«Die Serben sind kein himmlisches Volk»

Anders als Novak Djokovic verteidigt ein serbischer Basketballstar die Unabhängigkeit von Kosovo. Nun toben die Nationalisten.

«Kosovo gehört schon lange nicht mehr zu Serbien»: Fenerbahçe-Profi Nikola Kalinic. Foto: Instagram / nikola_kalina

«Kosovo gehört schon lange nicht mehr zu Serbien»: Fenerbahçe-Profi Nikola Kalinic. Foto: Instagram / nikola_kalina

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Es war eine Zeit der Unordnung, des Aufruhrs und der Finsternis in Jugoslawien, als Nikola Kalinic 1991 zur Welt kam. Fast überall in dem Vielvölkerstaat gewannen die Nationalisten die Oberhand, es begann eine Dekade des blutigen Zerfalls, und die Kinder sahen im Fernsehen vermutlich öfter das mürrische Gesicht des Belgrader Gewaltherrschers Slobodan Milosevic als harmlose Zeichentrickfilme. Aus der Erbmasse Jugoslawiens sind sieben Nachfolgestaaten entstanden. Inzwischen ist Nikola Kalinic – trotz der politischen Wirren – ein Basketballstar geworden. Er spielt für den türkischen Verein Fenerbahçe und für die serbische Nationalmannschaft.

Serbien ist ein basketballverrücktes Land. 2002 gewannen dessen Spieler die Weltmeisterschaft (Serbien bildete damals einen Staatsverband mit Montenegro), 2014 folgte der Vizeweltmeistertitel. Da war auch Kalinic dabei. Doch über die grossen Erfolge seiner bisherigen Karriere wollte der Sportler kürzlich nicht sprechen. In einem fulminanten Interview mit der Tageszeitung «Blic» äusserte er sich über die missliche Lage in seinem Heimatland. Kalinic kritisierte zunächst die mangelnde Toleranz, Offenheit und Freundschaft zwischen den Menschen. Wer in Serbien eine andere Meinung vertrete, werde ausgeschlossen und ausgelacht. Schuld daran sei eine «Selfie-Kultur», die egozentrisch und einsam mache. Das war quasi zur Einstimmung.

Dann folgten mehrere Paukenschläge. «Es gefällt mir, dass das Volk endlich aufgestanden ist und gegen die Ungerechtigkeit und Dummheit rebelliert», sagte Kalinic. In mehreren serbischen Städten protestieren seit Wochen Tausende gegen das autokratische Regime von Staatschef Aleksandar Vucic, der Korruptionsskandale vertuscht, fast alle Medien kontrolliert und politische Gegner als Verräter verhöhnt.

Vucic – vom Kriegshetzer zum Premierminister

Richtig wütend machte Kalinic nicht nur Nationalisten mit seiner Haltung zum Kosovo-Konflikt. Seit er sich erinnern könne, gebe es in Serbien Streit über die bis 1999 von Belgrad beherrschte Albaner-Provinz. «Lasst uns das Problem lösen», rief Kalinic auf. Man könne nicht von der Vergangenheit leben. Die Schlacht auf dem Amselfeld habe schliesslich vor mehr als 600 Jahren stattgefunden, und Kosovo gehöre schon lange nicht mehr zu Serbien. An seine Landsleute appellierte der Basketballer, in der Welt herumzukommen und sich umzuhören. Die Serben seien «kein himmlisches Volk», keine auserwählte Nation, sondern «ein kleiner und unwichtiger Punkt auf der Weltkarte».

Ewige Opfernation

Kalinic ist nicht der erste Serbe, der einen kritischen Blick in die Vergangenheit wirft. Aber er ist der erste Sportstar, der ein solch brisantes Thema anspricht. Er beschreibt den verbissenen Nationalstolz vieler Serben als rückwärtsgewandt, stellt ihr Selbstverständnis als ewige Opfernation infrage und erinnert die Balkanvölker daran, dass Deutschland und Frankreich im Januar einen neuen Freundschaftspakt besiegelt haben – exakt 56 Jahre nach Unterzeichnung des Elysée-Vertrags. Nach so vielen Kriegsverbrechen und Opfern hätten die beiden Völker eingesehen, dass sie nur durch Zusammenarbeit vorwärtskämen, erklärte Kalinic.

«Kosovo ist Serbien.»Novak Djokovic

Damit grenzt er sich deutlich ab von Novak Djokovic, der in Serbien den Rang eines Nationalheiligen hat. Der Tennisstar trägt den St.-Sava-Orden, die höchste Auszeichnung der serbisch-orthodoxen Kirche, weil er sich zum Kämpfer für den Erhalt Kosovos und der historischen Klöster aufschwingt. «Wir sind bereit, zu verteidigen, was uns gehört. Kosovo ist Serbien», sagte er nach der kosovarischen Unabhängigkeitserklärung 2008. Seine Videobotschaft brachte über 150'000 Serben in Wallung, die damals in Belgrad gegen die Abspaltung des Amselfelds auf die Strasse gingen.

Nationalisten verschmieren Familienhaus

Nikola Kalinic lässt sich für solche Kampagnen nicht instrumentalisieren. Nach dem Interview im «Blic» entlud sich in den sozialen Medien ein Shitstorm über den Sportler. Er sei ein Serbe mit Untertanenmentalität, schrieb ein selbst ernannter Patriot mit Twitteraccount, andere wollten Kalinic aus der Nationalmannschaft rauswerfen oder fragten ihn, ob er bald zum Islam übertreten werde. Unbekannte Wirrköpfe verschmierten das Haus der Familie Kalinic in der multiethnischen Stadt Subotica an der Grenze zu Ungarn: Der vertürkte Sportler, so die vulgäre Botschaft, solle doch die Serben mit oralem Geschlechtsverkehr befriedigen.

«Nationalismus ist etwas für Leute, die 300 Franken im Monat verdienen.»Kultsänger Rambo Amadeus

Kalinic lässt sich nicht einschüchtern. Den Hassbrigaden antwortete er mit einem Zitat von Antonije Pusic alias Rambo Amadeus. Der balkanweit bekannte Kultsänger meint, der Nationalismus sei etwas für jene, die umgerechnet nur etwa 300 Franken im Monat verdienten. Die giftige Nahrung werde den Menschen von Politikern aufgetischt, um sie gegeneinander aufzuhetzen. Sobald der Lohn 1000 Franken übersteige, würden die Menschen über gesundes Essen und Ferien sprechen – und «ab 3000 Franken hört jedes Geschwätz auf. Dann reden die Leute über das Wetter und die Liebe».

Oder über Musik und Bücher. Kalinic sagte, zu seinen Lieblingsmusikern zählten John Lee Hooker, Buddy Guy und B. B. King. Und Gabriel García Márquez' «Hundert Jahre Einsamkeit» sei ein «geniales Buch».

Erstellt: 14.02.2019, 14:51 Uhr

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