Winterthur

Apotheker fordern Hausärzte heraus

Die steigende Zahl an Impfwilligen, die statt der Arztpraxis eine Apotheke aufsuchen, scheint die Apotheker auf den Geschmack gebracht zu haben. Bereits wird die Forderung laut, weitere Impfungen anbieten zu können.

In die Apotheke statt in die Arztpraxis: Immer mehr Leute lassen sich vom Apotheker impfen.

In die Apotheke statt in die Arztpraxis: Immer mehr Leute lassen sich vom Apotheker impfen. Bild: Marc Dahinden

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«Ich bin gebürtige Polin und nun bereits seit 25 Jahren in der Schweiz», sagt Apothekerin Jolanta Raschle von der Oberi-Apo­theke an der Römerstrasse in Win­ter­thur. «Doch was ich nach wie vor nicht verstehe, ist diese ­etwas komische Konkurrenzsituation zu den Ärzten.» Dies habe sie auch wieder gespürt, als im letzten Jahr ein Gesetz in Kraft trat, das den Apothekerinnen und Apothekern mit einer Zusatzausbildung im Impfen erlaube, ihre Kunden direkt in der Apotheke gegen Grippe, Folgen der Zeckenbisse (FSME) und Hepatitis zu impfen.

Konkreter will Raschle hinsichtlich ihrer Kritik an den Ärzten nicht werden. Aber sie betont: «Ich hoffe nun ganz auf die nachfolgende, junge Generation, die den Fokus auf die Zusammenarbeit von Ärzten und Apo­thekern rückt.» Denn dieses Miteinander komme letztlich dem Wohl der ganzen Gesellschaft ­zugute. «Mein Wunsch für die Zukunft ist es, dass Apotheken neben den drei bisherigen Angeboten auch noch andere Impfungen anbieten können.» Ziel sei es nicht, den Ärzten Patienten wegzunehmen, sondern die Impfrate zu erhöhen.

Auch gegen Masern impfen

Lorenz Schmid, Präsident des Zürcher Apothekerverbandes, ist der Ansicht, dass auch Impfungen gegen Masern in der Apotheke sicher seien. Es gebe keinen medizinischen Grund, die Apotheker auszuschliessen. Dabei ­erhält er von eher unerwarteter Seite Schützenhilfe. «Es ist nicht einzusehen, warum nur Hausärzte gegen Masern impfen dürfen», meinte bereits zu Beginn dieses Jahres Jan von Overbeck, Präsident der Vereinigung der Kantonsärzte der Schweiz. «Auch Apotheken müssen die Bewilligung für Masernimpfungen ­erhalten.» Um eine Durchimpfungsrate von 95 Prozent zu ­erreichen, brauche es vor allem «niederschwellige Angebote». Unterstützung in der Frage der Masernimpfung durch Apotheker gibt es zudem auch vonseiten des Präsidenten der Eidgenössischen Impfkommission (siehe Interview unten).

Heute können in 15 der 26 Kantone entsprechend weitergebildete Apotheker Kunden ab 16 Jahren ohne Arztrezept impfen. Dabei sind die Impfungen überwiegend auf Grippe und Zeckenbisse (FSME) sowie die Folgeimpfungen gegen Hepatitis A und B beschränkt. In den Kantonen Neuenburg und Solothurn können Apotheker darüber hinaus auch gegen Masern impfen.

Impfangebot ist gefragt

Dass bereits das heutige Impf­angebot sehr gefragt ist, bestätigen auch mehrere Apotheken in Winterthur. «Wir hatten bereits im letzten Jahr Grippeimpfungen angeboten», sagt beispielsweise Apothekerin Cinzia Vezzu. «Aber in diesem Jahr hat sich die Zahl jener, die sich bei uns in der Bahnhof-Apotheke haben impfen lassen, im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt.»

Eine Verdoppelung der Grippeimpfkunden hat in diesem Jahr auch die Adler-Apotheke am Untertor registriert. «Im laufenden Jahr hatten wir bis zu 300 Grippeimpfungen zu verzeichnen», sagt Apotheker Florian Meier. Als grosses Plus sehen die beiden Apotheken, dass sie im Gegensatz zu den Arztpraxen 365 Tage im Jahr offen haben und dass man sich ohne Voranmeldung und Wartezeit impfen lassen kann.

Im Unterschied zu Jolanta Raschle von der Oberi-Apotheke glaubt Apotheker Florian Meier jedoch nicht, dass ein Kon­kurrenzverhältnis zu den Ärzten besteht. «Meine Ärztekollegen schätzen es, dass Apotheken Grippeimpfungen anbieten.» Zudem sei eine Impfung bei einem Preis von 35 Franken ohnehin nicht kostendeckend, erklärt Meier. «Aber wir sehen die Impfung ja auch in erster Linie als Dienst am Kunden.»

Forderung der Ärzte

Ganz so ungetrübt scheint das Verhältnis zwischen Ärzten und Apothekern aber doch nicht zu sein. Marc Müller, Präsident des Berufsverbandes Haus- und Kinderärzte Schweiz, weiss, warum manche Ärzte Vorbehalte gegenüber den Apothekern hegen. «Ob es genügt, dass die Apothekerinnen und Apotheker einen fünf­tägigen Impflehrgang absolvieren, um sich das nötige Fach­wissen anzueignen, ist unter den Ärzten umstritten.» Er verlangt deshalb, dass «solchen klinischen Tätigkeiten bereits während des Studiums der Apotheker ein fes­ter Platz eingeräumt wird».

Wichtig sei, dass auch in Zukunft ärztliche Tätigkeiten, wie das Impfen eine sei, nur in Absprache und in Zusammenarbeit mit den Ärzten erfolge, sagt Müller. «Andererseits sehen natürlich auch wir, dass aufgrund des medizinischen Fachkräftemangels in Zukunft bestimmte Tätigkeiten in der Grundversorgung auch durch andere medizinische Fachpersonen ausgeführt werden müssen.»

«Zwei Herzen in meiner Brust»

Der Winterthurer Hausarzt Chris­toph Bovet, Präsident des Ärztenetzwerks Wintimed, spürt in Sachen Impfapotheken «zwei Herzen» in seiner Brust schlagen. Im Vordergrund stehe das Wohl des Patienten. Insofern sei es zu begrüssen, wenn die Wege kürzer würden, um eine Impfung zu erhalten. «Dennoch bin ich als Arzt nicht so ganz glücklich, wenn ärztliche Handlungen von Leuten ausgeführt werden, die keine Ärzte sind.» (Der Landbote)

Erstellt: 17.12.2016, 09:43 Uhr

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