Am Ende war es nur ein Remis

Beim letzten TV-Duell vor den Wahlen kreuzten Boris Johnson und Jeremy Corbyn noch einmal verbal die Klinge.

Die grossen Kontrahenten: Premier Boris Johnson (l.) und Oppositionsführer Jeremy Corbyn. (Reuters)

Die grossen Kontrahenten: Premier Boris Johnson (l.) und Oppositionsführer Jeremy Corbyn. (Reuters)

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Vor den britischen Unterhauswahlen der kommenden Woche versuchten Premierminister Boris Johnson und Oppositionsführer Jeremy Corbyn gestern Nacht noch einmal, nach Kräften ihre jeweilige Anhängerschaft zu mobilisieren. Und sie appellierten an die Wählerschaft, an diesem Donnerstag «nicht die falsche Entscheidung» zu treffen.

Johnson erklärte ein ums andere Mal, jetzt sei der Zeitpunkt gekommen, an dem der Brexit «endgültig über die Bühne gebracht» werden müsse, damit sich Grossbritannien aus der Starre der letzten Jahre lösen und wieder «vorwärts kommen» könne. Andernfalls werde es erneut ein Parlament ohne klare Mehrheit geben, und eine Zukunft mit endlosem Chaos für das Land.

Corbyn plädierte für «die Beibehaltung einer engen Handelsverbindung mit Europa» als für die einzig mögliche Grundlage gesunden Wirtschaftens auf der Insel. Ein harter Brexit, wie ihn die Tories anstrebten, werde jahrelange Ungewissheit nach sich ziehen – während die Briten Sicherheit und «eine ehrgeizige Regierung» bräuchten, um ihr soziales Gefüge zu erneuern, für «richtigen Wandel» zu sorgen und den Menschen «Hoffnung» zu bringen.

Viel Neues hatte keiner der beiden Kandidaten zu bieten. Beide versuchten vor allem, Fehltritte zu vermeiden, die in letzter Minute noch zu schweren Einbrüchen hätten führen können. Johnson gab sich fast schon konziliant und beschränkte sich aufs endlose Wiederholen seines Brexit-Slogans. Immer wieder warf er Corbyn vor, dass der nicht einmal wisse, was er wolle beim Brexit. Das Kalkül in Downing Street ist offenkundig, dass dies die Knockout-Strategie gegen Labour ist.

Die Blitzumfrage

Corbyn punktete, in seinem zornigen Ernst, in sozialpolitischen Fragen und wusste Johnson hier und da einen Stich zu versetzen. Seine grosse Hoffnung, mit diesem Auftritt noch eine Wende im Wahlkampf herbei zu führen, dürfte sich freilich nicht erfüllt haben. Eine Blitzumfrage des YouGov-Instituts erbrachte praktisch ein Unentschieden – 52 Prozent für Johnson, 48 Prozent für Corbyn. Ironischerweise das Ergebnis, das das Brexit-Referendum von 2016 hatte...

Johnsons Erscheinen bei der Debatte war auf allgemeines Interesse gestossen, weil er sich bewusst rar gemacht hatte im Wahlkampf. Er hatte bei mehreren TV-Debatten und Presseterminen durch Abwesenheit geglänzt.

Nicht mit dabei war der Regierungschef zum Beispiel in einer Gesprächsrunde der Parteivorsitzenden zum Klimawandel, die dem Sender Channel 4 viel Lob eintrug. Vor allem aber weigert sich Johnson seit Wochen, dem «BBC-Rottweiler» Andrew Neil, einem besonders unerbittlichen Gesprächspartner, Rede und Antwort zu stehen.

Dabei war die BBC davon ausgegangen, dass sie für eine halbstündige Befragung Johnsons durch Neil bereits eine Zusage der Konservativen hatte. Alle anderen prominenten Parteichefs – Corbyn, die Liberaldemokratin Jo Swinson, Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon und Nigel Farage von der Brexit Party – hatte der gefürchtete BBC-Mann bereits «vernommen».

Die BBC steht unter Druck

Johnson aber mochte sich, obwohl ihm die BBC die Wahl des Ortes und des Zeitpunkts überliess, auf nichts festlegen lassen. Das führte am Donnerstagabend, eine Woche vor dem Wahltermin, zu einem spektakulären Appell Neils an den Premier und die Nation.

Er forderte Johnson direkt heraus. Die Wähler könnten erwarten, meinte Neil, dass sich auch Johnson einem solchen Interview unterziehe – zumal es vielerorts Fragen gebe zum «Vertrauen», das man in Johnsons Versprechen setzen könne, und generell in seine «Glaubwürdigkeit».

Der BBC-Presenter fühlte sich offenbar zu diesem Schritt gezwungen, weil die renommierte Anstalt in den letzten Wochen immer mehr unter Druck gekommen war. Immer mehr Zuschauer hatten sich empört darüber, dass die auf Neutralität verpflichtete «Beeb» dem Tory-Chef so viel durchgehen liess.

Viele warfen der Anstalt vor, Johnsons Slogans und Behauptungen nicht ausreichend zu hinterfragen. An allen Fronten, hiess es, gebe die BBC der Regierung nach.

Am letzten Wochenende vor den Wahlen, die am Donnerstag stattfinden, sehen die Umfragen Johnsons Partei noch immer klar vorn. Die Konservativen führen mit 43 Prozent vor der Labour Party, die nur auf 32 Prozent kommt.

Erstellt: 06.12.2019, 23:31 Uhr

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