«Das ist nicht Neuseeland»

Am Tag nach dem Attentat gedenken die Menschen in Christchurch der Opfer. Und sie machen deutlich, wofür sie stehen wollen.

Menschen versammeln sich, legen Blumen nieder, singen: Christchurch trauert um die seinigen. Video: AFP/Reuters

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Für einen kurzen Moment könnte man glauben, dass alles nur ein schlimmer Traum gewesen ist, so ruhig liegt der Hagley Park in den frühen Morgenstunden des Samstags da, so normal hört sich das Vogelgezwitscher an, so entspannt läuft ein Jogger auf einem der Wege entlang, die den grossen Park im Zentrum Christchurchs durchkreuzen.

Erst beim zweiten Hinsehen rückt das rot-weisse Absperrband der Polizei ins Blickfeld, dann auch die schwer bewaffneten Wachen, die den Ort absichern, an dem am Freitagnachmittag um 13.40 Uhr Ortszeit ein oder mehrere Attentäter das Feuer auf betende Muslime eröffnete.

Bei dem Anschlag am Freitag waren 49 Menschen getötet worden, Dutzende Menschen werden immer noch in Krankenhäusern behandelt. Die Masjid-Al-Noor-Moschee, die an der Westseite des Hagley Parks liegt, war der erste Schauplatz des grauenvollen Attentats von Christchurch, der zweite war eine kleinere Moschee etwas ausserhalb der Stadt. Am Samstag jedoch zeigt sich recht schnell, dass die grösste muslimische Glaubensstätte Christchurchs der Ort ist, zu dem sich die Bewohner der Stadt hingezogen fühlen, an dem sie gedenken möchten.

Die Szenerie am Tag nach dem Attentat zeugt von der Trauer der Stadtbewohner.

Im Verlauf des Vormittags kommen immer mehr Leute an die Westseite des Parks. Erst wissen sie nicht recht, wo sie die Blumen und Kondolenzkarten, die sie mitgebracht haben, ablegen sollen, doch dann wird eine Verkehrsinsel auf einer abgesperrten Kreuzung, etwa dreihundert Meter von der Moschee entfernt, zum Versammlungsort der Trauernden.

Auch wenn sich mehr und mehr Menschen um jene Verkehrsinsel einfinden, unter dem unangenehm rhythmischen, gelbblinkenden Licht der Ampel, die normalerweise die Zufahrt in das Wohnviertel regelt, in dem die Moschee liegt, bleibt Stille über dem Geschehen.

Manche Trauernde stehen regungslos neben orangenen Warnkegeln, manche sitzen mitten auf der Kreuzung und haben den Kopf in die Arme gelegt. Andere haben ihre Kinder mitgebracht, diese liegen ihren weinenden Müttern und Vätern in den Armen. Die Szenerie am Tag nach dem Attentat zeugt von der Trauer und Einfühlsamkeit der Stadtbewohner.

«Erst da realisierte ich, dass auf Menschen geschossen wurde»

An ein gelbes Strassengeländer gelehnt berichtet Maree Dennehy, eine Rentnerin, die auf der Rückseite der Moschee wohnt, davon, wie sie am Freitag um 13.40 Uhr aus dem Haus ging und sich wunderte, wer um diese Zeit ein Feuerwerk veranstaltete: «Ich dachte mir im ersten Moment nicht allzu viel und stieg in mein Auto, dann bog ich um die Ecke und fuhr an der Moschee vorbei, wo einige Menschen auf dem Bürgersteig standen. Gerade als ich vorbeifuhr, kippte plötzlich einer aus dieser Gruppe um, dann der nächste – erst da realisierte ich, dass auf diese Menschen geschossen wurde.» Dennehy floh zitternd und paralysiert vom Tatort zum Haus ihrer Schwester, erst beim Hören der Nachrichten wurde ihr das Ausmass des Attentats bewusst, das sie gerade gesehen hatte.

Tags darauf strahlt die ältere Frau eine bemerkenswerte Ruhe aus. Als ein Angehöriger zweier Opfer versucht, unter lautstarkem Protest die Absperrungen zu durchqueren, um zum Tatort zu gelangen, geht sie zu dem Mann und redet beruhigend auf ihn ein. Sie kennt die Menschen, die in ihrer Nähe beten. «Auch wenn ich keine Muslimin bin, war ich öfter zu Besuch in der Moschee», erzählt sie: «Es gab immer wieder Veranstaltungen, zu denen ich gegangen bin. Es war immer eine freundliche Nachbarschaft.»

Vereint in Trauer: Eine Familie an der Gedenkstätte für die Opfer des Anschlags in Christchurch. Foto: Reuters

Auch Harpreet Singh lebt in dem Wohnviertel nahe der Moschee. Der indische Gaststudent redet mit leiser Stimme, er hat sich etwas in den Park zurückgezogen und betrachtet durch die Bäume hindurch die Moschee, aus der er am Freitag einen Anruf erhielt: «Ich war in der Universität, als ich ans Telefon ging. Mein Chef rief panisch ins Telefon, dass jemand mit einer Waffe durch die Moschee läuft. Er wusste, dass ich in der Gegend wohne und rief mich daher an, um in mein Haus fliehen zu können.»

Singh gab ihm die Adresse und fuhr gemeinsam mit einem Kommilitonen so schnell er konnte nach Hause. Dort fand er seinen blutüberströmten Vorgesetzten vor, der eine Streifwunde am Oberkörper erlitten hatte. «Wir haben versucht, die Rettung zu erreichen, aber dort waren alle Leitungen belegt. Also sind wir mit meinem Auto ins Krankenhaus gefahren», erzählt Singh. Seinem Chef ginge es den Umständen entsprechend gut, Singh jedoch sieht man den Schock auch am Tag darauf an, während er erzählt senkt er immer wieder den Kopf, sein Blick wirkt leer.

«Das ist nicht Neuseeland»: Eine klare Botschaft im Blumenmeer. Foto: Keystone

So gut wie jeder der Anwesenden hat eine solche Geschichte zu diesem Attentat zu erzählen. Manche berichten unter Tränen davon, wie sie sich um ihre Kinder sorgten, die im Park spielten. Ein stämmiger, älterer Mann, der seinen Nachnamen nicht an die Medien weitergeben möchte und sich nur als Dean vorstellt, brummt immer wieder vor sich hin: «This is not who we are» – «Das ist nicht, wer wir sind» und bringt damit ein Gefühl zum Ausdruck, das auch von anderen Trauernden geteilt wird. Auch über dem kleinen Blumenmeer an der Verkehrsinsel befestigt jemand ein aus Karton gebasteltes Schild, auf dem «This is not NZ» steht – «Das ist nicht Neuseeland».

Was Neuseeland wirklich ist, stellt Christchurch an diesem Samstag eindrucksvoll unter Beweis. An der kleinen Gedenkstätte versammeln sich Menschen verschiedenster Herkunft, fast alle von ihnen haben Migrationshintergrund aus Asien, dem Pazifikraum, dem Nahen Osten oder aus Europa, sie alle stellen eine bunte Nation da, die voller Wärme ist im Gedenken an die verstorbenen Muslime.

Sie waren gekommen, um ein besseres Leben zu führen

Am späten Vormittag trifft eine Gruppe von Schülern der Christchurch Boys High School ein, die meisten von ihnen stammen aus Tonga, einem Inselstaat nördlich von Neuseeland. Sie haben eine Gitarre mitgebracht, stellen sich im Kreis auf und singen ein sanftes, ergreifendes Lied in der Sprache der Maori, der Ureinwohner Neuseelands. Der Lehrer stellt sich als Albany Peseta vor, er berichtet davon, wie er gemeinsam mit seinen Schülern gestern gebetet habe, um die Angst zu vertreiben, während die Schule abgeriegelt war.

Mit tränenerstickter Stimme fasst Peseta in einem Satz die Gefühle einer Stadt zusammen, die sich verantwortlich fühlt für die kleine muslimische Gemeinde, die am Freitag attackiert wurde: «Die Menschen, die gestern gestorben sind, und ihre Vorfahren sind nach Neuseeland gekommen, um ein besseres Leben zu haben – genau wie wir alle. Dass sie das nicht durften, bricht mir das Herz.»

Die aktuellsten Entwicklungen und Meldungen zum Anschlag in Christchurch finden Sie in unserem Nachrichten-Ticker zum Thema. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 16.03.2019, 09:25 Uhr

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