Zwei Tote als Symbol einer gescheiterten Politik

Óscar Alberto Martínez Ramírez und seine Tochter sind im Grenzfluss zwischen Mexiko und den USA ertrunken. Das Bild ihrer Leichen geht um die Welt.

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Das ist Donald Trumps Amerika: traumatisierte Kinder, die auf dem Betonboden schlafen müssen. Kinder, die keine Seife erhalten, keine Zahnbürste, keine Windeln. Kinder, die über Wochen in Zellen gesperrt werden, in denen sie von Gesetzes wegen nicht länger als 72 Stunden sein dürften, und die dabei nicht einmal Kontakt zu ihren Familien haben.

Kranke Kinder, schmutzige Kinder, schutzlose Kinder: Die Zustände in einem Auffanglager für Migranten an der Grenze, die eine Gruppe von Anwälten dokumentiert hat, sind desaströs, sie sind erbärmlich. Und sie sind das wahrscheinlich grösste Versagen dieser US-Regierung.

Selbst für eine fähigere Administration wäre der Strom an Einwanderern schwer zu bewältigen. Aber sie würde es wohl menschenwürdiger versuchen. Seit Monaten machen sich die Menschen aus den von Gewalt und Armut geplagten Ländern Zentralamerikas auf den Weg in den Norden.

Allein im Mai überquerten 144'000 Menschen illegal die US-Grenze. Und alles, was Trumps überforderte Behörden unternehmen, macht die Lage noch schlimmer. Das hat damit zu tun, dass dieser Präsident auf alle Migrationsfragen nur eine Antwort kennt: noch mehr Abschreckung.

Sie wollen nach Amerika – auch wenn es gefährlich ist

So erklärt sich, warum die USA an ihrer Südgrenze faktisch das Asylrecht ausgesetzt haben. Sie zwingen die Migranten, in Mexiko auszuharren, während sie auf die Bearbeitung ihrer Gesuche warten. Dass dies viele von ihnen nicht davon abhält, einen illegalen Grenzübertritt zu riskieren, zeigt das traurige Bild der toten Migrantenfamilie aus El Salvador, das nun um die Welt geht.

Óscar Alberto Martínez Ramírez und seine 23 Monate alte Tochter wollten nach Amerika – und ertranken im Wasser des Rio Grande. Der Vater hatte den Arm um seine Tochter gelegt, versuchte sie zu retten. Vergeblich. Zwei Tote als Symbol einer gescheiterten Einwanderungspolitik.

Teil von Trumps System der Abschreckung ist immer noch, dass viele Kinder von ihren Familien getrennt werden, wenn sie die USA erreichen – auch wenn diese Politik im vergangenen Sommer offiziell aufgehoben wurde. Von den Behörden werden die Kinder von einem Zentrum ins nächste verschoben, und wenn sich in den USA lebende Familienmitglieder melden, um die Kinder abzuholen, laufen sie Gefahr, abgeschoben zu werden, weil sie illegal im Land leben.

Trumps vergiftete Rhetorik macht Kompromisse so schwierig.

Teil der Abschreckung ist, dass Trump an den zuständigen Stellen seiner Regierung einen Hardliner nach dem anderen einsetzt, der seine krude Vision umsetzen soll. Und Teil der Abschreckung sind die Drohungen, die Trump ausstösst, wenn er Massendeportationen von papierlosen Ausländern ankündigt, die oft schon seit Jahren in den USA leben.

Die Zahl der ankommenden Einwanderer hat all dies nicht verringert. Längst ist klar, dass die von Trump heraufbeschworene Sicherheitskrise an der Grenze ein Phantom ist – dass es aber eine humanitäre Krise gibt, die immer dringlicher wird. Eine Mitverantwortung trägt dafür der Kongress, in dem Demokraten und Republikaner in beiden Kammern bisher nicht willens waren, sich auf ein gemeinsames Migrationspaket zu einigen, das mehr Mittel für die Unterbringung von Migranten enthält.

Dabei sind es in erster Linie Trumps radikalisierte Einwanderungspolitik und seine vergiftete Rhetorik, die Kompromisse in dieser Frage überhaupt so schwierig machen. Trump tritt gegen unten, er verrät die Werte der Einwanderungsnation USA. Er produziert mit seiner Politik ausschliesslich Verlierer. Das Land, die Migranten, ihre misshandelten und toten Kinder.

Erstellt: 26.06.2019, 18:14 Uhr

Die Geschichte der Familie Ramírez

Der 25-jährige Óscar Martínez Ramírez war mit seiner 21-jährigen Ehefrau und der gemeinsamen knapp zweijährigen Tochter aus El Salvador geflohen. Wie aus mexikanischen Gerichtsunterlagen hervorgeht, entschied der Vater am Sonntag, auf dem Weg in die USA den Rio Grande von der mexikanischen Seite aus zu überqueren. Wie die «New York Times» berichtet, sah er sich dazu gezwungen, weil die offizielle Grenzbrücke geschlossen war.

Das Überqueren des Flusses gilt als äusserst gefährlich, weshalb die Familie gemäss dem Bericht dem Fluss entlang wanderte, auf der Suche nach einer geeigneten Stelle den Fluss zu queren. Für die Überquerung trug der Vater seine Tochter auf dem Rücken und hatte sie in seinem T-Shirt festgezurrt, um sie auf diese Weise zu sichern. Die starke Strömung riss die beiden jedoch fort, wie die Mutter später erzählte. Sie sah von der mexikanischen Seite aus, wie die beiden ertranken.

Die beiden Leichen wurden am Montag in Matamoros im mexikanischen Bundesstaat Tamaulipas gefunden. Seither geht das Bild der beiden Leichen um die Welt – als Sinnbild für die Situation der Migranten an der mexikansich-amerikanischen Grenze. (sda)

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