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Eckart von Hirschhausen im Q&A«Anerkennen, dass man eine Krise hat, und weiteratmen!»

Hilft Humor in der Corona-Krise – und was ist normal im Ausnahmezustand? Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen empfängt zur Sprechstunde.

Eckart von Hirschhausen in Selbstquarantäne bei sich zu Hause, von wo aus er einen Video-Podcast produziert.
Eckart von Hirschhausen in Selbstquarantäne bei sich zu Hause, von wo aus er einen Video-Podcast produziert.
Foto: Marina Weigl

Haben wir Corona zu lange unterschätzt?

Ja, das haben wir in Deutschland. Die Schweiz war da schneller und konsequenter – und das sogar überkantonal. Respekt! Als Bühnenmensch gebe ich auch zu, dass ich zu Anfang die Schliessung der Theater für übertrieben hielt. Gerade weil so viele verschiedene Meldungen und Meinungen kursierten, neigt ja jeder dazu, sich die Berichte herauszusuchen, die einem in den Kram passen. Das ist menschlich, aber einer unserer grössten Denkfehler. Die Psychologen nennen das den «Bestätigungsirrtum». Aber in dieser Sache braucht es mehr aufrechte Haltung, seine Haltung zu ändern, wenn sich die Datenlage ändert. Da ich auch ausgebildeter Wissenschaftsjournalist bin, bewundere ich alle, die ihre eigene Unsicherheit im Erkenntnisprozess kommunizieren und erklären, warum sie ihre Meinung geändert haben. Das macht einen nicht unglaubwürdig, sondern glaubwürdiger als die, die schon immer alles richtig gewusst haben wollen.

Sie haben wiederholt davon gesprochen, dass Tausende deutsche Fachkräfte aus dem Bereich Medizin und Pflege in die Schweiz abgewandert sind.

Meine Zeit als Unterassistent im Bezirksspital Murten hat mich sehr geprägt. In der Pflege gibt es in der Schweiz ein ganz anderes Selbstbewusstsein. Man ist nicht übertrieben gesagt «Handlanger» der Halbgötter, sondern kann viel, was die Ärzte nicht können. Es ist viel attraktiver, so zu arbeiten. Und die Schweiz kann sich leisten, ausländischen Mitarbeitern mehr zu zahlen, weil sie ja die Kosten für die Ausbildung outgesourct hat. Wie immer sehr effizient. Im Ernst: Das Schweizer Gesundheitswesen würde zusammenbrechen ohne die Deutschen. So wie das Deutsche auch davon lebt, dass wir Menschen aus anderen Ländern verpflichten. Aber eigentlich würden die meisten gern dort arbeiten, wo ihre Familien sind. Und dank Corona erkennen wir endlich an, wie «systemrelevant» viele Berufe sind, die wir lange geringgeschätzt und totgespart haben.

Was müsste sich ändern?

Viel! Die Ausbildung, die Wertschätzung, die Bezahlung, die Vereinbarkeit mit der Familie, die Möglichkeiten der Weiterbildung und Karriere, die Akademisierung, die politische Lobbyarbeit mit einer verbindlichen Bundespflegekammer – die Liste ist lang. «Pflegenotstand» sollte mehr als ein betriebs- und volkswirtschaftliches Phänomen sein. In Wahrheit geht es um unseren Begriff vom guten Leben und den Kern unserer Humanität. Keiner hat sich selber geboren. Und niemand möchte allein sterben. Mit meiner Stiftung «Humor hilft heilen» – dem deutschen Pendant zur Foundation Theodora habe ich seit vielen Jahren Ausbildungsmodelle und Workshops finanziertspeziell für Pflegeteams und Pflegeschüler. Da geht es um Resilienz, sprich: Seelenhygiene. Denn die ist genauso wichtig wie Händewaschen. Wir vermitteln humorvolle Übungen zu Selbstwahrnehmung, Kommunikation, Achtsamkeit und Persönlichkeitsbildung – lauter Themen, die jeder mittelmässige Manager inzwischen kennt, die aber in den Gesundheitsberufen längst nicht etabliertes Wissen sind.

Und wie verhindern wir zukünftig einen verschärften internationalen Wettbewerb ums Pflegepersonal, den es heute offensichtlich schon gibt?

Mehr Gesundheitskompetenz in die Allgemeinheit! Die grösste Gruppe im Gesundheitswesen ist unsichtbar: die pflegenden Angehörigen. Was sie jeden Tag ungelernt und unbezahlt tun, ist ein Vielfaches von dem wert, was die Pflegekassen überhaupt an Geld haben. Und der Bedarf steigt rapide durch unsere gestiegene Lebenserwartung. Auch hier würde ich gern von der Schweiz lernen, die in jedem Bürger einen «Reservisten» sieht. Wo ist unsere «Pflegereserve»? In Deutschland ist der Wehrdienst abgeschafft, aber damit leider auch der Zivildienst. Früher haben viele junge Menschen über die konkrete Arbeit in den Krankenhäusern, Altenheimen, Behindertenwerkstätten Kontakt mit anderen sozialen Welten bekommen, neue Talente an sich entdeckt und viel fürs Leben gelernt. Dieser Kontakt hält eine Gesellschaft zusammen. Mein Vorschlag wäre: Jeder macht nach der Schule ein Jahr für die Gemeinschaft, bekommt dafür zum Beispiel das Zertifikat «Pflegehelfer». In Krisen gäbe es dann viele, auf deren Grundwissen wir zurückgreifen könnten. Und die demografische Krise und die ökologische kommen ja erst noch.

Wer es nicht mehr aushält, kann bei seinem Spaziergang ja auch einmal einen Baum umarmen. Aber bitte nicht alle denselben.»

Eckart von Hirschhausen, Arzt und Humorist

Sie raten in der jetzigen Krise zur «radikalen Akzeptanz». Was ist damit gemeint?

Je mehr psychische Energie wir damit vertrödeln, der Realität vorzuwerfen, dass wir uns das Ganze anders vorgestellt haben, desto anstrengender wird es. Und umso weniger Energie bleibt für die konstruktive Gestaltung dieser Ausnahmesituation. Ich war ja letztes Jahr für eine ARD-Doku drei Tage im Knast. Und ich war privat schon mal über zehn Tage in einem Schweigekloster. Die Einrichtung der Zellen ist sehr ähnlich. Bett, Stuhl, Tisch, fertig. Einmal ist es Zwang, einmal selbst gewählt. Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich, aber vielleicht hilft dieses Bild, sich in seiner Haltung zu entscheiden: Ich bleibe jetzt zu Hause – nicht weil ich dazu verdonnert werde, sondern weil ich es will. Ich bin freiwillig zu Hause, weil ich das für sinnvoll halte und ich damit andere Menschen schütze. Und ich versuche, das Beste daraus zu machen. Denn wenn wir uns alle daran halten, geht die Krise schneller vorbei. Wir können damit Ärzten, Pflegekräften und vielen anderen Mitmenschen, die gerade unter maximalem Einsatz den Laden am Laufen halten, helfen, nicht in die totale Überlastung zu kommen. Und wir geben den Wissenschaftlern Zeit, Medikamente und Impfstoffe zu entwickeln. Soziale Distanz ist nicht toll, aber das Beste, was wir gerade tun können. Und wenn wir draussen auf andere Menschen treffen: Maske auf. Warum auch selbst gebastelte Masken besser sind als nichts, erkläre ich ausführlich in meinem Youtube-Kanal.

Möglichst viel Bewegung, gesunde Ernährung, genügend Schlaf: Was kann ich noch tun, damit ich nicht den Corona-Koller bekomme?

Wichtig: Nicht den ganzen Tag Nachrichten schauen. Sich gezielt mit der Lage beschäftigen und dann genauso gezielt auch wieder gar nicht. Die meisten Menschen können Krisen besser wegstecken, als sie selber gedacht hätten. Zwei Dinge helfen grundsätzlich in Krisen: Anerkennen, dass man eine hat, und weiteratmen! Ich habe früher schon Kurse zu Achtsamkeitstraining gemacht, Zeit, das wieder anzuwenden. Meine Frau hatte sich ewig vorgenommen, mit Yoga anzufangen, jetzt macht sie jeden Morgen einen Onlinekurs und ist gut drauf. Und für alle, die das noch nicht kennen: Es kursiert im Netz ein Video, in dem bringt ein Brasilianer puppenlustig einem bei, wie man den Küchenfussboden mit einem Spritzer Spülmittel zum Laufband verwandelt. Also: Verlieren Sie den Humor nicht! Und entdecken Sie, welches solidarische und kreative Potenzial die Krise auch hervorbringt. Ich staune jeden Tag über die Aktivität von vielen Künstlern, Komikern, Autoren und auch über die Vielfalt von Aktionen der Solidarität. Viele Kollegen lassen sich viel einfallen, um Konzerte online zu vernetzen, Kabarettsendungen zu retten, und das alles ohne Publikum vor Ort. Und Zeit, sich das alles anzuschauen und anzuhören, hat man jetzt ja auch genug, oder? (lacht)

Das heisst, Sie sehen in der Krise auch eine Chance?

Corona ist etwas gelungen, was vorher als undenkbar galt: Die Emissionen sind gesunken! Gesunde Menschen gibt es nur auf einer gesunden Erde. Und das kapieren immer mehr, dass das Tempo von Wachstum, Ressourcenverbrauch und persönlichem Hamsterrad eh tödlich war und wir alle durch das Virus gezwungen endlich überlegen: Wie wollen wir denn miteinander leben? Und wie erholt sich die Erde von uns? Der Grund, warum immer wieder Viren von Wildtieren auf Menschen übertragen werden, ist der brutale Rückgang ihrer natürlichen Lebensräume. Und dann werden sie noch gegessen und gehandelt.

Wildtiermärkte gehören verboten?

Sofort! Vor 10000 Jahren hatten Menschen global einen Gewichtsanteil von einem und Wildtiere von 99 Prozent. Heute besteht die Biomasse der Wirbeltiere zu 32 Prozent aus Menschen, zu 67 Prozent aus Nutztieren und nur noch zu einem Prozent aus Wildtieren. Das ist und macht krank. Wir haben Gesundheit viel zu lange als etwas Individuelles betrachtet, jeder ist für sich selber verantwortlich, und für jede Krankheit gibt es eine Behandlung. Corona erinnert uns an den Stellenwert von «Public Health», an Gesundheitsgefahren, für die es übergeordnete Lösungen braucht. Laut WHO sterben jährlich 8,8 Millionen Menschen an Luftverschmutzung, darüber regt sich bislang keiner auf. Aber plötzlich ist in China die Luft sauberer, und wir können sehen, wie schön viele Städte ohne dichten Autoverkehr sind – daran könnte man sich doch glatt gewöhnen. Die grösste Gesundheitsgefahr ist und bleibt die Klimakrise, die Zerstörung unserer Mitwelt, die sich an vielen Stellen rächt, durch eine Zunahme von Infektionskrankheiten, von Allergien, von Hitze, Dürre und Waldbränden. Darüber redet gerade keiner mehr, dabei hängen die Krisen eng zusammen. Und meine grosse Hoffnung ist, dass wir nach der Krise neu darüber nachdenken, welche Art von Wachstum wir denn wieder «ankurbeln» wollen. Wenn uns das Überleben Einzelner heute befähigt, unseren Lebensstil zu ändern, sollte das nicht auch für das Überleben der Menschheit gelten?

Homeoffice, Homeschooling: Vieles ist nun neu und kann uns kurzfristig über den Kopf wachsen. Was ist noch normal in einer solchen Ausnahmesituation?

Keine Frage, für viele Leute ist das extremer Stress! Ich habe dazu mit Professor Klaus Lieb gesprochen, der das Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz leitet. Er ist als Psychiater sehr besorgt um die seelische Gesundheit in Quarantäne. Wir haben viele Menschen, die sowieso schon an Vereinsamung, an Depressionen und an Sucht leiden. Nach der Finanzkrise gab es eine Zunahme an Suiziden. Viele fürchten auch eine neue Welle von häuslicher Gewalt, wenn Existenzängste einen verzweifeln lassen. Gerade weil momentan unklar ist, wie lange der Zustand andauert und was aus vielen Freiberuflern wird, ist das schwer auszuhalten. Wichtig: Sich in akuten Krisen professionelle Hilfe holen, etwa bei der Telefonseelsorge und bei den Fachleuten in der Psychiatrie.

Wir lassen unsere Kinder über die Webcam mit ihren Grosseltern chatten und verabreden uns fürs Feierabendbier via Videokonferenz. Kann das ein Ersatz sein für unsere bisherigen sozialen Kontakte?

Auf Dauer kann und wird das natürlich kein Ersatz sein, aber «Social Distancing» ist vorerst das Gebot der Stunde. Wobei ich «Social Distancing» für einen selten unglücklichen Begriff halte. Es geht ja nicht um soziale oder emotionale Distanz, sondern um körperliche. Und bis wir uns wieder gegenseitig in den Arm nehmen können, müssen wir Abstand halten, auch wenn uns das als soziale Wesen sehr schwerfällt. Wer es nicht mehr aushält, kann bei seinem Spaziergang ja auch einmal einen Baum umarmen. Aber bitte nicht alle denselben. Man kann gerade nicht alles richtig machen – aber viel.

Medizinisch nutzlos, aber lustig: Eckart von Hirschhausen mit gehäkeltem Mundschutz.
Medizinisch nutzlos, aber lustig: Eckart von Hirschhausen mit gehäkeltem Mundschutz.
Marina Weigl

Was können Angehörige der Risikogruppen tun, um ihre Situation zu verbessern?

Sich nicht anstecken. Das ist schwer, wenn man zum Beispiel auf externe Hilfe angewiesen ist. Aber gerade Ältere halten sich im Moment weniger an die Abstandsregeln, wollen bei der Kinderbetreuung helfen oder suchen im Supermarkt sozialen Kontakt. Eine Freundin erzählte mir, wie ihre 80-jährige Mutter jetzt für sich die Videotelefonie auf ihrem Smartphone entdeckt hat. Aber aus alter Gewohnheit hält sie sich das dann doch wieder ans Ohr, was für das Kamerabild eher ungünstig ist. Und so telefonieren sie dann Face to Ear. Auch gut.

Ist es gesund, über das Virus zu lachen, oder gibt es da Grenzen?

Von Karl Valentin stammt der weise Satz: Wenn es regnet, freue ich mich. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch. Humor ist überhaupt nichts Oberflächliches, wie oft gedacht wird, sondern das tiefe Einverständnis mit der Widersprüchlichkeit, der Absurdität und dem unauflösbaren Rätsel unserer Existenz. Der Humor wurde uns geschenkt als Ausweg und Trost, damit wir über Dinge, die wir nicht ändern können, nicht verrückt werden oder verzweifeln. Das brauchen wir gerade mehr denn je. Als Komiker finde ich, dass es keine Themen gibt, über die man nicht lachen oder Witze machen darf. Es gibt einen feinen Unterschied zwischen «mit» jemandem lachen oder «über» jemanden, eingrenzen und ausgrenzen. Harald Schmidt hat einmal sehr klug bemerkt: Wenn man keine Behindertenwitze erzählt, grenzt man sie erst recht aus. Und Tucholsky sagt: Satire darf alles. Ich würde ergänzen: nur nicht langweilen.

Haben Sie einen Lieblingswitz zu Corona?

Ja, hier ist er: «Wenn die Quarantäne vorbei ist, mache ich mir erst mal ein paar ruhige Tage zu Hause!»

1 Kommentar
    Thomas Luchsinger

    Mir ist vor einigen Tagen aufgefallen, dass mir nicht so sehr das alltägliche Gequatsche, Geklöne und Geläster fehlt, dazu gibt es die Kommentare bei tagi-online. Mir fehlt das Lachen. Die Forschung hat festgestellt, dass Kinder etwa 200 mal pro Tag Lachen. Und Sie, die Leser? Wie oft haben Sie gestern gelacht? Wie oft lachten Sie im Alltag vor covid-19? Wenn die Knilchen - meine Grossneffen - bei oder mit mir sind, ist es immer lustig. Die Nachbarn stören sich keineswegs am Lärm, sie sagen, sie hätten die Buben immer lachen gehört. Als wir (meine Schwestern und ich) klein waren, hatten wir kein Wort für gemeinsamen Spass, Humor oder ähnlich: wir forderten die Grossmutter auf, "sie solle lustig machen". Eine Freundin von mir fragte ihren Enkel, was denn "alt" sei, dann sagte er "lustig". Und mir ist jetzt gerade nach weit über 60 sechzig Jahren in Erinnerung an meine liebe Grossmutter eingefallen, dass ich als etwa Dreijähriger, wenn sich die Grossmutter in der Küche wusch, ihren Busen "Chäsbüggel" nannte. Busen oder Brust hatte ich nicht und kannte ich nicht, Käse kannte ich und Büggel auch!! Dann lachte die Grossmutter, und jetzt vielleicht einige Leser/innen auch. Allen Lesern eine gute Zeit und den ü-65 nebst etwas täglichem Lachen :-) :-) eine gute Gesundheit wünscht lu