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Rasantes Tour-PelotonAusgeruht klettern sie schneller als die Doper

An der Tour de France werden die Pässe in Rekordzeiten bezwungen. Doch dafür gibt es eine durchaus plausible Erklärung.

Der gelbe Schnellzug von Jumbo-Visma lässt die Bestzeiten am Grand Colombier purzeln.
Der gelbe Schnellzug von Jumbo-Visma lässt die Bestzeiten am Grand Colombier purzeln.
Foto: A.S.O./Pauline Ballet

Die Männer mit den Stoppuhren sitzen allzeit bereit, daheim vor ihren Bildschirmen. Führt der Tour-Parcours bergwärts, starten sie ihre Zeitmesser, ziehen dann Vergleiche mit der Vergangenheit. In den vergangenen Tagen brauchten sie viele Ausrufezeichen: Die stärksten Bergfahrer dieser Tour unterboten an den meisten Pässen die bisherigen Bestzeiten. Auch welche, die seit den dopingverseuchten Armstrong-Jahren um den Jahrtausendwechsel Bestand gehabt hatten. «Es ist eine verrückte, verrückte Tour», schrieb einer auf Twitter nach der zweiten Pyrenäenetappe, nachdem die Bestzeit am Col de Marie-Blanque pulverisiert worden war.

Ebenso deutlich war das Verdikt auf der 15. Etappe am Sonntag: Nie bezwangen Radfahrer den Grand Colombier schneller als an diesem Tag. Die alte Bestzeit von Thibaut Pinot unterbot das Spitzenduo Roglic/Pogacar um zwei Minuten.

Diese Fakten kontrastieren mit den Aussagen von Fahrern wie Egan Bernal oder Romain Bardet. Bardet bekannte vor seiner sturzbedingten Aufgabe: «Ich übertreffe persönliche Rekorde, schaffe Leistungen wie noch nie in meiner Karriere. Die Form ist exzellent – nur ist das Niveau auch ultrahoch.» Und Bernal, zwei Tage vor seinem grossen Einbruch: «Wenn ich auf meine Leistungsdaten schaue, gehören die zu meinen besten. Wenn die anderen da stärker sind, kann ich nichts machen.»

«Sie sind frischer – physisch und mental»

Wie geht das zusammen? Die einfachste Erklärung für grosse Radsportleistungen ist stets dieselbe: Doping. Es ist das Totschlagargument. Auszuschliessen ist Doping nie. Doch warum erzielt praktisch jeder Fahrer im Peloton derzeit persönliche Bestwerte?

Fahrer und Trainer sind sich einig: Die Erklärung ist in dieser ausserordentlichen Corona-Saison zu suchen. «Die Fahrer hatten deutlich mehr Zeit, um sich vorzubereiten. Und am besten kann man Leistung im Training vorbereiten», sagt Dan Lorang, Cheftrainer von Bora-Hansgrohe. Sein Kollege Julien Pinot, Trainer bei Groupama-FDJ, argumentiert ähnlich: «Die Fahrer sind viel frischer – physisch, aber auch mental.»

Dazu kommt der in diesem Jahr noch viel grössere Fokus auf die Tour de France. Vor dem Saisonneustart gab es grosse Zweifel. Die Teams stellten sich darauf ein, dass bei einer Verschlechterung der Coronasituation nach der Tour die Saison möglicherweise ganz abgebrochen würde. Entsprechend verteilten sie ihre besten Kräfte nicht auf mehrere Rennen, auf Klassiker, Giro und Tour. Sondern sandten ihre besten acht Fahrer nach Frankreich. «Ich habe schon vor dem Start damit gerechnet, dass die Leistungsdichte höher sein würde», sagt Lorang.

Nicht nur die Leader fahren auf dem besten Niveau ihrer Karriere, sondern das ganze Tour-Peloton. Hier auf der 11. Etappe.
Nicht nur die Leader fahren auf dem besten Niveau ihrer Karriere, sondern das ganze Tour-Peloton. Hier auf der 11. Etappe.
Foto: A.S.O./Charly Lopez

Trotzdem dominiert das Team Jumbo-Visma. «Man muss auch ihr Aufgebot anschauen», sagt Lorang. «Da wurde sicher gut gearbeitet – und gute Fahrer dazugekauft. Wenn man dann alle in ein Rennen packt, kann man so auftrumpfen. Beeindruckend ist es trotzdem.»

Bestwerte erreicht auch Sébastien Reichenbach. Trotzdem muss er die Favoritengruppe meist ziehen lassen, wenn die noch recht gross ist. Ist das frustrierend? «Ja und nein. Auch auf deinem besten Niveau gibt es keine Geschenke.» Immerhin: Bei der 16. Etappe fuhr der Schweizer Meister auf Rang 3.

Drei bis fünf Prozent höhere Leistungen

Lorang erachtet, dass die ausgeruhten und perfekt vorbereiteten Fahrer drei bis fünf Prozent höhere Leistungen bringen. Für diese Ausnahmesaison, muss man anfügen. Kehrt 2021 wieder die Rennnormalität ein, werden sich die Teams a) ihre Kräfte wieder über mehr Rennen verteilen – das ergibt mehr Chancen auf Spitzenresultate – und b) ihre Fahrer öfter starten lassen – sonst wären besonders die Topsaläre nicht zu rechtfertigen.

Es ist also durchaus möglich, dass es die Männer mit den Stoppuhren nächsten Sommer eine ruhigere Tour verbringen werden. Mit weniger Ausrufezeichen.