Die Demokraten stehen sich gegenseitig auf den Füssen rum

Die US-Partei tut sich schwer bei der Auswahl ihres Präsidentschaftskandidaten. Das nützt vor allem einem.

Das Kandidatenkarussell dreht sich weiter: Cory Booker (2.v.l.) herzt Tim Ryan, und Elizabeth Warren (r.) umarmt Julian Castro. Foto: Wilfredo Lee (AP, Keystone)

Das Kandidatenkarussell dreht sich weiter: Cory Booker (2.v.l.) herzt Tim Ryan, und Elizabeth Warren (r.) umarmt Julian Castro. Foto: Wilfredo Lee (AP, Keystone)

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Zwei Monate vor dem Beginn der parteiinternen Versammlungen und Vorwahlen ist völlig offen, wer im November 2020 als Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei in die Wahlschlacht gegen Donald Trump ziehen wird. Das grosse Feld der Bewerber ist zwar geschrumpft, an der Spitze hat sich ein Quartett etabliert, doch eine Vorentscheidung ist nicht gefallen.

Anfang Februar wird die demokratische Basis im Midweststaat Iowa und danach im neuenglischen New Hampshire den Reigen der Parteiversammlungen und Vorwahlen eröffnen, einen klaren Favoriten wird es wohl auch dann noch nicht geben. Der ehemalige Vizepräsident Joe Biden und der überraschend starke Bürgermeister Pete Buttigieg repräsentieren in der Gruppe der Spitzenreiter den moderaten Flügel, während die beiden Senatoren Bernie Sanders (Vermont) und Elizabeth Warren (Massachusetts) dem links-progressiven Flügel zugerechnet werden.

Fällt die Entscheidung erst im Juni 2020?

Seit dem Sommer hat sich die Rangfolge der vier Führenden laut diversen Umfragen mehrmals verändert, mal führt Warren das Feld an, mal Biden oder sogar Buttigieg. Das demokratische Establishment in Washington und die Parteizentralen in Einzelstaaten befürchten nun, dass die ersten Wahlen in den traditionell einflussreichen Staaten Iowa, New Hampshire, South Carolina und Nevada im Februar keine Entscheidung bringen werden.

Womöglich könnte die Partei dann erst im Mai oder Juni 2020 nach einem harten innerparteilichen Kampf einen politisch und finanziell geschwächten Präsidentschaftskandidaten präsentieren. Donald Trumps Wahlkampfkasse ist bereits jetzt prall gefüllt, zumal sich der Präsident keinem ernsthaften innerparteilichen Konkurrenten stellen muss.

Derzeit ist durchaus vorstellbar, dass Pete Buttigieg in Iowa oder New Hampshire siegt, Joe Biden dank seiner unvermindert starken Unterstützung durch afroamerikanische Wähler in South Carolina und Sanders oder Warren in Nevada. Die Aussicht auf ein solches Patt dürfte den früheren New Yorker Bürgermeister und Multimilliardär Michael Bloomberg zu seiner kürzlich bekannt gegebenen Kandidatur bewogen haben.

Gemässigte Demokraten befürchten, ein allzu starker Linksruck werde parteilose Wähler in der Mitte abschrecken.

Der Milliardär will die ersten vier Entscheidungen aussitzen und hofft, dass sich die derzeitigen Spitzenreiter gegenseitig blockieren werden. Am «Superdienstag» Anfang März, wenn in 14 Staaten gewählt wird, möchte der als moderat geltende Bloomberg dann zu den Führenden aufschliessen. Diese Strategie aber setzt voraus, dass Joe Bidens Kandidatur zuvor implodiert. Solange sich der Ex-Vize trotz seiner wenig überzeugenden Auftritte bei den demokratischen TV-Debatten im vorderen Feld halten kann, bremst er den Aufstieg ebenfalls moderater Konkurrenten.

Erschwert wird die demokratische Suche nach einem Präsidentschaftskandidaten durch die soziologische und politische Bandbreite der Partei: Afroamerikaner, Latinos, Frauen und junge Wähler bilden ihr Rückgrat, von etwas rechts der Mitte bis weit nach links reicht das demokratische Spektrum. Seit 2016 hat sich die Basis der Partei nach links bewegt, ein verstaatlichtes Gesundheitswesen sowie kostenloser Zugang zu staatlichen Universitäten sind zu politischen Themen geworden.

Gemässigte Demokraten befürchten hingegen, ein allzu starker Linksruck werde parteilose Wähler in der Mitte abschrecken. Sie erinnern daran, dass seit Franklin Roosevelts Siegeszug in den 30er- und 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts von allen demokratischen Präsidenten nur Barack Obama mehrmals die 50-Prozent-Marke überspringen konnte. Und Obama, so ihre Mahnung, habe sich klar in der politischen Mitte positioniert.

Erstellt: 03.12.2019, 18:26 Uhr

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