Kloten

Ans Tabellenende gespart

2:9 in Bern, 1:5 gegen Ambri-Piotta: Der EHC Kloten hat am Wochenende seinen letzten Tabellenplatz «zementiert» – Eine Analyse zum Klotener Niedergang.

Ernüchterung und Konsternation bei Roman Schlagenhauf (vorne) und den Mitspielern des EHC Kloten.

Ernüchterung und Konsternation bei Roman Schlagenhauf (vorne) und den Mitspielern des EHC Kloten. Bild: Keystone

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Der Ambri-Match war nach dem 2:9 von Bern das Pièce de Résistance: Wenn die Antwort gut ausfallen würde, wäre Bern ein Ausrutscher geworden. Aber sie fiel mit einem 1:5 äusserst schlecht aus. Die Höhe der Niederlage spielte keine Rolle, der Match war nach dem 1:3 (56.) entschieden, die beiden restlichen Treffer waren Zugabe. Und so präsentieren sich die Klotener nach 11 Partien: 9 Niederlagen, 2 Siege, nur gerade 17 Treffer geschossen. Die schöne defensive Bilanz der zugelassenen Tore fiel innert 120 Minuten zusammen wie ein Kartenhaus.

Die einzige Konstante in den Klotener Auftritten in dieser Saison, in der schon mehr als ein Fünftel des Programms absolviert ist: Die Mannschaft erzielt nicht keine, aber viel zu wenig Tore. Das ist alles eine Frage der spielerischen Klasse, der Qualität. Und die fehlt einfach. Oder wie es Trainer Pekka Tirkkonen in dieser veritablen Krise richtig sagt: «Wir können nicht plötzlich, über Nacht, sehr viel mehr Talent mit dem Puck haben.»

Also geht es darum, so schnell wie möglich wieder in das System zu finden, das Kloten in den ersten neun Saisonspielen immerhin in jedem Match die Chance gegeben hat, zu punkten. «Wenn nur einer im Block dem System nicht folgt, dann fällt alles auseinander.» Dann gibt es Stellungsfehler wie vor dem wegweisenden 1:2. «Wir müssen fähig sein, die Dinge, die wir machen sollen, in höherem Tempo auszuführen», sagt Tirkkonen, dem auch aufgefallen ist, wie schlecht die Passqualität geworden ist. Und wie inexistent eine zweite Powerplayformation ist.

Kloten fehlt vieles. Darunter auch mindestens ein Spieler, der mit seiner Physis, seinen Emotionen die andern mitreisst und dem Gegner ein bisschen Respekt abverlangt. Jeder müsste in jedem Match an seinem Optimum spielen. Aber (fast) keiner tut das. Das Vertrauen in das System ist offenbar nicht mehr so gross – deshalb genau passieren dann die gravierenden Fehler, die das Team hilflos aussehen lassen. In solchen Fällen des Misserfolgs sind die Automatismen eigentlich klar: Irgendwann erhält der Trainer vielleicht noch einen zusätzlichen Ausländer, und wenn auch das nicht hilft, ist als Nächstes der Coach der Schuldige. Ständiger Kampf und Krampf gegen Gegner und eigene Unzulänglichkeiten nagen an den Nerven der Spieler und an der Geduld der Führung.

Aber der Klotener Sturz ins sportliche Niemandsland ist doch noch ein bisschen spezieller. Kloten musste in der Neuzeit mehr als einmal um die Zukunft bangen, weil die Besitzer klamm waren oder ausstiegen. Nun muss sich der EHC um seine Zukunft Sorgen machen, weil er sportlich am Boden ist.

Warum nur woll(t)en alle Präsidenten in Kloten, die auf Peter Bossert folgten, ein «Zeichen setzen»? Warum nur hat keiner in erster Linie das sportliche Wohl der Institution Kloten mit seinem Nachwuchs zum Ziel? Jürg Bircher sah nur den sportlichen und persönlichen Erfolg und höhlte dabei die Kasse aus. Philippe Gaydoul zerstörte das Einzige, das in Kloten funktionierte (die sportliche Führung mit dem Trainerduo Eldebrink/Hollenstein und Sportchef Jürg Schawalder) – und musste das teuer bezahlen. Die kanadischen Investoren verärgerten alle mit ihrem Ticketsystem – das kostete sie viel Geld. Und nun setzt Hans-Ueli Lehmann sportliche Perspektiven und Ambitionen völlig ausser Kraft.

Die Mannschaft wurde richtiggehend ans Tabellenende gespart. Sie musste nicht besser, sondern vor allem billiger werden. Unter diesem Aspekt ist es keine Überraschung, wenn sich bisher kein Transfer als Trouvaille entpuppt hat. Morris Trachsler ist in der Rolle als zweiter Center ähnlich torgefährlich wie Drew Shore nun in Zürich – beide haben am neuen Ort noch kein Tor geschossen. Tim Bozon ist vor allem mit sich selbst beschäftigt und weit davon entfernt, die gegnerischen Verteidiger und Torhüter zu beunruhigen. Marc Marchon läuft wie andere mit. Die beiden schwedischen Verteidiger spielen genau so, wie man es von Leuten ihrer Gehaltsklasse erwarten darf.

Hat Präsident Hans-Ueli Lehmann tatsächlich erwartet, dass sein Sportchef Pascal Müller mit diesen Budgetvorgaben erneut und automatisch die nächsten «Diamanten» à la Shore oder Bobby Sanguinetti ausgraben kann? Das war vor einem Jahr ein absoluter Glücksgriff. Lottosechser aber kommen – das wissen alle, die auf einen Gewinn im Glücksspiel hoffen – höchst selten daher.

Die (wenigen) Ausländer oder andere mit Einjahresverträgen wissen, dass sie nach einem Jahr weiterziehen müssen – ausser sie werden noch billiger. Wie soll unter solchen Umständen ein Team im Sinne einer wirklichen Gemeinschaft entstehen? Dass das nicht möglich ist, zeigt das aktuelle Kloten. In dieser Mannschaft spielt jeder für sich, Zusammenarbeit ist die Ausnahme.

Die Liga, die sich dieses Jahr «National League» nennt, hat sich vor Jahren die Rahmenbedingungen gesetzt, nach denen sie spielen will. In diesen Abmachungen sind die vier Ausländer ein wichtiger Bestandteil. Elf Vereine spielen nach diesem Prinzip, ein Team nicht. Wenn die Ausländer dann schon so billig sind, wie Klotens Präsident sagt, warum um alles in der Welt will er dann nicht vier? Diese «Weigerung» und seine Ankündigungen, nächstes Jahr ohne Ausländer spielen zu wollen, sind ganz schlechte Zeichen an das Team. Die kann man nur so interpretieren: Die sportliche Seite ist gar nicht so wichtig.

Doch wer in seinem Schaufenster nur noch zweitklassige Ware ausstellt, der muss sich nicht wundern, wenn die Kundschaft seinen Laden mehr und mehr meidet. Und die Zuschauer eben nicht mehr nach Kloten kommen. So lässt sich der Umsatz in den Restaurants auf jeden Fall nicht steigern.

Mit seiner Politik gefährdet Klotens Präsident zuerst einmal die Position seines Trainers, danach die sportliche Zukunft Klotens (in der NLB hat der EHC keine Zukunft, auch wenn diese Liga inzwischen Swiss League heisst), aber auch die wirtschaftliche Seite. Wer Geld verdienen will, muss halt manchmal auch zuerst etwas investieren. Mehr Zuschauer und Sponsoren kommen so nicht in die Swiss Arena. Lehmann hat vor der Saison von «Leistungskultur» gesprochen, die dominieren soll. Aber er hat dem Team wichtigste Voraussetzungen dafür weggespart. Noch immer will er es nicht mit wenigstens gleich langen Spiessen wie die Konkurrenz antreten lassen. Die Antwort auf das Warum kennt nicht der Wind, sondern nur der Präsident.

Erstellt: 08.10.2017, 21:28 Uhr

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