«Besessen von Hass» – Trump wütet wieder

Nach dem Mueller-Report sinken Donald Trumps Umfragewerte. Also drischt er auf Demokraten und Medien ein.

Die «New York Times» müsse «in die Knie gehen und um Vergebung betteln», fordert Donald Trump. Foto: Keystone

Die «New York Times» müsse «in die Knie gehen und um Vergebung betteln», fordert Donald Trump. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Sache geht dem Präsidenten offensichtlich an die Nieren: Robert Mueller mag Donald Trump vom Vorwurf einer Verschwörung mit dem Kreml freigesprochen haben, sein Abschlussbericht aber zeichnet ein extrem negatives Bild des Präsidenten. Mit Konsequenzen: Trumps Umfragewerte sind im Keller, die Demokraten quälen sich mit der Impeachment-Frage, und die Medien mit wenigen Ausnahmen wie Fox News überbieten sich in der Verurteilung des Präsidenten.

Besonders erregte den übellaunigen Trump, ein Mann mit einer bekannt kurzen Lunte, die Dienstags-Kolumne des Ökonomen und Nobelpreisträgers Paul Krugman in der «New York Times». Die «Fake News» über Russlands Einmischung seien Mueller zufolge eben nicht «fake» gewesen, schreibt Krugman. Eine «feindselige ausländische Macht» habe in den amerikanischen Wahlkampf 2016 «in der Hoffnung eingegriffen, Donald Trump im Weissen Haus zu installieren».

Trumps Lügen werden elaborierter

Trumps Wahlkampfstab sei dies bewusst gewesen, doch habe man die Hilfe gern angenommen. «Und als er an der Macht war, versuchte Trump, eine Untersuchung dieser Vorgänge zu blockieren», so Krugman weiter. Nichts daran ist falsch, aber diese Wahrheit ist unvereinbar mit dem Lügengeflecht Trumps und seines inneren Zirkels, das seit der Publizierung von Muellers Report mit jedem Tag elaborierter wird. Muellers Ermittlungen hätten mehr Schaden angerichtet als «ein paar Facebook-Anzeigen», die Russland geschaltet habe, verniedlichte beispielsweise Schwiegersohn Jared Kushner am Dienstag den Sachverhalt.

Weil die alarmierenden Tatsachen die Legitimität seiner Präsidentschaft infrage stellen, holte der bedrängte Präsident am Dienstag zum Rundumschlag gegen seine Feinde aus. Vor allem gegen die Medien zog er zu Felde: Krugman sei «besessen von Hass» und habe «wie auch die ‹Times› jegliche Glaubwürdigkeit verloren mit falschen und fehlerhaften Kolumnen über mich», twitterte Trump.

Dann verlangte er von der Zeitung eine Entschuldigung, «wie es schon einmal der Fall war nach der Wahl 2016». Trump lügt: Die «New York Times» hat sich noch niemals bei ihm entschuldigt. Und sie wird gewiss nicht seiner Forderung nachkommen, jetzt sei «eine viel grössere und bessere Entschuldigung am Platz». Denn nun müsse die «New York Times» «in die Knie gehen und um Vergebung betteln – sie ist wahrhaftig ein Feind des Volkes», wütete der Präsident.

So schreibt einer, der die Kontrolle über sich verloren hat. Trump ist ein Mensch mit autokratischen Tendenzen und ein Narzisst, der es nicht verwinden kann, dass ihm trotz einer guten Konjunktur Anerkennung verweigert wird.

«Wenn es in den guten alten Zeiten eine gute Wirtschaftslage gab, war der Präsident im Grossen und Ganzen gegen Kritik immun», beschwert er sich. Zu Unrecht, wie das Beispiel Bill Clintons zeigt: Trotz einer mindestens so guten Konjunktur wie der derzeitigen wurde Clinton 1998 von den Republikanern mit einem Amtsenthebungsverfahren überzogen. Auch Ronald Reagan geriet trotz guter Wirtschaftslage während seiner zweiten Amtszeit ins Kreuzfeuer der Kritik.

Wer so durchgehend die Normen seines Amts verletzt wie Donald Trump und politische Durchstechereien wie die Russland-Affäre betreibt, darf sich nicht über Kritik wundern und hat zudem eine Erklärung für schlechte Umfragewerte. Trump sucht die Schuld dafür natürlich nicht bei sich, sondern bei den Medien. So ging er am Dienstag nicht nur auf die «New York Times» los, sondern auch auf CNN und den ihm besonders kritisch gesonnenen TV-Nachrichtenkanal MSNBC.

Dessen Morgensendung wird vom ehemaligen republikanischen Kongressabgeordneten Joe Scarborough und seiner Partnerin Mika Brzezinski moderiert und erregt seit geraumer Zeit Trumps Ärger. Am Dienstag keilte der frustrierte Präsident wieder einmal gegen Scarborough aus und beleidigte den Moderator als «Psychopathen».

Solche Ausbrüche werden den harten Kern seiner Anhängerschaft entzücken, den Rest der Wählerschaft indes eher befremden. Vom Präsidenten erwartet eine amerikanische Mehrheit noch immer mehr als Wutausbrüche und eitle Selbstbespiegelung. Liberale Medien wie die «New York Times» mögen für Trump und seine Hardcore-Fans Volksfeinde sein, eine amerikanische Mehrheit aber weiss, dass diese Medien nie wertvoller als im Moment waren. Immerhin schauen sie einem gelegentlich gesetzlosen Präsidenten auf die Finger. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 24.04.2019, 14:20 Uhr

Artikel zum Thema

Trump beschwert sich bei Twitter-Chef

Er wollte wissen, warum er plötzlich weniger Follower hat: Der US-Präsident hat Konzernchef Jack Dorsey im Weissen Haus empfangen. Mehr...

«Trump betrügt bei jeder Gelegenheit»

Interview Gestohlene Bälle, bestochene Caddies und ein sagenhaftes Handicap: Was Sportjournalist Rick Reilly über den US-Präsidenten verrät. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!