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«Es wäre Maduros letzter Fehler»

Venezuelas Interimspräsident Juan Guaidó will heute nach Caracas zurückkehren. Wird er verhaftet, könnte die Lage eskalieren.

Warb auf einer Reise durch lateinamerikanische Hauptstädte um Unterstützung: Juan Guaidó, hier in Brasilien.
Warb auf einer Reise durch lateinamerikanische Hauptstädte um Unterstützung: Juan Guaidó, hier in Brasilien.
Ueslei Marcelino, Reuters

Venezuela hält den Atem an. Der oppositionelle Interimspräsident Juan Guaidó hat angekündigt, heute nach Caracas zurückzukehren, und um seine Rückkehr zu feiern, hat er für 16 Uhr mitteleuropäischer Zeit in der Hauptstadt zu einer Grosskundgebung aufgerufen.

Zehn Tage ist es her, seit Guaidó das Land verlassen hat, um die Lieferung von Hilfsgütern über die kolumbianisch-venezolanische Grenze zu koordinieren – ein Plan, der an der militärischen Übermacht der sozialistischen Regierung unter Nicolás Maduro gescheitert ist. Und um in Kolumbien, Brasilien, Argentinien, Peru und Ecuador um Unterstützung zu werben.

Das Unternehmen war riskant, weil das venezolanische Obergericht, das längst zu Maduros Handlanger verkommen ist, dem Oppositionellen Reisen ins Ausland verboten hatte. So steuert der Konflikt um Venezuela heute auf einen neuen Höhepunkt zu.

Maduro hat gedroht, Guaidó werde «der Justiz Rechenschaft ablegen müssen», falls er zurückkehre. Guaidó sagte gestern in einer Videoaufzeichnung, die an einem unbekannten Ort gedreht wurde: «Falls das Regime versucht, mich zu entführen, haben wir klargemacht, welche Schritte folgen sollen. Es muss Massendemonstrationen geben, und es bestehen klare Anweisungen an unsere internationalen Partner.» Wie die Anweisungen genau lauten, sagte Guaidó nicht. Seine Verhaftung, wäre aber «der letzte Fehler, den sie begehen». Mit «sie» meinte er Maduro und dessen Regierung.

Der Grossteil der Armee stützt Maduro

Juan Guaidó befindet sich in einer unerfreulichen Lage. Als er am 23. Januar sein Amt als Interimspräsident antrat, war die Hoffnung gross, dass der überlegt und entschlossen wirkende Jungpolitiker dank internationaler Unterstützung schaffen würde, was Venezuelas zerstrittener Opposition seit zwanzig Jahren misslingt: Den sogenannten Chavismus zu besiegen, das verheerende Experiment namens «Bolivarianische Revolution» zu beenden.

Die Erwartung erfüllte sich nicht. Darauf versuchte Guaidó vergeblich, die Lieferung von Hilfsgütern aus dem Ausland zu erzwingen, in der Hoffnung, Soldaten und Offiziere würden sich aus Solidarität mit dem hungernden Volk in Massen von Maduro abwenden. Auch diese Erwartung blieb unerfüllt. Bisher sind zwar rund 700 Armeeangehörige desertiert, doch reicht dies angesichts einer Truppenstärke von insgesamt 250'000 Uniformierten bei weitem nicht, um Maduro die militärische Macht zu entwinden – zumal sich diese auch auf paramilitärische Banden stützt, die gefürchteten «colectivos».

Was sich bereits während der Massenerhebungen in den Jahren 2014 und 2017 gezeigt hat, bestätigt sich erneut: Das Regime in Caracas ist viel widerstandsfähiger, als man es für möglich gehalten hätte. Die zu einem grossen Teil aus hochrangigen Militärs bestehende Machtclique, die schon Maduros Vorgänger Hugo Chávez um sich geschart hatte, fürchtet derart um Reichtum und Privilegien, dass der immer wieder prophezeite innere Zerfall der Regierung bisher ausgeblieben ist.

Hinzu kommt, dass viele hochrangige Funktionäre und Militärs laut amerikanischen Ermittlern Drogenhandel, Geldwäscherei, Waffenschmuggel und andere kriminelle Aktivitäten betreiben, weshalb sie nach einem Sturz des Regimes damit rechnen müssten, im Gefängnis zu enden. Was Maduros Widerstandskraft zusätzlich stärkt, ist die finanzielle Unterstützung Chinas und Russlands. Und die starke Präsenz kubanischer Geheimdienstmitarbeiter und Militärberater, die in der Abwehr oppositioneller Aktivitäten jahrzehntelange Erfahrung haben.

Maduro riskiert viel

Mit seiner Reise durch lateinamerikanische Hauptstädte wollte Guaidó die internationale Allianz gegen Nicolás Maduro stärken. Laut der spanischen Tageszeitung «El País», die mit mehreren oppositionellen Abgeordneten und mit Beratern des Interimspräsidenten gesprochen hat, versuchte Guaidó auch ein Gegengewicht zur Entschlossenheit zu schaffen, mit der sich die Trump-Administration für Maduros Sturz einsetzt. Einmal liess der Interimspräsident durchblicken, im äussersten Fall auch eine militärische Intervention der USA zu befürworten, um die Aussage später zu widerrufen.

Auch dabei machte er keine sehr gute Figur. Die lateinamerikanischen Regierungen, die Guaidó unterstützen, lehnen eine US-Militärintervention ab, und dasselbe tun laut «El País» auch die meisten seiner Vertrauten. Die amerikanische Regierung hingegen sieht darin eine Option, die sie nicht ausschliessen will.

Falls Maduro seinen Widersacher heute verhaften lässt, riskiert er viel: Dass jener Teil der internationalen Gemeinschaft, die ihn für einen Diktator hält, die diplomatischen und wirtschaftlichen Sanktionen noch verschärft. Dass innerhalb der venezolanischen Opposition und bei den Hardlinern in Washington die Rufe nach einem militärischen Schlag der Supermacht lauter werden. Und dass es im ganzen Land erneut zu Massenprotesten und blutigen Unruhen kommt.

Falls Maduro den Oppositionellen hingegen unbehelligt zurückkehren lässt und es ihm ermöglicht, an der heutigen Kundgebung aufzutreten, verliert er das Gesicht. Eine dritte Möglichkeit bestünde darin, ihm unter einem juristischen Vorwand die Einreise zu verweigern – in der Hoffnung, der Schwung der Opposition würde ohne ihren Anführer erlahmen. Es wäre jene Taktik, die Maduro bisher stets erfolgreich angewendet hat: Zeit gewinnen. Den Sturm vorüberziehen lassen. Warten, bis sich seine Gegner zerstreiten.

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