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Essay von Gerhard Pfister Aus der Gesellschaft eine Gemeinschaft machen

CVP-Präsident Gerhard Pfister hat die neue Biografie von Philipp Etter gelesen, dem konservativen Vordenker und langjährigen Bundesrat. Für Pfister ist Etter nach wie vor höchst aktuell.

Katholischer Familienpatron: Philipp Etter mit sechs seiner insgesamt zehn Kinder.
Katholischer Familienpatron: Philipp Etter mit sechs seiner insgesamt zehn Kinder.
Foto: Staatsarchiv Zug

Bundesrat Philipp Etter war eine widersprüchliche Persönlichkeit, deren historische Würdigung und Beurteilung nicht einfach ist. In einer soeben erschienenen, sehr lesenswerten politischen Biografie beschreibt Thomas Zaugg ihn zurückhaltend, in der Zustimmung ebenso wie in der Kritik seiner Politik.

Er überlässt weitgehend den Lesern, sich ein Bild Etters zu machen. Ich las die Biografie mit der Perspektive, ob sich aus seiner Persönlichkeit und seinem Wirken, seiner Haltung zu seiner Partei, die ihm nie gleichgültig war, etwas herleiten lasse für die Herausforderungen der CVP heute.


Gerhard Pfister ist Präsident der CVP und stammt wie Philipp Etter aus dem Kanton Zug.

Gerhard Pfister ist Präsident der CVP und stammt wie Philipp Etter aus dem Kanton Zug.
Foto: Keystone

Etter prägte und begleitete die Entwicklung der Konservativen Volkspartei (KVP, 19121957), dann der Konservativ-christlichsozialen Volkspartei (KCVP, 19571970) massgeblich. Er war von 1934 bis 1959 Bundesrat. Mit seinem langen Verbleib in der Landesregierung ermöglichte er den über Jahre angelegten Wechsel zur sogenannten Zauberformel 1959, mit der die massgeblichen politischen Kräfte entsprechend ihrer Stärke im Bundesrat vertreten waren.

In der Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre vertrat Etter das Ideal einer christlichen Demokratie, die einen dritten Weg zwischen Sozialismus und Liberalismus, einen berufsständischen Zusammenschluss von Wirtschaft und Gesellschaft bewirken sollte. Etter war dem Neuen gegenüber offener, als man erwarten könnte – oder er wurde es. So verteidigte er ein Werk des Künstlers Heinrich Danioth gegenüber Kritikern, die es als unschweizerische, «bolschewistische» Kunst abtaten.

Bundesrat Philipp Etter 1940 bei einem Spaziergang entlang der Aare.
Bundesrat Philipp Etter 1940 bei einem Spaziergang entlang der Aare.
Foto: Keystone

Etter schwebte die Schweiz um 1939 als eine «Gemeinschaft im Geiste» vor. Seine Rolle während des Zweiten Weltkriegs ist widersprüchlich, sie schwankt zwischen der Sorge um die wirtschaftliche Situation der Schweiz, der Betonung der Neutralität, einer zögerlichen Haltung, wo klare Worte nötig gewesen wären. Etter war ein katholisch-konservativer Politiker par excellence. Aber seine antijüdischen Tendenzen gehören zu seinem problematischen Erbe.

Etter suchte schon früh politische Antworten auf die damaligen drängenden sozialen Fragen jenseits des Kulturkampfes.

Gerhard Pfister

Ein Blick in die Jugendzeit sowohl Etters als auch der CVP ist interessant. Der 21-jährige Etter nahm an der Gründungsversammlung der nationalen KVP im Hotel Union 1912 in Luzern teil. Schon damals war der Parteiname ein kontrovers diskutiertes Thema. Etter befürwortete den Namen «Konservative Volkspartei», statt «Katholische Volkspartei». Er war es leid, von gegnerischer Seite stets «Ultramontanismus und Hyperkatholizität» unterstellt zu bekommen, wie Zaugg schreibt. Etter suchte schon früh politische Antworten auf die damaligen drängenden sozialen Fragen jenseits des Kulturkampfes, jenseits der Konfession.

Überwindung der Skepsis

Dieser Haltung blieb Etter treu. Vielleicht erklärt sich daraus auch ein Grossteil seiner Wandlungsfähigkeit. Die Nachkriegszeit führte zu einem neuen Selbstverständnis der KVP als einer dynamischen Mitte zwischen Links und Rechts, zwischen Sozialismus und Liberalismus, wo der KVP aus einer neokorporativen Haltung heraus eine integrierende Verantwortung zukommen sollte.

Die zunehmende Verstädterung und die Wirtschaftsentwicklung führten zu einem stärkeren Einfluss des christlichsozialen Flügels, was sich 1957 in der Umbenennung zur Konservativ-christlichsozialen Volkspartei auswirkte. Einhergehend mit der zunehmenden Zentrumsausrichtung der Partei vergrösserten sich der Gegensatz und die Konkurrenz zu und mit den Liberalen.

Neben dem machtpolitischen Kalkül, der eigenen Partei in der Mitte die entscheidende Rolle zu geben, war es aber auch dem Erfinder der Zauberformel, Generalsekretär Rosenberg, ein Anliegen, in der Zusammenführung der wichtigsten Kräfte des Landes eine Konsenspolitik anzustreben, wie sie seither einen wesentlichen Pfeiler des politischen Erfolgsmodells Schweiz ausmacht.

Das Cover der neuen Etter-Biografie.
Das Cover der neuen Etter-Biografie.
Foto: PD

Mit der Einführung der Zauberformel 1959 fanden, wie Zaugg schreibt, «zwei traditionelle Konflikte in der Schweiz, der Klassenkampf und der Kulturkampf, ihren symbolischen Abschluss». Der Beitrag Philipp Etters dazu war bedeutend. Nach der erfüllten Ursprungsidee seiner Partei, der Integration der Katholiken in den Bundesstaat, definierte auch Etter den neuen Auftrag der KVP bzw. KCVP als bürgerliche Zentrumspartei, wertkonservativ und sozial, die den Ausgleich anstrebt und pragmatische statt ideologische Politik betreibt.

Etters persönlicher, bemerkenswerter Wandel zu einem modernen bürgerlichen Katholiken mit konservativ-sozialer Tendenz ist auch der Wandel seiner Partei sowie des politischen Katholizismus. «Für viele Katholisch-Konservative war Etter eine Integrationsfigur, mit der sie schrittweise von der althergebrachten Skepsis gegenüber dem grossen, von den Liberalen dominierten Bundesstaat abrücken konnten», schreibt Zaugg.

Öffnung ins Zentrum

Etter begleitete und bestimmte die Entwicklung seiner Partei in ihrem Weg von einer Partei des katholischen Milieus zu einer bürgerlichen, nicht konfessionell geprägten Partei der Mitte. Bereits seine Ablehnung des «Katholisch» im Parteinamen bei der Gründung der KVP zeigte seinen klaren Willen der Öffnung seiner Partei in das politische Zentrum, konfessionsunabhängig. Etter wusste um das «historische Dilemma» seiner Partei «zwischen katholischem Milieu und bürgerlicher Mitte», wie es Historiker Urs Altermatt zum 100-Jahr-Jubiläum der CVP 2012 beschrieb.

Etter war bereit, sein persönliches Glaubensbekenntnis zurückzustellen, eventuell auch seine tiefste und innerste politische Überzeugung, um seiner Partei eine Zukunft zu ermöglichen. In seinen Worten von Ende 1936: «Der Katholizismus hat die Sendung, Hüter der Mitte zu sein. Wir dürfen auch nach Rechts keine Zeloten werden.» Damals beklagte Etter die Tendenz in der liberalen Bundespolitik, die Mehrlasten in der Landesverteidigung durch Einsparungen bei den Sozialleistungen auszugleichen.

Inszeniertes Idyll: Familie Etter in den Sommerferien auf dem Bauernhof in Unterägeri (1938).
Inszeniertes Idyll: Familie Etter in den Sommerferien auf dem Bauernhof in Unterägeri (1938).
Foto: StA Zug

1970 änderte die Konservativ-christlichsoziale Partei ihren Namen in CVP, in «Christlichdemokratische Volkspartei». Wie 1912 und 1957 ging es nicht nur um den Namen, sondern um die zukünftige Ausrichtung der Partei, der die auch von Etter geforderte Öffnung nicht wirklich gelungen war. Etters Haltung zur Erneuerung der CVP 1970 ist in der Biografie nicht thematisiert.

Möglich, dass sich der 79-jährige Etter nicht mehr öffentlich dazu äussern wollte. Ich vermute, dass er auch diese Reform unterstützt haben könnte, so wie er auch, obwohl ein konservativer Mystiker geblieben, die Reformen des Zweiten Vatikanums guthiess.

Einen neuen «New Deal»

Etters politischer Lebenslauf, die Entwicklung seiner politischen Überzeugung und seine Haltung zu seiner Partei zeigen die zentrale politische Rolle der CVP: die bürgerliche Partei der dynamischen Mitte zu sein, die den Zusammenhalt und die Konsenskultur der Schweiz vertritt. So wie Etter als Konservativer den notwendigen Wandel seiner Partei mitgestaltete, ohne die Werte seiner Politik aufzugeben, muss es heute seiner Partei gelingen, sich als bürgerliche Kraft der Mitte auf die Herausforderungen der Gegenwart auszurichten.

Nach 1912, nach 1957 und nach 1970 muss die CVP deshalb heute die nächsten Schritte tun. Sie muss sich weiter öffnen, die Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung aus der Mitte erneuern. Sie muss Hüterin der Mitte bleiben, aus der Gesellschaft eine Gemeinschaft machen, den Zusammenhalt fördern. Denn die westlichen Demokratien brauchen eine Erneuerung von Gesellschaft und Wirtschaft, einen «New Deal».

Etter vertrat bereits zu seiner Zeit moderne Konzepte für eine Politik der Mitte. Diese Politik will eine wertorientierte soziale Marktwirtschaft und eine Gesellschaft, die den Menschen eine politische Bekenntnisidentität ermöglicht, wie sie Etter als «Gemeinschaft im Geiste» vorschwebte. Ein so verstandener «New Deal», eine Politik, die das Gemeinschaftliche im Gesellschaftlichen bildet, ist die nötige, einzigartige und moderne Aufgabe einer Partei der Mitte.

Thomas Zaugg: Bundesrat Philipp Etter (18911977). NZZ Libro, Zürich 2020. 768 S., ca. 50 Fr.