«Stirbt der Amazonas, droht eine Klimakatastrophe»

Der ETH-Professor Tom Crowther erklärt, welche Folgen die Waldbrände in Brasilien auf die Erderwärmung haben.

Der Rauch verdunkelt den Himmel: Stück für Stück fressen sich die Flammen durch den dichten Regenwald. Video: Tamedia

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Auf Facebook und Twitter kursieren Bilder, die zeigen, wie Waldbrände im Amazonas wüten. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie diese Bilder sehen?
Es zerreisst mir das Herz. Die Bilder sind besorgniserregend: Es brennt das wertvollste Ökosystem der Welt, das ein Speicher von CO2 ist und eine einzigartige Biodiversität bietet. Wir müssen versuchen, dieses zu erhalten.

Der Amazonas-Regenwald gilt als Lunge des Planeten. Wie schlimm ist das Feuer für das Weltklima?
Das Weltklima ist in Gefahr. Ein solcher Brand setzt nicht nur das CO2 frei, das in diesem Wald gespeichert ist. Er limitiert auch die Lunge, zusätzliches CO2 aus der Atmosphäre zu ziehen. Wenn Regenwald brennt, steigen die Temperaturen auf der Erde. Es ist ein Teufelskreis: Der Planet wird wärmer, es gibt mehr Brände, dadurch gehen CO2-Speicher verloren und es wird noch wärmer.

Was würde passieren, wenn der Amazonas stirbt?
Wenn der ganze Amazonas stirbt, leben wir auf einem Planeten, auf dem wir nicht mehr leben möchten. Es droht ein Klima-Kollaps: Das CO2 in der Luft würde sich fast verdoppeln. Es wäre massiv wärmer, die Wasserzyklen wären absolut katastrophal, wir hätten riesige Dürren und riesige Überschwemmungen. Hinzu käme der Verlust von Millionen von Tierarten. Zum Glück ist das ein hypothetisches Szenario, von dem ich hoffe, dass es nie eintrifft.

SP-Nationalrat Cédric Wermuth schrieb auf Twitter zu Bildern der Feuersbrunst, dass die «Klimakrise» so aussehe. Einverstanden?
Es ist schwer zu sagen, was die Ursache des Feuers ist. Es ist wohl eine Kombination von politischen Faktoren und dem Klimawandel. So hat der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro Bauern die Brandrodung erlaubt, um Land zu gewinnen. Und wegen des Klimawandels wird der Regenwald wärmer und trockener. Das führt dazu, dass wir zunehmend extrem verheerende Brände sehen.

Das Gebiet erlebt die vierte Dürre in 15 Jahren. Auch hat die Zahl der Waldbrände massiv zugenommen. Ist das normal?
Nein. Waldbrände sind zwar natürlich und spielen eine wichtige Rolle in einem Ökosystem. Aber: Der Klimawandel führt zu Dürren, speziell in bewaldeten Gebieten, weshalb die Häufigkeit und Intensität von Waldbränden bereits zugenommen hat. Das heisst, dass Ökosysteme keine Chance mehr haben, sich zu erholen.

Das Feuer hat eine gigantische Aschewolke verursacht. Werden wir das in Europa merken?
Wir haben in Europa selbst eine starke Zunahme von Waldbränden. Dass die Aschewolke hier zu spüren ist, glaube ich nicht.

Brasiliens rechter Präsident Jair Bolsonaro hat NGOs, namentlich Klimaaktivisten, beschuldigt, die Brände gelegt zu haben, um ihm zu schaden. Was sagen Sie dazu?
Das ist absolut lächerlich. Die NGOs stellen sich gegen Bolsonaro, aber ihr einziges Ziel ist der Schutz des Regenwaldes. Sie würden den Wald niemals zerstören. Das würde heissen, die eigenen Ziele zu bekämpfen. Zum Klimawandel haben alle beigetragen, auch wir in Europa. Aber politische Entscheide, das Niederbrennen von Wäldern zu dulden, verschlimmern die Situation.

Was kann jetzt getan werden?
Im Moment verlieren wir zehn Milliarden Bäume pro Jahr. Es gibt viele Projekte, die dem Erhalt des tropischen Regenwaldes dienen. Wir können solche Projekte unterstützen, die auf Spenden angewiesen sind.

Übernahme von «20 Minuten»

Verbrannte Bäume und Wiesen: Aufnahmen vom 23. August zeigen die Folgen des Feuers. (Video: AFP)

Erstellt: 23.08.2019, 07:59 Uhr

Haben wir Grund zur Panik?

Der Einfluss des Menschen auf den Klimawandel ist für die überwiegende Mehrzahl der Wissenschaftler eine unbestreitbare Tatsache. Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg hält die Lage für so gefährlich, dass sie sagt: «Ich will, dass ihr in Panik geratet.»

Für die grösste Partei der Schweiz, für rechtskonservative Kräfte in Europa und für den amerikanischen Präsidenten werden die steigenden Temperaturen hingegen missbraucht, um irrationale Ängste zu schüren und politische Propaganda zu betreiben.

Wie schlimm ist die Lage wirklich? Was ist zu tun? Welche Schweizer Partei hat die besten Konzepte, um den Klimawandel einzudämmen? Und sind die Streiks der Klimajugend das richtige Mittel?

Über diese und andere Fragen debattieren:

Petra Gössi, Präsidentin der FDP Schweiz.

Marcel Hänggi, Wissenschaftsjournalist, Sachbuachautor und Mitinitiant der Gletscherinitiative.

Rahel Ganarin, Geografin und Aktivistin der Klimastreik-Bewegung.

Christian Imark, Nationalrat der SVP aus dem Kanton Solothurn.

Moderation: Sandro Benini, Redaktor Meinungen&Debatte, Tages-Anzeiger.

28. August, Kaufleuten, Pelikanplatz Zürich. Türöffnung 19.00 Uhr, Beginn 20.00 Uhr.

Hier Eintrittskarten bestellen.

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