Wie Salvini einen Helden zerstören wollte – und verlor

Bürgermeister Domenico Lucano wurde für seinen Umgang mit Migranten gefeiert, bis Salvini ihn aus seinem Dorf vertrieb. Jetzt ist «Mimmo» zurück.

Domenico Lucano nimmt im Mai 2019 an einer Demonstration gegen Rassismus in Rom teil. Foto: Antonio Masiello (Getty)

Domenico Lucano nimmt im Mai 2019 an einer Demonstration gegen Rassismus in Rom teil. Foto: Antonio Masiello (Getty)

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Der Geruch von Javelwasser hängt in jeder Gasse, beissend scharf. Das Reinigungsmittel soll alles rausputzen, den Staub eines ganzen Jahres, auch die Enttäuschungen. Aus einem alten Radio in der Bar Gervasi am Hauptplatz tönt «Smoke on the Water» von Deep Purple. Wenn das Gerocke nur mal nicht die Betenden in der Kirche gegenüber stört. Riace wacht auf, wie aus einem miesen Traum. Das kalabrische Dorf, an einen Hügel über dem Ionischen Meer gebaut, war ein Jahr lang in allen Nachrichten, immer wieder, es war zum Spielball der nationalen Politik geworden. Nun sucht es seinen Weg zurück in die Normalität.

Gleich kommt Domenico Lucano, der frühere Bürgermeister, den sie alle nur «Mimmo» rufen. Er biegt mit seinem Wagen in die Via Garibaldi ein, ziemlich schnell fährt er durch den schmalen, bunten Holzbogen, der von einer anderen Zeit kündet. «Villaggio Globale», steht darauf, Weltdorf.

«Wir müssen wieder Hoffnung stiften», sagt er beim Aussteigen. Er wird umschwärmt von Anhängern und Bittstellern, fasst sich an den Rücken und verzieht das Gesicht. Er könne kaum stehen. Wahrscheinlich hat er einfach keine Lust auf das Interview, mit Reportern ist Lucano immer etwas schnippisch. «Der Rücken!» Dann lacht er und redet sturzbachartig.

Mimmo Lucano, 61 Jahre alt, Aktivist und Idealist, ist der Erfinder des «Modello Riace», eines einst gefeierten Integrations- und Entwicklungsmodells. Im vergangenen Jahr war er auch im Ausland berühmt geworden, über Nacht gewissermassen. Dafür sorgte Matteo Salvini, der ehemalige Innenminister Italiens. Der hatte ihn zu seinem Gegenspieler erkoren.

Italienische Zufälle

Salvini nannte Lucano einmal eine «totale Null». Bei allen seinen Auftritten beschimpfte er ihn, wie er das auch mit Carola Rackete tat, der Kapitänin der Sea Watch 3: ungehalten, unministerial. Auch Lucano nannte er einen linken Gutmenschen. In Salvinis Verständnis sind Gutmenschen Schwerverbrecher.

Ein Jahr lang ist Lucano nun weg gewesen. Die Justiz verbot es ihm, den Boden seiner Gemeinde zu betreten, er durfte nicht einmal seinen todkranken Vater besuchen. Erst vor einigen Wochen hob sie die Verfügung wieder auf, und niemand in Riace ist überrascht, dass der Entscheid mit dem Sturz Salvinis in Rom zusammenfiel. Auf den Tag genau.

«Ja, Salvini ist weg, eine grosse Veränderung habe ich aber noch nicht gesehen», sagt Lucano. Dessen Immigrationsdekrete? Sind immer noch in Kraft. «Nur das allgemeine politische Klima ist etwas besser geworden, sagen wir mal: die Grundstimmung.»

Das Verfahren gegen Lucano in Reggio Calabria, dem Hauptort der Provinz, läuft weiter. Es handelt von angeblichem Amtsmissbrauch und Begünstigung illegaler Einwanderung. Das klingt schwerwiegender, als es ist. Beim Amtsmissbrauch geht es darum, dass Lucano die Müllabfuhr ohne Ausschreibung den einzigen beiden Kooperativen zuschlug, die dafür überhaupt infrage gekommen waren. Eine von ihnen brachte den Abfall mit einem Esel weg.

Lucano fand Arbeit für die Zugewanderten – dafür steht er jetzt vor Gericht: Müllabfuhr in Riace. Foto: Reuters

Begünstigung der unerlaubten Einwanderung wirft man ihm vor, weil er fiktive Ehen geschlossen haben soll, eine oder zwei, damit die Migranten nicht ausgewiesen werden konnten. Lucano hielt sich an die Devise: Gerechtes Handeln folgt nicht immer jedem Komma des Gesetzes. Das macht ihn natürlich angreifbar – und mit ihm sein Modell.

Geboren wurde das «Modello Riace» vor zwanzig Jahren. Das Dorf starb damals langsam vor sich hin, wenigstens der obere Teil: Riace Sopra, nennen sie ihn, den Dorfteil oben am Hang. Riace Marina dagegen, sieben Kilometer entfernt, der Gemeindeteil unten an der Küste, konnte sich mit dem Sommertourismus gerade so über Wasser halten.

Statt Taggeld gab es Bons

Es war ein Kampf ums Überleben. Auch die «Bronzi di Riace» hatte man verloren. So nennt man zwei Bronzestatuen auf dem 5. Jahrhundert v. Chr., die in den Siebzigerjahren einige Hundert Meter vor der Küste des Dorfes gefunden wurden – einzigartige Stücke, so wertvoll, dass sie nun in einem geschützten Raum im Museo Nazionale della Magna Grecia in Reggio Calabria ausgestellt werden. Die Besucher werden durch eine Reinigungsschleuse geführt, bevor man sie zu den «Bronzi» vorlässt: Der Staub von draussen könnte sie beschädigen.

Was wäre nur gewesen, wenn Riace ein Museum für sie erhalten hätte? Die vielen Touristen, sie hätten Reichtum gebracht. Stattdessen kämpfte man gegen den Niedergang.

Lucano hatte die Idee, die verfallenden Häuser der Weggezogenen oben neu zu nutzen und sie Zuwanderern zu geben. Sie sollten sie umbauen und bewohnen. Sie sollten Leben ins Dorf bringen. Lucano rief jeden Hausbesitzer persönlich an: in Kanada, Australien, Argentinien. Alle willigten ein. «Nicht einer sagte Nein.»

Von 2004 bis 2018, während der Amtszeit Lucanos, zogen Hunderte Migranten nach Riace, in das Villaggio Globale. Die ersten waren Kurden, sie kamen mit einem Segelschiff in Riace Marina an, man nahm sich ihrer an. Seither nennt man Lucano im kalabrischen Dialekt auch «Mimmo u curdu».

Die neuen Bewohner arbeiteten in Werkstätten, Backstuben, Bars, in einer Osteria, alles neu gegründet. Die Projekte wurden mit öffentlichen Subventionen finanziert. Statt Taggeld erhielten die Menschen Gutscheine, mit denen sie in den Geschäften des Dorfes einkaufen konnten, nur da.

Nur fünf Familien blieben

Riace galt bald als Beweis dafür, dass das Zusammenleben, wenn es breit getragen und durchdacht ist, nicht nur reibungslos funktionieren kann, sondern dass es obendrein auch noch ein Dorf vor dem Tod rettet. «Sie hätten vor zehn, fünfzehn Jahren herkommen sollen», sagt der Barista im Gervasi, der auf keinen Fall über Politik sprechen mag. «Damals war das Dorf voll mit Menschen aus aller Welt, prall mit Leben, und alle waren beschäftigt – auch wir Einheimischen.»

Zu den besten Zeiten war ein Viertel der Bevölkerung von Riace zugewandert: 600 von 2300. Lucano empfing Bürgermeister aus anderen Regionen Italiens und aus anderen Ländern. Alle wollten den Erfolg studieren. Dann drehte der Wind. Nicht nur in Italien, aber in Italien mit besonderer Vehemenz. Salvinis scharfe Rhetorik gegen die Migranten und ihre Helfer verfing auch in Riace, wenigstens in Riace Marina, und dort leben zweimal so viele Wähler wie in Riace Sopra.

«Es ging darum, das Modell zu zerstören», sagt Lucano. Er glaubt an einen Freispruch.

Neuer Bürgermeister wurde Antonio Trifoli, einer von unten. Er gehört zwar nicht der Lega an, doch die trug ihn mit. «Auch Riace geht an die Lega», schrieben die nationalen Zeitungen. Damit, so hörte sich das an, war Salvinis Triumph perfekt: Sogar Riace war gefallen. Die meisten Migranten zogen weg, nur fünf Familien blieben. Die Projekte schlossen, eines nach dem anderen: die Nähstube Herat, die Töpferei Kabul, die Bäckerei Alice. Bis gar nichts mehr da war. Lucano erhielt zwar Auszeichnungen im Ausland, doch daheim, unter der Propaganda Salvinis, fragten sich nun viele, ob das vielleicht gar nicht so toll war, was er geleistet hatte.

Im Morgengrauen Anfang Oktober 2018 wurde Lucano verhaftet und dann unter Hausarrest gestellt: Der ehemalige Bürgermeister in seiner Wohnung in Riace. Foto: Reuters

Die Ermittler suchten unterdessen nach versteckten Bankkonten, nach abgezweigten Subventionen, doch sie fanden nichts. Lucano hatte nichts gestohlen, nichts unterschlagen. «Das ärgerte sie ganz besonders», sagt er. «Mit Idealismus können sie nichts anfangen.» Dann warfen sie Lucano vor, er habe in die grosse Politik gewollt, ins Europaparlament. Dabei habe er die Angebote der Linken für eine Kandidatur abgelehnt. «Am Ende», sagt Lucano, «werden sie mich wahrscheinlich freisprechen. Es ging nur darum, das Modell zu zerstören.» Den Idealismus, die Solidarität. Das sei auch Salvinis Plan gewesen. Bis zum Sommer jedenfalls, bis er über seine Allmachtsfantasien stolperte und sich selbst von der Macht wegputschte. Lucanos Nachfolger Antonio Trifoli wiederum, der Mann mit dem Draht zur Lega, so erfährt man jetzt, war gar nicht wählbar gewesen. Sein Stellvertreter regiert das Dorf nun provisorisch, alles ist im Fluss.

Spielsachen für einen Neuanfang

Darum riecht es nach Javelwasser in den Gassen von Riace. Im Atelier mit den Webstühlen etwa, wo zwei Pakistanerinnen auf die Wiederaufnahme der Arbeit warten. Eine von ihnen kommt aus Kashmir. Sie heisst Rafia, ist 30, sie lebt hier seit fünf Jahren mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Kindern. «Mimmo», sagt sie, «hat uns eine Wohnung und eine Arbeit gefunden.»

Ihre Kinder gehen jetzt in Riace Marina zur Schule. Oben, in Riace Sopra, gibt es keine Schule mehr. In der Backstube Alice steht eine junge Syrerin und wartet, Lucano wird gleich auch bei ihr vorbeischauen. Er ist ihr Auferstehungshelfer, der Hoffnungsritter.

«Jetzt, wo wir nicht mehr im Stadthaus sitzen, ist es sogar einfacher geworden», sagt er. Sie müssten sich nicht mehr ständig rechtfertigen für alles. Finanziert wird die Renaissance von der Stiftung Riace Città Futura, mit Sammelgeld also, und davon läuft auch aus dem Ausland reichlich rein. Gerade wegen der Ideen, der Solidarität.

«Heute Morgen haben wir Spielzeug für den Kindergarten gekauft.» Es ist ein Anfang, ein sachtes Erwachen.

Erstellt: 17.10.2019, 20:01 Uhr

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