Anschläge von Einzeltätern bringen weissen Nationalisten Zulauf

Während US-Präsident Trump sie nicht als eine wachsende Gefahr ansieht, halten Experten weisse Nationalisten für genau so gefährlich wie Islamisten.

Mitglieder der Aryan Nations während einer Kundgebung in Washington. (Archiv)

Mitglieder der Aryan Nations während einer Kundgebung in Washington. (Archiv)

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Der Anschlag auf zwei Moscheen in Christchurch mit 49 Todesopfern wirft ein Schlaglicht auf die Bewegung der weissen Nationalisten. Gewalttätige Einzeltäter wie der 28-Jährige Brenton T. sorgen dafür, dass die weltweite Bewegung neue Anhänger gewinnt. Sicherheitsexperten sehen im weissen Nationalismus daher eine ebenso grosse Bedrohung wie im militanten Islamismus.

Sie sind antisemitisch oder islamfeindlich, wollen im Kapitalismus oder im Sozialismus leben: Die Vorstellungen der weissen Nationalisten sind alles andere als einheitlich, auch eine feste Führungsstruktur gibt es nicht. Was sie rund um die Welt verbindet, sind die Ablehnung von Einwanderung, die Vorstellung eines «europäischen» Ideals und das Verbreiten oft brutaler Drohungen im Internet. Der Attentäter von Christchurch hatte in seinem 74-seitigen Manifest davon gesprochen, er wolle die «Einwanderung vernichten» und Rache nehmen für Anschläge in Europa.

Weltweit vernetzt

«Diese Menschen haben Angst vor dem demografischen Wandel. Sie benutzen den Begriff ‹Völkermord an Weissen›», sagt Brian Levin vom Zentrum für Extremismusforschung an der California State University in San Bernardino. Experten sind sich einig, dass die weissen Nationalisten zwar eine zersplitterte Bewegung sind, die über das Internet jedoch von Europa über Russland bis hin nach Kanada und in die USA vernetzt ist. Rechtsradikale Websites helfen dabei, über Kontinente hinweg Kontakt zu halten. Nach dem Anschlag von Christchurch wimmelte es auf einschlägigen Websites rasch von Reaktionen.

Laut Levin stellen weisser Nationalismus und Rechtsextremismus in den Vereinigten Staaten derzeit «die grösste extremistische Bedrohung» dar. Seit Jahren gibt es in den USA mehr Anschläge von weissen Nationalisten als von Jihadisten. Sophie Bjork-James, Professorin an der Vanderbilt-Universität in Nashville, sieht bei den weissen Nationalisten vor allem eines, das sie eint: die Furcht davor, dass weisse Christen zur Minderheit in den Gesellschaften werden könnten, die sie seit Jahrhunderten dominieren. Aus dieser Vorstellung heraus entstand etwa die identitäre Bewegung mit Wurzeln in Frankreich.

«Widerstand ohne Anführer»

Anschläge von Einzeltätern wie jetzt in Neuseeland sorgen dafür, dass die Bewegung der weissen Nationalisten Zulauf bekommt. Laut Bjork-James sindsolche Einzeltäter Teil einer weltweiten Strategie: Die Bewegung verstehe sich bewusst als «Widerstand ohne Anführer», dessen Mitglieder stattdessen versuchten, sich untereinander zu Taten anzustacheln.

Zulauf erhalten die weissen Nationalisten auch dank des Aufstiegs einer Reihe von Politikern, die extrem konservative Standpunkte vertreten und gegen Einwanderung kämpfen. Dazu gehören etwa Marine Le Pen in Frankreich, Viktor Orban in Ungarn, Wladimir Putin in Russland und Donald Trump in den USA. Trump hatte in seinem Wahlprogramm für strengere Einwanderungsregeln geworben und so eine überwiegend weisse Wählerschaft erreicht.

Im Windschatten Trumps

Trump fiel seit seiner Wahl zum Präsidenten wiederholt dadurch auf, dass er rechtsextreme Gewalt nicht klar verurteilte – etwa nach dem Marsch weisser Nationalisten im Ort Charlottesville, bei dem ein Rechtsextremer eine Gegendemonstrantin tötete. Laut Bjork-James sehen die weissen Nationalisten den US-Präsidenten als «unglaubliche Gelegenheit, ihren Einfluss auszuweiten». Der Attentäter von Christchurch bezeichnete Trump in seinem Manifest als Symbol einer «erneuerten weissen Identität».

Trump löste am Freitag neue Kontroversen aus, als er den Anschlag zwar verurteilte, aber gleichzeitig erklärte, er sehe den weissen Nationalisten nicht als eine wachsende Gefahr an: «Das tue ich wirklich nicht. Ich glaube, das ist eine kleine Gruppe von Leuten», sagte der US-Präsident vor Journalisten im Oval Office. (nag/AFP)

Erstellt: 16.03.2019, 13:26 Uhr

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