«Mein Vater wollte, dass ich verschwinde»

Der Sohn des tschechischen Regierungschefs Andrej Babis behauptet, er sei vom eigenen Vater entführt worden. Jetzt hat ihn ein TV-Team in Genf gestellt.

Liess Andrej Babis seinen eigenen Sohn entführen? Foto: Reuters

Liess Andrej Babis seinen eigenen Sohn entführen? Foto: Reuters Bild: Seznam

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Der junge Mann wirkt verunsichert, verschreckt sogar, als er die Tür seiner Genfer Wohnung öffnet. Und erklärt auch den Grund: Er sei gegen seinen Willen verschleppt worden, auf die Halbinsel Krim, die von Russland okkupiert ist. Von dort sei er jedoch entkommen, habe er sich in die Slowakei und dann weiter in die Schweiz durchschlagen können.

Der junge Mann heisst Andrej Babis junior und stammt aus Tschechien, gibt aber an, dass er Schweizer Staatsbürger sei. Und das gibt dem mutmasslichen Entführungsfall eine internationale Dimension. Denn sein Vater ist Andrej Babis senior, Unternehmer und Regierungschef der tschechischen Republik. Und es sei Babis senior gewesen, der die Entführung angeordnet habe, behauptet Babis junior: «Mein Vater wollte, dass ich verschwinde», zitieren ihn tschechische Nachrichtenportale.

Andrej Babis weist die Vorwürfe in einer Reaktion auf seiner Facebook-Seite energisch zurück: Sein Sohn sei psychisch krank, erklärte der 64-jährige Gründer der rechtspopulistischen Bewegung Ano, der mit seinem vormals in der Schweiz registrierten Landwirtschaftskonzern Agrofert zum Milliardär wurde. Tatsache ist jedoch, dass der 35-jährige ehemalige Pilot Babis junior zwei Jahre spurlos verschwunden war, obwohl, oder vielleicht gerade weil ihn die tschechische Polizei suchte.

Erst jetzt fand ihn ein Team des tschechischen TV-Senders «Seznam» in der Wohnung seiner Mutter in Genf. Die Frau ist seit längerer Zeit von Babis sen. geschieden und lebt in der Romandie in eher bescheidenen Verhältnissen. Die Aussagen von Babis jun. filmte das TV-Team mit versteckter Kamera, allerdings wusste er, dass er mit Journalisten sprach.

Umstrittene Subventionen fürs «Storchennest»

Die tschechischen Ermittler interessieren sich für Babis jun., weil er in einen Fall von massivem Subventionsmissbrauch verwickelt sein soll, der auch die Anti-Betrugsbehörde der EU, Olaf, beschäftigt. Ein tschechisches Wellness-Resort namens «Storchennest» erhielt von der EU rund 2,5 Millionen Franken Förderung für kleine und mittelständische Unternehmen. Tatsächlich soll der Komplex mit dem markanten Bau in Form eines Vogelnestes jedoch zum Konzern Agrofert von Babis sen. gehören und damit in keiner Weise zum Bezug von Subventionen berechtigt gewesen sein.

Babis senior dementierte die Vorwürfe stets und behauptete, das «Storchennest» gehöre Familienangehörigen, darunter seinem Sohn Andrej junior. Dieser bestätigt den Reportern von «Seznam» in Genf, dass er ein Papier unterschreiben musste. Er habe jedoch nicht gewusst, «was ich da unterschreibe».

Als die tschechische Polizei Babis junior zu der Affäre «Storchennest» vor mehr als zwei Jahren zum ersten Mal befragen wollte, galt er als psychisch krank und deshalb nicht vernehmungsfähig. Das Attest schrieb eine Ärztin, die zuvor für Agrofert, den Konzern von Babis sen., gearbeitet hatte und eine Funktion in seiner Partei Ano ausübte. Laut Babis junior flog danach der Mann der Ärztin, ein Russe, mit ihm nach Moskau und weiter auf die Krim. Die Ärztin habe ihm nur zwei Möglichkeiten gegeben: Entweder er bleibe weggesperrt in der psychiatrischen Klinik. Oder er gehe mit ihrem Mann «in die Ferien» in den Osten. Das sei auch der Wunsch von Vater Babis senior.

Verbindungen in die Schweiz

In Tschechien sorgen die Aussagen von Babis junior für grosses Aufsehen. Die Opposition kündigt eine Misstrauensabstimmung gegen den Regierungschef im Parlament an. Die Staatsanwaltschaft Prag kündigt die Untersuchung der mutmasslichen Entführung an. Ein Rechtshilfeersuchen an die Schweiz sei noch nicht geschickt worden, da man erst jetzt den Wohnort des Juniors kenne, erklärt Mediensprecher Ales Cimbala dem staatlichen tschechischen Fernsehen. Babis junior war für diese Zeitung nicht erreichbar.

Die aus der Slowakei stammende Familie Babis hat eine lange zurückreichende Verbindung zur Schweiz. Schon seine Jugend in den 1960er-Jahren verbrachte Andrej senior in Genf, wo sein Vater Aussenhandelsattaché war. Angeblich soll Andrej damals auch für den tschechoslowakischen Geheimdienst gearbeitet haben, doch die Akten sind versiegelt. Nach der Wende ging er nach Prag und gründete die Agrofert-Holding unter Beteiligung einer Briefkastenfirma in Zug, deren wahre Eigentümer nie enthüllt wurden.

Andrej Babis kommt nach Zürich

2011 gründete Babis die Partei Ano (tschechisch für «Ja») und kaufte zwei Jahre später einen Medienverlag mit den zwei wichtigsten tschechischen Zeitungen. Das trug ihm in Anlehnung an Silvio Berlusconi den Spitznamen «Babisconi» ein. 2014 wurde Babis Finanzminister und nach den Wahlen 2017 Premier, obwohl die Ermittlungen in der Causa «Storchennest» weiterlaufen. Das heimlich gefilmte Gespräch der Journalisten mit seinem Sohn in Genf bezeichnete Babis senior als «Angriff auf meine Familie».

Andrej Babis kommt am 3. Dezember auf Einladung der Universität Zürich in die Schweiz. Er wird in Zürich die Ausstellung «Ein zweites Leben» eröffnen. Die Ausstellung erzählt Geschichten von Menschen, «die in der Schweiz eine zweite Heimat fanden».

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 13.11.2018, 15:02 Uhr

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