Grönland und der Auserwählte

Vom US-Präsidenten Donald Trump ist die Welt einiges gewohnt. Aber wie sind die bizarren Auftritte in dieser Woche zu bewerten?

«Danke für die sehr schönen Worte»: Donald Trump während einer Zeremonie im Weissen Haus. Foto:  Alex Brandon (AP)

«Danke für die sehr schönen Worte»: Donald Trump während einer Zeremonie im Weissen Haus. Foto: Alex Brandon (AP)

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Ist es die drückende Hitze, die Washington seit Tagen quält? Sind es bedenkliche Umfragewerte? Oder ist es einfach die Angst, eine Rezession könnte ihm seine Wiederwahl 2020 vermasseln? In der denkwürdigen Regentschaft Donald Trumps hat es Momente voller Verrücktheiten und Aussetzer gegeben sowie Verhaltensmuster jenseits der Normalität. Die laufende Woche aber setzt neue Massstäbe und bricht alle Rekorde. Sie ist angsteinflössend, weil Donald Trumps psychische Befindlichkeit mehr denn je Rätsel aufgibt. Der Präsident sei «verrückt», konstatierte der demokratische Abgeordnete John Garamendi. Und die Kolumnistin Jennifer Rubin, eine Trump-Kritikerin, verschärfte ihren Ton und rief in der «Washington Post» dazu auf, sich auf das Schlimmste vorzubereiten und Massnahmen zu treffen, um Trump nötigenfalls zu stoppen. Denn er habe «die Fähigkeit verloren, zwischen den Interessen des Landes und seinen eigenen psychischen Bedürfnissen zu unterscheiden», so Rubin.

Die Waffenlobby hat ihm ins Gewissen geredet – und die Ankündigungen sind vergessen

Es war nicht nur das bizarre Verlangen Trumps nach Grönland und seine Beleidigung der dänischen Premierministerin – «scheusslich» ist Trumps Lieblingsbeschimpfung unbotmässiger Frauen – nach einer abschlägigen Antwort aus Kopenhagen. Was der Präsident am Mittwoch während seiner improvisierten und vom Rotorenlärm eines Helikopters begleiteten Pressekonferenz von sich gab, war insgesamt alarmierend. Mit einem Freistil-Wortschwall von 35 Minuten Dauer referierte Trump über seine Grösse, ja er richtete seinen Blick sogar himmelwärts und behauptete, er sei «der Auserwählte», der endlich einen Handelskrieg gegen China führe, den eigentlich seine Vorgänger hätten führen müssen. Wäre er der Vorstandsvorsitzende eines Unternehmens, «hätte der Aufsichtsrat längst eingegriffen und ihn gefeuert», kommentierte «New York Times»-Kolumnist Thomas Friedman am Abend fassungslos den Auftritt des Präsidenten. Immer wieder hatte Trump dabei Barack Obama attackiert und ihm unter anderem die Verantwortung für den russischen Einmarsch auf der Krim zugeschoben. Nebenbei bestritt er, am Vortag eine Senkung der Sozialabgaben als Mittel gegen einen möglichen Konjunkturabschwung erwogen zu haben. Und von universellen Hintergrundüberprüfungen für Schusswaffenkäufer, die er kürzlich noch in Aussicht gestellt hatte, wollte Trump – offenbar nach einer Intervention der Feuerwaffenlobby NRA – plötzlich nichts mehr wissen.

Donald Trump scheint nicht mehr auf seine Berater zu hören

Das Gebaren des Präsidenten verrate seine «Bedürftigkeit», fast «verwirrt» sei er, bewertete Trumps Biograf Michael D’Antonio das Spektakel. Dass Trumps Zustand nicht der allerbeste ist, unterstrichen bizarre Retweets des Präsidenten, in denen er den Verschwörungstheoretiker und konservativen Radiotalker Wayne Allyn Root zitierte. Root hatte in mehreren Tweets dick aufgetragen und Trump sogar eine messianische Rolle zugeschrieben. Er sei «der grösste Präsident für die Juden und Israel und in der Geschichte der Welt», und das jüdische Volk liebe ihn, als ob er «der König Israels» sei. «Danke für die sehr schönen Worte», bedankte sich Trump danach bei Root – und verbreitete dessen Unsinn postwendend weiter. Die Lobhudelei kam dem Präsidenten sehr gelegen, da er zuvor US-Juden bezichtigt hatte, sie seien «nicht loyal» gegenüber Israel, wenn sie die Demokraten anstatt ihn wählten. Damit unterstellte er amerikanischen Juden eine gespaltene Loyalität und wärmte einen alten anti-semitischen Vorwurf auf. Trump kann es nicht verwinden, dass ihn eine Mehrheit amerikanischer Juden ablehnt, obwohl er doch die US-Botschaft nach Jerusalem verlegt hat und überhaupt tut, was Bibi Netanyahu von ihm verlangt.

Erstellt: 23.08.2019, 11:10 Uhr

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