5 Millionen Klicks gegen die CDU

Ein 26-jähriger Youtuber verfilmt die Wut vieler junger Deutscher auf die Regierungspolitik. Die CDU reagiert mit einer Mischung aus Verachtung, Ratlosigkeit und Angst.

Youtuber Rezo fährt den Etablierten an den Karren – und stösst diese vor den Kopf. Video: Youtube / Rezo ja lol ey

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5 Millionen Deutsche sehen jeden Abend die «Tagesschau» in der ARD, und etwa gleich viele Leute haben mittlerweile den Film angeklickt, in dem ein Youtuber namens Rezo die CDU «zerstört». Da die Union aus CDU und CSU «unser Leben und unsere Zukunft» zerstöre, meint Rezo, zerstöre er nun halt die CDU. Im Youtube-Slang meint das so viel wie: Er macht die Partei argumentativ platt.

Zum Plattmachen fährt der 26-Jährige in 55 Minuten Film «fucking viele Belege» auf: 252 sind es an der Zahl, druckt man die dem Video angefügte Datei aus, hält man am Ende 13 Seiten in der Hand. Studien von renommierten Instituten sind darunter, Statistiken von Regierungen und NGOs, aber auch Artikel aus der Presse. Hunderte Stunden hätten er und sein Team für das Video recherchiert, behauptet Rezo. Auf die Möglichkeit, Werbung zu schalten, hat der professionelle Youtuber dagegen verzichtet. Man hätte ihm sonst bestimmt vorgeworfen, nur auf Kohle aus zu sein.

Rezo reitet in der knappen Stunde in typischem Youtube-Stakkato ohne Punkt und Komma einmal durch die gesamte Politik. Alles dient einer einzigen These: Ob die Schere zwischen Arm und Reich sich öffnet, ob der Klimawandel ungehindert fortschreitet, ob die USA die Welt mit Krieg überziehen, ob Drogen verboten bleiben oder das neue Urheberrecht das Internet zerstört – schuld an allem ist im Wesentlichen die CDU.

Als Empfehlung getarnte Wahlwarnung

Konsequenterweise endet das Video – kurz vor Urnengängen in ganz Europa und vielen deutschen Gemeinden – mit einer als Empfehlung getarnten Wahlwarnung. Es gebe «nur eine legitime Einstellung», sagt Rezo: «Wählt bitte nicht die CDU, wählt bitte nicht die SPD und schon gar nicht die AfD!» Selbst Grüne und Linke seien noch viel zu wenig «krass». Als Alternativen finden immerhin die links-grünen Kleinstparteien Volt, Diem 25 und Ökolinx Erwähnung.

Rezo (ausgesprochen: Riso), ein Wuppertaler, der in Dortmund Informatik studiert hat und in Aachen lebt, ist mit 1,6 Millionen Abonnenten einer der bekannteren deutschen Youtuber. Er verfügt über einen Manager, einen Produktionsleiter und einen eigenen Fanshop. Der junge Veganer und Tierschützer trägt gerne Kapuzenpullis, sein Markenzeichen ist ein Undercut mit einer blau gefärbten Haartolle. Mit Politik hat sich Rezo bisher, abgesehen von der Reform des Urheberrechts, nicht beschäftigt. Seine Clips zeigten vielmehr das szenetypische Gemisch aus Musik, Spielchen, Slapstick und inszeniertem Alltag, das 13-jährige Jungs verlässlich unterhält.

Den Nerv Hunderttausender getroffen

Mit seinem millionenfach geklickten «Empört Euch!» gegen die CDU hat Rezo nun aber offensichtlich einen Nerv getroffen. Seit auch in Deutschland Hunderttausende Schüler und Jugendliche gegen die geltende Klimapolitik auf die Strasse gehen, politisiert sich eine ganze Generation neu. Nicht nur beim Klima, auch in der sozialen Frage oder in der Netz- und Drogenpolitik fühlen sich viele junge Deutsche von der Regierung und den etablierten Parteien nicht ernst genommen. Viele verwandeln ihre Ohnmacht derzeit in Wut – und stellen Forderungen, die oft so radikal sind, dass sie den «Alten» und «Mächtigen» den Angstschweiss auf die Stirn treiben. Der Youtuber Rezo befeuert, so gesehen, nur einen neuen Generationenkonflikt, der ihn selbst weit übersteigt.

«Kommt damit klar, wenn die jungen Leute eure Politik scheisse finden!»Youtuber Rezo

Die reale, das heisst mehrheitlich analog existierende CDU brauchte Tage, um auf Rezos Zerstörungsversuch überhaupt zu reagieren. Erst als Totschweigen beim besten Willen nicht mehr half, ging sie zum Gegenangriff über. Generalsekretär Paul Ziemiak, nur sieben Jahre älter als Rezo, sagte, Vereinfachungen, Propaganda und Beleidigungen gebe es im Netz schon mehr als genug, auf dessen Beitrag habe man also nicht wirklich gewartet. Guter Journalismus sei das auch nicht, aller Belege zum Trotz. Und die CDU werde sich auch in Zukunft davor hüten, «auf komplexe Fragen einfache Antworten zu geben».

Annegret Kramp-Karrenbauer, die neue Vorsitzende der Partei, schimpfte: «Ich habe mich gefragt, ob wir nicht eigentlich auch noch verantwortlich sind für die sieben Plagen, die es damals in Ägypten gab.» Im Einzelnen setzten sich freilich weder sie noch Ziemiak mit Rezos Vorwürfen auseinander – etwa der Frage, warum Deutschland die selbst gesteckten Klimaziele 2020 verpasse.

Junge und Etablierte reden aneinander vorbei

Der Fall des Youtubers zeigt so einmal mehr, wie schwer sich etablierte Parteien (aber auch Medien) damit tun, mit Empörung und politischem Engagement junger Menschen im digitalen Raum umzugehen. Mächtige Politiker oder Parteien wissen oft weder, was sich im Netz politisch zusammenbraut, noch verfügen sie über Kanäle, auf denen sie dasselbe junge Publikum mit ihren eigenen Botschaften erreichen könnten. Viele Politiker in CDU oder SPD sind darob übrigens durchaus alarmiert und fragen sich, ob ihre Parteien die jungen Wähler eigentlich faktisch aufgegeben hätten.

Zur Ratlosigkeit der CDU passte am Donnerstag die neuste Volte wie ein Beleg. Kramp-Karrenbauer hatte am Vortag dem jüngsten direkt gewählten Abgeordneten im Bundestag – Philipp Amthor, 26, aus Mecklenburg-Vorpommern – den Auftrag erteilt, auf Video eine Antwort der CDU an Rezo einzuspielen. Die Replik wurde nicht nur aufgezeichnet, sondern auch breit angekündigt. Doch heute Morgen entschied sich der CDU-Vorstand auf einmal gegen dessen Veröffentlichung, gegen eine «Schlacht der Filmchen» – und schickte stattdessen lieber noch einmal Ziemiak vor die Presse. Der Generalsekretär streckte dem Youtuber dort immerhin virtuell die Hand zum Dialog aus. Auch in einem elfseitigen offenen Brief samt Fact-check auf ihrer Homepage schlug die CDU konziliantere Töne an, verteidigte aber gleichzeitig ihre Sicht der Dinge.

Derweil jubelte Rezo längst darüber, dass sein Video überall in Deutschland von Schülern und Lehrern gemeinsam im Unterricht angeschaut und diskutiert werde. «Ihr sagt doch immer, dass die jungen Leute mehr Politik machen sollen», spricht er gegen Ende seines Films das Establishment direkt an. «Ja, dann kommt auch damit klar, wenn die jungen Leute eure Politik Scheisse finden!»


Video: «Die Zerstörung der CDU» Das gesamte Video von Youtuber Rezo zur Europawahl. Video: Youtube / Rezo ja lol ey



Erstellt: 23.05.2019, 14:32 Uhr

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