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Eine Show mit lauter Verlierern

Christine Ford erzählt, Richterkandidat Brett Kavanaugh tobt und weint: Wie die US-Senatsanhörung die Zuschauer verstört hat.

Die Professorin wirft Kavanaugh vor, 1982 versucht zu haben, sie zu vergewaltigen. Video: AP/AFP

«Ich bin heute nicht hier, weil ich hier sein möchte», sagte Christine Blasey Ford. «Ich habe Angst.» Das erste Mal stockte sie schon nach wenigen Sätzen. Ihre Stimme zitterte, Tränen schossen ihr in die Augen. Mehr als zehn Tage lang hatten die Amerikaner über die Professorin aus Kalifornien gelesen, diskutiert, gestritten, aber gesehen hatten sie sie nicht.

Bis am Donnerstag. Die Livekameras filmten, wie Ford im Raum 226 des Dirksen-Gebäudes vor den Senatoren des Justizausschusses sass, um sich zu erklären. «Ich bin hier, weil ich es für meine Bürgerpflicht halte, zu erzählen, was mir passiert ist, als Brett Kavanaugh und ich an der Highschool waren.»

Brett Kavanaugh ist der Mann, der von US-Präsident Donald Trump auserkoren wurde, den freien Sitz am Obersten Gerichtshof des Landes zu besetzen. Er sieht sich den Vorwürfen von mehreren Frauen ausgesetzt, sie in jungen Jahren sexuell belästigt oder angegriffen zu haben. Ford war die Erste dieser Frauen, und sie ist die Einzige, die vom Justizausschuss des Senats zu einem Hearing aufgeboten wurde.

Das höhnische Gelächter

Als die 51-Jährige nun am Donnerstag dasass, im dunkelblauen Blazer und sichtlich nervös, und zu den Senatoren auf ihren erhöhten Stühlen blickte, erzählte sie noch einmal ihre Geschichte. Sie hatte sie schon der «­Washington Post» beschrieben, sie hatte sie in einer vorab veröffentlichten schriftlichen Stellungnahme festgehalten – und doch klang jetzt vieles nochmals anders.

Also erzählte sie. Von der Party im Privathaus im Washingtoner Nobelvorort, in dem Brett – so nannte sie den heutigen Richter konsequent – sie auf ein Bett geworfen und versucht habe, sie auszuziehen. Davon, wie er seine Hand auf ihren Mund presste, um sie zum Schweigen zu bringen, während Kavanaughs Kumpel danebenstand. Davon, wie sie entwischen konnte, nachdem sich die beiden betrunkenen Schüler gegenseitig aus der Balance gebracht hatten. Sichtlich bewegt beschrieb sie, was ihr vom Vorfall am meisten geblieben sei: «Das Gelächter. Das laute Gelächter von beiden, als sie auf meine Kosten eine gute Zeit hatten.» Auf die Frage eines demokratischen Senators, wie sicher sie sei, dass es sich beim Angreifer um Kavanaugh gehandelt habe, sagte Ford: «100 Prozent.»

Er soll vor Jahrzehnten unter Alkoholeinfluss eine junge Frau genötigt haben: Richterkandidat Brett Kavanaugh. (Archivbild)
Er soll vor Jahrzehnten unter Alkoholeinfluss eine junge Frau genötigt haben: Richterkandidat Brett Kavanaugh. (Archivbild)
Keystone
Der neue Richter am Obersten Gericht soll als 17-Jähriger versucht haben, die 15-jährige Christine Ford zu vergewaltigen.
Der neue Richter am Obersten Gericht soll als 17-Jähriger versucht haben, die 15-jährige Christine Ford zu vergewaltigen.
AP Photo/J. Scott Applewhite
Kavanaugh steht auch wegen seiner konservativen Haltung zum Abtreibungsrecht in der Kritik: Seine erste Senatsanhörung wurde von Protesten begleitet.
Kavanaugh steht auch wegen seiner konservativen Haltung zum Abtreibungsrecht in der Kritik: Seine erste Senatsanhörung wurde von Protesten begleitet.
Michael Reynolds, Keystone
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Zum Zeitpunkt des behaupteten Vorfalls war Ford 15 Jahre alt, Kavanaugh 17. An viele Details erinnerte sich die Psychologin nicht, aber ihre Schilderung wirkte glaubwürdig, sie selber authentisch. Nach ihrem Auftritt war schwer vorstellbar, dass es sich bei ihr um eine von den Demokraten gesteuerte Aktivistin handelte, so, wie das konservative Kreise in den vergangenen Tagen ventiliert hatten. Zu offensichtlich war ihr Unbehagen, vor der Weltöffentlichkeit nochmals ein Trauma zu durchleben. Zudem, das wurde in der Befragung deutlich, hatte Ford die demokratische Abgeordnete in ihrem Wahlkreis wie auch die «Washington Post» schon sehr früh über den Vorfall mit Kavanaugh informiert – noch bevor dieser von Trump zum Kandidaten ernannt wurde, sondern erst als einer von vielen möglichen Aspiranten genannt wurde.

Dass sich auch die Republikaner im Senatsausschuss in einer schwierigen Lage befanden, war schon vor der Anhörung klar. Weil es nur schlecht aussehen konnte, wenn die elf männlichen, mehrheitlich alten Senatoren Ford ins Kreuzverhör nehmen würden, schickten die Republikaner eine Staatsanwältin aus Arizona vor. Sie versuchte, Zweifel an der Darstellung Fords zu säen, kam dabei aber nicht richtig vorwärts, auch weil sie ihre Fragen jeweils auf fünfminütige Tranchen beschränken musste.

«Ruf für immer zerstört»

Viel eindrücklicher, weil mindestens so emotional, war der anschliessende Auftritt des Beschuldigten. Brett Kavanaugh begann sein Statement voller Wut, er schrie es phasenweise fast heraus: «Mein Name und der meiner Familie sind komplett zerstört worden.» Vehement bekräftigte er seine Unschuld, er bestritt, je an der von Ford genannten Party gewesen zu sein, und er beschuldigte die Demokraten im Senatsausschuss, ihn in einen «Hinterhalt» gelockt zu haben. Die vergangenen Tage seien ein einziger grosser Anschlag auf ihn gewesen, ein politischer «hit job», orchestriert von einer wütenden Opposition und willfährigen Medien, die aus ihm ein Opfer des Hasses auf Trump machen wollten.

Auf die Wut folgte der Zusammenbruch. Erstmals brach Kavanaugh in Tränen aus, als er erzählte, dass seine kleine Tochter für Ford gebetet habe: «Wir wollen ihr nichts Böses.» Der 53-Jährige erzählte von seinem Elternhaus, das ihm nur Respekt vor Frauen beigebracht habe. Er redete über die vielen Frauen in seinem Leben, die ihm in Freundschaft verbunden seien, und über die Kolleginnen, die er in seiner langen Karriere als Richter gefördert habe. Nur mit Sex, sagte er, habe das alles nichts zu tun gehabt. Und vor allem: «Ich habe in meinem ganzen Leben nie jemanden sexuell angegriffen.»

Durch den Rest seines Statements kämpfte sich Kavanaugh mit grösster Mühe, immer wieder stoppte er, er weinte und schniefte. «Für mich und meine Familie ist das die schlimmste Erfahrung unseres Lebens.» Trotzdem machte Kavanaugh keine Anzeichen, seine Bewerbung für den Supreme Court zurückziehen zu wollen. Authentisch war auch dieser Auftritt, und zugleich war er der befremdliche und schwer zu ertragende Tiefpunkt eines Spektakels, das Amerika nun tagelang in den Bann gezogen hat. Das die ganze Nation vor den TV gezerrt hatte – und nun nachträglich verstört hat.

Prozess – oder Bewerbung?

Immer wieder erkennbar war dabei die unterschiedliche Strategie der Parteien: Die Republikaner stellten Fords Anschuldigung als etwas dar, das vor dem Senatsausschuss behandelt werden müsse wie ein Gerichtsverfahren, bei dem für den Beschuldigten die Unschuldsvermutung gilt. Und Ford, so dieses Argument, sei nun einmal Beweise schuldig geblieben. Er zweifle ja nicht daran, dass Ford einmal etwas zugestossen sei, sagte Senator Lindsey Graham. «Aber ich weiss nicht, wo es passiert sein soll, wann genau und wer dabei vor Ort gewesen sein soll.» Wenn dies für die Demokraten schon ausreiche, um jemanden wie Kavanaugh abzuschiessen, «dann Gnade Gott uns Republikanern».

Die Demokraten argumentierten dagegen, dass es sich um ein Bewerbungsgespräch für einen Job handle, der auf Lebenszeit vergeben wird. Es gehe darum, dass Kavanaugh belegen müsse, dass er für das Amt charakterlich geeignet sei, sagte Senatorin Kamala Harris. Zumindest dies blieb nach dem Auftritt im Zimmer 226 fraglich. Bereits am Freitag will der Senatsausschuss über Kavanaughs Bestätigung abstimmen – nächste Woche folgt dann das Votum im Plenum des Senats.

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