Dieses Unterfangen ist für die Türkei höchst riskant

Allen Warnungen zum Trotz startet der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan eine Offensive gegen die Kurden in Nordsyrien.

Rauch über Ras al-Ain: Die nordsyrische Stadt wurde am Mittwoch zuerst von türkischen Kampfjets bombardiert. Dann gab Recep Tayyip Erdogan offiziell den Beginn der Operation bekannt. (Kerem Kocalar/Anadolu Agency via Getty Images)

Rauch über Ras al-Ain: Die nordsyrische Stadt wurde am Mittwoch zuerst von türkischen Kampfjets bombardiert. Dann gab Recep Tayyip Erdogan offiziell den Beginn der Operation bekannt. (Kerem Kocalar/Anadolu Agency via Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Man darf sich auf Siegesmeldungen einstellen. «25 Ziele vernichtet», vermeldete ein Twitterer, nur 30 Minuten nachdem Präsident Recep Tayyip Erdogan ebenfalls über den Kurznachrichtendienst mitgeteilt hatte, dass nun die Operation «Friedensquelle» begonnen habe, der Kriegseinsatz der Türkei auf syrischem Gebiet. Erdogans Innenminister, der gelegentlich seinen Chef noch an Härte zu übertreffen versucht, twitterte auch: In zwei Minuten werde die PKK vernichtet sein, so Süleyman Soylu. Die türkische Regierung spricht nur von der «Terrororganisation» PKK, wenn sie die syrische Kurdenmiliz YPG meint.

Dabei ist es ein höchst riskantes Unterfangen, das die türkische Regierung gestartet hat. Sie zieht in einen Krieg, über den man sagen kann, er wird weder zum Frieden in Syrien beitragen, noch wird er die Türkei friedlicher machen. Ankara hatte versprochen, sich für ein ungeteiltes Syrien einzusetzen, in seinen bisherigen Grenzen. Nun überschreitet die türkische Regierung diese Grenzen. Nicht zum ersten Mal, aber mit dieser Operation hat sie sich zum Ziel gesetzt, die gesamte kurdische Quasi-Autonomie in Syrien zu zerschlagen.

USA warnten Kurden

Türkische Kampfjets haben am Mittwoch zuerst Ziele in der nordsyrischen Stadt Ras al-Ain bombardiert. Wenig später gab Erdogan offiziell den Beginn der Operation bekannt, mit der er in Nordsyrien eine sogenannte Sicherheitszone schaffen will: 30 Kilometer tief und fast 500 Kilometer lang. Die türkischen Streitkräfte würden «gemeinsam mit der Syrischen Nationalarmee» vorgehen, schrieb Erdogan.

Die Syrische Nationalarmee ist ein Verband von Rebellenmilizen, der von der Türkei ausgerüstet und trainiert wurde. Beim Angriff auf die syrische Region Afrin, die bis März 2018 ebenfalls von den YPG kontrolliert wurde, hatte die Türkei ähnliche Milizen eingesetzt. Die YPG gelten Ankara als syrischer Ableger der kurdischen Arbeiterpartei PKK, die seit Jahrzehnten gegen den türkischen Staat kämpft.

Bereits am Morgen waren Vorauskommandos der türkischen Armee auf syrisches Gebiet vorgedrungen. Am Abend wurde dann auch Artilleriebeschuss auf Tel Abjad gemeldet. Die USA hatten die Kurden in der Nacht zum Mittwoch gewarnt, dass die Türkei mit Luftangriffen und einer Bodenoffensive beginnen würde und die US-Truppen sich dem nicht entgegenstellen würden.

«Vorsichtig abwägen»

Dennoch dürfte sich mit dem türkischen Einmarsch in Nordsyrien auch der Konflikt mit den USA verschärfen. Zwar hatte US-Präsident Donald Trump befohlen, die US-Soldaten von zwei Beobachtungsposten aus den Grenzorten Ras al-Ain und Tel Abjad abzuziehen, was als Freibrief für die türkische Offensive gewertet wurde. Nach harscher Kritik aus den Reihen der Republikaner drohte er jedoch, er werde die türkische Wirtschaft «total auslöschen», sollte die Türkei die Kurden angreifen. Im Kongress haben einflussreiche Senatoren bei einem Angriff mit Sanktionen gedroht und einer Initiative, die Nato-Mitgliedschaft der Türkei zu suspendieren.

Die syrische Regierung hatte die Türkei vor einer Invasion ihres Staatsgebiets gewarnt. Eine Offensive Ankaras wäre eine eklatante Missachtung des Völkerrechts und man werde mit allen verfügbaren Mitteln zurückschlagen, erklärte das Aussenministerium. Auch Syriens Verbündeter Russland richtete warnende Worte an die Türkei. Präsident Wladimir Putin riet Erdogan nach Angaben des Kremls in einem Telefongespräch, Ankara solle die Situation «vorsichtig abwägen, um nicht die gemeinsamen Anstrengungen zur Lösung der Krise in Syrien» zu beschädigen.

Erstellt: 10.10.2019, 07:34 Uhr

Artikel zum Thema

Trump hebt alle Sanktionen gegen die Türkei auf

Die Türkei habe eine dauerhafte Waffenruhe in Nordsyrien zugesichert, erklärt der US-Präsident. Die News im Ticker. Mehr...

Schweiz verzichtet auf Kritik an der Türkei

Der Bundesrat reagiert zurückhaltend auf die Invasion in Nordsyrien – und ohne die Türkei anzuprangern. Nationalräte sind enttäuscht. Mehr...

Türkei meldet Militärschlag an der syrischen Grenze

Die Türkei hat offenbar versucht eine Nachschubroute der Kurden zu unterbrechen. Die Grossoffensive in Syrien soll unmittelbar bevorstehen. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!