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Er ist in 298 Fällen des Mordes angeklagt

Igor Girkin gilt als Verantwortlicher für den Abschuss des malaysischen Flugzeugs über der Ostukraine 2014. Nun wird dem Russen der Prozess gemacht.

Wer holte Flug MH17 vom Himmel? Sechs Jahre nach der Katastrophe findet in der Niederlande der Prozess statt. Video: Adrian Panholzer

Das niederländische Gericht tagt gleich neben dem Amsterdamer Flughafen, von dem die Unglücksmaschine vor sechs Jahren Richtung Kuala Lumpur startete. 298 Menschen waren an Bord, alle starben, als das malaysische Passagierflugzeug kurze Zeite später über der Ostukraine abgeschossen wurde.

Bei dem Verfahren sind drei Russen und ein Ukrainer des Mordes angeklagt. Sie sollen das Flugabwehrraketsystem des Typs BUK aus Russland geholt und nach der Katastrophe dorthin zurückgebracht haben, um die Spuren zu verwischen. Keiner der Angeklagten ist gekommen zum Prozessauftakt. «Ich habe es damals gesagt und ich sage es heute wieder: Die Aufständischen haben die Boeing nicht abgeschossen», kommentierte Igor Girkin in Moskau. Der damalige «Verteidigungsminister» der selbst ernannten Republik Donezk gilt als der Hauptverantwortliche für die Katastrophe.

Er wäre gerne ein General

Wie ein General sieht Girkin, der sich in Russland Strelkow (Schütze) nennt, nicht aus. Doch vermutlich wäre er gerne einer. Der Militärhistoriker spielt begeistert mit bei martialischen Nachbildungen grosser Schlachten, etwa im Kampf gegen Napoleon oder in Szenen aus dem Bürgerkrieg. Dabei bewundert er vor allem die Generäle der weissen, der zaristischen Armee.

Doch Girkin spielt nicht nur Krieg, er macht auch Krieg. Nicht nur in der Ostukraine, in fast jedem Konflikt der ehemaligen Sowjetunion war er mit dabei: Zuerst in Moldawien, dann in Tschetschenien, wo Moskau einen blutigen Kampf gegen islamistisch inspirierte Separatisten führte. Dann zog er weiter nach Bosnien, wo er an der Seite der Serben kämpfte und mit Orden dekoriert wurde. Menschenrechtler werfen ihm in mehreren Fällen vor, Exekutionen angeordnet und durchgeführt zu haben.

Auch bei der Annexion der ukrainischen Krim 2014 durch Russland war er mit dabei. Er trat dort als «Emissär des Kremls» auf und organisierte «Freiwilligenverbände». Nach dem Sieg auf der Halbinsel zog er mitsamt seinen Kämpfern weiter zum nächsten Hotspot: In der Ostukraine avancierte er im Mai 2014 zum «Verteidigungsminister» der Rebellen in Donezk. Ohne ihn und seine Leute, so brüstet sich Girkin gerne, wäre es nie zum Krieg in der Ostukraine gekommen, dann wäre der ganze Aufstand im Sand verlaufen, wie in anderen Teilen der Ukraine auch.

Mit ihm steht auch Russland vor Gericht: Igor Girkin im Jahr 2014. Foto: Dmitry Lovetsk (AP, Keystone)
Mit ihm steht auch Russland vor Gericht: Igor Girkin im Jahr 2014. Foto: Dmitry Lovetsk (AP, Keystone)

Im Frühsommer 2014 gelang es den Rebellen, mehrere ukrainische Jets abzuschiessen. Sie brüsteten sich auf den Sozialen Medien mit ihren spektakulären Taten, Bilder einer BUK, welche angeblich aus Regierungsbeständen erbeutet worden war, machten schon Wochen vor dem Unglück die Runde. Später wurden alle Posts fein säuberlich gelöscht. Laut der internationalen Untersuchungsbehörde war es aber eine russische BUK, mit der die Passagiermaschine abgeschossen wurde: Girkin und seine mitangeklagten Helfer sollen sie an dem Tag von einer Militärbasis in der Region Kursk in Russland über die Grenze zur Ukraine gebracht haben. Vermutlich wollte man die spektakuläre Serie von Flugzeugabschüssen weiter ausbauen.

Das eigentliche Ziel, so sagen viele russische Beobachter, sei eine ukrainische Transportmaschine gewesen. Doch getroffen wurde am 17. Juli 2014 die Boeing mit 298 Menschen an Bord. Die Maschine, die von der Explosion in Stücke gerissen wurde, ging über Rebellengebiet nieder. In grausiger Kleinarbeit wurden die Leichen eingesammelt und in Kühlwagen ins Regierungsgebiet gebracht. Von manchen Passagieren wurden nur Teile gefunden, von einigen fehlt bis heute jede Spur. Girkin behauptete damals sofort, die Rebellen hätten nicht geschossen und wies seine Leute an, gefundene Wertgegenstände an das «Verteidigungsministerium» abzugeben, um den Krieg zu finanzieren. Er behauptete, die Eisenbahnwagen, die im ostukrainischen Charkow ankamen, seien in Tat und Wahrheit leer gewesen, erst später habe man sie mit irgendwelchen Leichen gefüllt.

Heute in der Rolle des Oppositionellen

Mit Girkin steht in Amsterdam indirekt auch Russland vor Gericht. Vor allem die Niederlande und Australien betonen die Mitverantwortung des Kremls. Russland unterstützt die Aufständischen mit Waffen und Geld, ohne diese Hilfe könnten sie sich nicht lange halten. Ob der Kreml Girkin mit klarem Auftrag ins Konfliktgebiet schickte und wie weit er direkten Befehlen aus Moskau gehorchte, ist umstritten. Der Mann, der jahrelang für den russischen Geheimdienst gearbeitet hat, sei nichts als ein zynischer Handlanger des Kremls, sagen viele westliche Beobachter. Russische Experten vermuten eher, dass er sein eigenes Spiel spielte, aber die Protektion des Kremls genoss.

Er selber beklagt sich, der Kreml habe ihn im Stich gelassen. Wladislaw Surkow, der damalige graue Kardinal im Kreml und direkt für die Einmischung in der Ukraine verantwortlich, habe ihm nicht genug Unterstützung gegeben. Dabei habe Surkow so viel Geld gehabt für das Projekt, «er hätte die ganze Ukraine kaufen können, Kiew inklusive», beklagt sich Girkin in einem Interview. Nach dem Abschuss der malaysischen Passagiermaschine, für den Russland bis heute jede Art von Verantwortung kategorisch abgelehnt, wurde Girkin umgehend aus der Ostukraine abgezogen. Lob und Orden hat er für seinen Einsatz dort nicht bekommen, offenbar nicht mal einen neuen Job. Letztes Jahr hat er seine Orden, die er von einem nationalistischen Oligarchen für die Mithilfe bei der Annexion der Krim bekommen hatte, im Internet versteigert, um seine Finanzen aufzubessern.

Heute übt sich Girkin in der Rolle des Oppositionellen. Präsident Wladimir Putin sei ein Intrigant, sagt er, er werde Russland auf die Knie bringen. Das russische Regime sei ein abgeschottetes, mafiöses System. Besonderen Groll hegt er gegen die von Putin geplante Verfassungsänderung. Ganz der Mann aus dem Volk, hat er unlängst eine Beschwerde bei der Präsidialadministration eingereicht. Dabei stört er sich nicht am Autoritarismus, das sei die einzig richtige Regierungsform für Russland. Doch ihm schwebt eine allrussische «orthodoxe Monarchie» vor. Darin sollen Weissrussland und die Ukraine zu einem neuen Grossrussland verschmolzen werden – so ähnlich, wie er es in der Ostukraine schon mal versucht hat.

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