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Frankfurter BuchmesseAuf der Messe, die keine war

Die Hallen sind leer, die Kanäle voll: Eindrücke von einer Veranstaltung, die in Corona-Zeiten überall und nirgends stattfindet.

In Berlin hat der Zürcher Verlag Kein&Aber die Fassade der Schweizer Botschaft mit einer Videoanimation einiger seiner Bücher bestrahlt.
In Berlin hat der Zürcher Verlag Kein&Aber die Fassade der Schweizer Botschaft mit einer Videoanimation einiger seiner Bücher bestrahlt.

Ein Geisterbahnhof – so wirkt die U-Bahn-Station «Festhalle/Messe» in Frankfurt. Normalerweise ergiessen sich an Messetagen die Massen aus den Waggons und strömen in die Hallen, zu ihren Verlagskojen, zu Treffen mit Agenten, Autoren, Buchhändlern, zum Schnuppern, Stöbern, Schlendern. Aber nichts ist normal in Corona-Zeiten, schon gar nicht die – sonst – weltgrösste Veranstaltung der Buchbranche.

Die Messehallen sind leer, keine Bücher, kein Publikum. Einzig in der Festhalle empfängt eine Riesenbühne vor einem noch riesigeren Saal ein paar handverlesene Gäste, zur Eröffnungsfeier, zu den Lesungen und Gesprächen, die die ARD, das erste deutsche Fernsehprogramm, veranstaltet. Da sitzt dann etwa der Schweizer Autor Peter Stamm mit einem Moderator vor einer Kamera, drumherum alles schwarz und leer, ab und zu hört man ein Appläuschen, das wohl von mitleidigen Technikern und Kabelträgern kommt.

Der Tamedia-Reporter ist nicht live dabei, den Zugang hat ihm ein Ordner am Eingang verwehrt, keine Sondererlaubnis, nichts zu machen. Also streamt er die Veranstaltung – Streamen ist ja ohnehin die Kulturtechnik der Stunde. In seinem Hotelzimmer klappt er sein Smartphone auf und hat nun die ARD-Riesenbühne auf seinem Mini-Bildschirm. Strange, wie alles an der «Special Edition», wie die Veranstalter die 2020er-Ausgabe der Frankfurter Buchmesse getauft haben.

David Grossman, israelischer Schriftsteller, ist während seiner Rede bei der Eröffnungsfeier der Frankfurter Buchmesse auf einer LED-Wand zu sehen.
David Grossman, israelischer Schriftsteller, ist während seiner Rede bei der Eröffnungsfeier der Frankfurter Buchmesse auf einer LED-Wand zu sehen.
Foto: Arne Dedert (Keystone)

Digitales Anstossen im Frankfurter Hof

Unwirklich, das Ganze. Man spielt Buchmesse – ohne Bücher, ohne Publikum, mit ein paar «analogen», also realen Lesungen in der Stadt (mit radikal reduziertem Zugang), ansonsten alles digital. Und digital heisst ortlos: Ob die ARD-Bühne in Frankfurt steht oder sonst wo, ist egal. Die Buchmesse könnte überall sein. Tatsächlich sendet der Konkurrenzsender ZDF aus Berlin, das traditionelle «Blaue Sofa» steht in der dortigen Niederlassung des Verlagsgiganten Bertelsmann. Und ebenfalls in Berlin hat der Zürcher Verlag Kein&Aber die Fassade der Schweizer Botschaft mit einer Videoanimation einiger seiner Bücher bestrahlt.

Die Buchmesse im Netz: Sie bietet Fachbesuchern die «Frankfurt Conference» mit Vorträgen und Diskussionen und einem «Matchmaking Tool», einer Geschäfts-Kuppel-Plattform. Aus dem Frankfurter Hof, dem Nobelhotel, wo sonst Promis Hof halten und wo, weniger prominent, aber umso härter, um Lizenzen und Abschlüsse gerungen wird, ist jetzt «The Hof» geworden, eine Art virtuelle Bar. Stösst da jeder vor seinem Smartphone an, einsam im Hotelzimmer oder zu Hause im Büro?

Veranstalter und Verlage tun alles, um aus der Not eine Tugend zu machen. «Hoffnung» lautet das etwas aufdringliche Motto, vom Eröffnungsfestredner David Grossman (aus Israel zugeschaltet) bis zum Buchmesse-Chef Juergen Boos. Die Erfahrungen der «Special Edition» will man für künftige Messen nutzen: Die sollen dann sowohl digital als auch analog stattfinden. In der Doppelspurigkeit liegt ein enormes Verkleinerungs-, also Sparpotenzial. Die Standplätze sind teuer, die Hotelzimmer zu Messezeiten ebenfalls. «Es wird kein back to normal geben», hat Karin Schmidt-Friderichs, die Vorsteherin des Börsenvereins, klargestellt.

Analog mittagessen mit Peter Stamm, telefonieren mit Dorothee Elmiger

Natürlich sind dem TA-Reporter in Frankfurt dann doch noch ein paar analoge Momente gelungen. Im grössten Buchkaufhaus, wo er von einem recht verzweifelten TV-Team interviewt wird («Werden Sie das digitale Angebot der Messe wahrnehmen?»). Bei einem entspannten Mittagessen mit dem wirklichen Peter Stamm. Und, über die gute alte Kulturtechnik des Telefonierens, mit Dorothee Elmiger, Schweizer Nominierte für den Deutschen Buchpreis, die erzählt, wie sie die nervenaufreibende Zeremonie der Preisverleihung erlebt hat: «Es ist nicht die tollste Situation», weil Spannung erzeugt werde für ein Publikum, aber auf Kosten der Autoren. Die empfänden sich als Kollegen, würden aber durch den Preis zu Konkurrenten gemacht. Ihrem Buch hat die Nominierung genützt, aber: «Ich fühle mich am Schreibtisch wohler.»

Freitag und Samstag hat Dorothee Elmiger noch einmal Termine in Frankfurt: Ob sie sie wahrnehmen kann – Frankfurt ist Risikogebiet, der Kanton Zürich inzwischen auch: Das weiss Corona.

2 Kommentare
    EDELSACHSE57

    Wunderbar und wohltuend der Artikel.