Die Risiken der Quarantäne

China hat 18 Städte isoliert, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen. Experten halten die Abschottung jedoch für kontraproduktiv.

Die WHO hat eine internationale Notlage ausgerufen: Alles zum Ausbruch des Coronavirus. Video: Tamedia

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Wenn man aus Sicherheitsgründen die eigene Stadt nicht mehr verlassen darf, ist das nicht gerade eine beruhigende Nachricht. Die chinesische Regierung hat mittlerweile den Flughafen in Wuhan und Bahnhöfe in der Stadt geschlossen, den öffentlichen Nahverkehr eingestellt. Selbst der Autoverkehr soll nun weitgehend gestoppt werden: Ausnahmen gibt es nur für Autos mit besonderen Genehmigungen, für Behördenfahrzeuge und Versorgungstransporte. Möglichst niemand soll aus dieser Stadt raus, erst recht nicht das Coronavirus, an dem mittlerweile mehr als 40 Menschen gestorben sind. Mehr als 1300 Menschen sollen sich infiziert haben.

Nicht nur Wuhan, auch zwölf andere Städte in der am stärksten betroffenen zentralchinesischen Provinz Hubei haben die Behörden abgeriegelt, betroffen sind etwa 56 Millionen Menschen. Allein in Wuhan, wo das Virus erstmals diagnostiziert wurde, leben elf Millionen.

Das Vorgehen, ganze Städte abzuschotten sehen Experten allerdings kritisch. Damit man Städte abriegeln kann, braucht man vor allem die Kooperation der Einwohner. «Die erhöhte staatliche Kontrolle in China mag das Befolgen der Regeln erhöhen», sagt Michael Head, Experte für Globale Gesundheit an der britischen Universität Southampton. «Aber dennoch wird es sehr schwierig sein, das zu bewerkstelligen.»

Symptome verstecken, um trotzdem reisen zu dürfen

Eine vollständige und lückenlose Quarantäne ist ohnehin kaum umsetzbar, bei Metropolen von der Grösse Wuhans ist der Kontrollaufwand immens. «Gegenwärtig scheint es in China eher um die deutlich einfacher zu realisierende, aber dennoch drastische Unterbrechung des Reisens mit Flugzeugen, Zügen oder Bussen und das Schliessen von öffentlichen Einrichtungen zu gehen, mit dem Ziel, die Ausbreitung des Virus möglichst gering zu halten», sagt Daniel F. Lorenz, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Katastrophenforschungsstelle der Freien Universität Berlin.

Die Ausbreitung des Virus fällt zudem mit dem chinesischen Neujahrsfest an diesem Samstag zusammen. Deswegen könnten viele Menschen versuchen, die Reisebeschränkungen zu umgehen, auf anderen Wegen dennoch reisen oder Krankheitssymptome verstecken. Das verkompliziert die Überwachung des Virus.

«Es ist nicht möglich, eine Stadt von der Grösse New Yorks oder Londons ohne erhebliche Menschenrechtsverletzungen zu schliessen», sagt Lawrence O. Gostin, Direktor des O'Neill Insitituts für Nationale und Globale Gesundheit der Georgetown University in den USA. Die wichtigste Strategie bei einer solchen medizinischen Krise sei es, Ruhe zu bewahren und das Vertrauen der Gemeinschaft zu gewinnen. «Eine Abriegelung von Wuhan wird die Epidemie in den Untergrund treiben und Angst und Panik auslösen.»

«Quarantänen heizen Zorn und Unruhe an»

Hygienemassnahmen wie Händewaschen und zuverlässige Gesundheitsinformationen seien am besten geeignet, um den Ausbruch unter Kontrolle zu bringen. Dazu zählt die Aufforderung, bei Auftreten von Symptomen einen Arzt aufzusuchen und die Ansteckung anderer zu vermeiden. Eine Massenquarantäne in der Grössenordnung der Sperre von Wuhan wurde jedoch noch nie zuvor versucht. «Die massenhafte unfreiwillige Quarantäne in Wuhan und seinen Nachbarstädten ist kontraproduktiv», sagt Gostin. Hierfür gebe es keinen historischen Präzedenzfall. «Kleinere Quarantänen wie bei der westafrikanischen Ebola-Epidemie haben den Zorn und die Unruhe der Öffentlichkeit angeheizt.»

Auch beim Ebolaausbruch in den Jahren 2014 und 2015 in Westafrika gab es vereinzelte Quarantänemassnahmen. Teilweise erschwerten sie das Aufrechterhalten der hygienischen Standards sowie die Trinkwasserversorgung in betroffenen Gebieten. In Monrovia, der Hauptstadt Liberias, kam es zu Gewalt zwischen Polizisten und Bewohnern einer Quarantänezone, nachdem das Gebiet gegen den Widerstand der Einwohner mit speziellem Stacheldraht abgesperrt worden war.

«Solange die technische Infrastruktur funktioniert und Betriebspersonal zur Verfügung steht, wird die Wasserversorgung voraussichtlich zunächst kein Problem sein. Lebensmittel und Medizinprodukte hingegen müssen in die Metropolen transportiert werden», sagt Daniel Lorenz zum Vorgehen der Behörden in China. Engpässe seien schon jetzt in der medizinischen Versorgung zu erwarten: Denn die Krankenhäuser seien nicht auf die gleichzeitige Versorgung von Coronavirus-Patienten und die der übrigen Patienten ausgelegt. Die Verwaltung von Wuhan hat daher bereits den Bau einer Spezialklinik mit Platz für 1000 Betten angekündigt.

Der Gouverneur der Provinz Hubei, Wang Xiaodong, versuchte, die Bewohner zu beruhigen. Der Nachschub für die Märkte und die Reserven der Elf-Millionen-Stadt seien ausreichend und von der Stilllegung der öffentlichen Verkehrs nicht besonders betroffen, versicherte er nach Angaben der Staatsmedien. «Die Versorgung der Märkte ist gesichert.» Die Frachtkanäle blieben offen. Auch würden weiter landwirtschaftliche Produkte aus anderen Provinzen nach Wuhan transportiert, sagte der Gouverneur. Die Stadt habe zudem 5000 Tonnen Reis, 4000 Tonnen Speiseöl und mehr als 10'000 Tonnen Schweine- und Rindfleisch auf Lager. (cvei/ tmh/SZ.de/mit Material des Science Media Center (SMC))

Erstellt: 25.01.2020, 17:41 Uhr

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