala Harris hat sich in der ersten TV-Debatte Ende Juni ins Rampenlicht gerückt, als sie Joe Biden verbal Paroli bot und in den Umfragewerten überraschend an Warren und Sanders vorbeischoss. Die 55-Jährige konnte sich aber nur wenige Wochen in dieser Gruppe halten und ist seither regelrecht abgestürzt – lag sie im Sommer noch bei rund 15 Prozent, würden sie jetzt nur noch 4,8 Prozent der Demokraten zur Präsidentschaftskandidatin küren wollen.

Sie will die erste US-Präsidentin werden: Kamala Harris. Foto: Reuters/Gretchen Ertl
Sie will die erste US-Präsidentin werden: Kamala Harris. Foto: Reuters/Gretchen Ertl

Besonders bitter für Harris ist, dass sie in ihrem Heimatstaat derzeit ebenfalls keine Chance gegen das Top-Trio hat. In Kalifornien finden die Vorwahlen am 3. März 2020 statt, dem Super-Tuesday, wenn 14 Staaten entscheiden und sich die Spreu vom Weizen trennen wird. Ob Harris danach noch reelle Chancen besitzt, erscheint derzeit zumindest fraglich.

Wirklich erklären kann sich die 55-Jährige ihren Abstieg nicht, zum Nachrichtensender CNN sagte sie aber kürzlich, dass die USA noch nie jemanden mit ihrem Aussehen gewählt hätten – ihre Mutter stammt aus Indien, ihr Vater aus Jamaika. Einige Hürden hat sie in ihrem Leben dennoch überwunden, so wurde sie die erste dunkelhäutige Attorney General in Kalifornien – eine sehr hohe Funktion, welche die Aufgaben eines Justizministers und eines Generalstaatsanwalts beinhaltet.

Yang, O'Rourke & Co.

Hinter den Top 5 wird die Luft für die restlichen Kandidaten langsam dünn. Zwölf haben sich bisher für die nächste TV-Debatte am 15. Oktober qualifiziert, sie werden aber weit aussen stehen und somit weniger Zeit am Bildschirm erhalten. Nur zwei kommen in den aktuellsten Umfragen noch auf über zwei Prozent: Andrew Yang und Beto O'Rourke.

Andrew Yang und Beto O'Rourke kämpfen um den Verbleib im Feld der demokratischen Bewerber. Foto: Reuters/Mike Blake
Andrew Yang und Beto O'Rourke kämpfen um den Verbleib im Feld der demokratischen Bewerber. Foto: Reuters/Mike Blake

Der 44-jährige Yang ist Unternehmer und Autor. Der New Yorker steht für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein und steht bei derzeit 3,5 Punkten in den nationalen Umfragen.

Der 47-jährige Beto O'Rourke ist Abgeordneter seines Heimatstaats Texas. Er forderte 2018 den amtierenden Senator Ted Cruz heraus und verlor nur knapp. Der Wahlkampf sorgte landesweit für Aufsehen. Anfang August stand O'Rourke auch wegen des Massakers in seiner Heimatstadt El Paso im Scheinwerferlicht, mit derzeit 2,2 Prozent in den Umfragen ist er aber krasser Aussenseiter.

Best of the rest: Yang und O'Rourke kämpfen mit Cory Booker abgeschlagen um den Anschluss. Grafik: Wikimedia
Best of the rest: Yang und O'Rourke kämpfen mit Cory Booker abgeschlagen um den Anschluss. Grafik: Wikimedia

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