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Unabhängigkeitstag in den USAWeltmacht in Trümmern

Die Corona-Epidemie ist ausser Kontrolle, die Wirtschaft am Boden, die gesellschaftliche Stimmung historisch schlecht: Amerika zahlt den Preis für Trumps Präsidentschaft.

Bilder von Trumps Präsidentschaft: Während die Corona-Pandemie die USA aufwühlt, lässt sich der Präsident vergnügt im Weissen Haus ablichten. (2. Juli 2020)
Bilder von Trumps Präsidentschaft: Während die Corona-Pandemie die USA aufwühlt, lässt sich der Präsident vergnügt im Weissen Haus ablichten. (2. Juli 2020)
Reuters/Tom Brenner

Am 4. Juli begehen die Amerikaner den Independence Day, den 244. Unabhängigkeitstag ihrer Geschichte. Donald Trump wird vom Rasen des Weissen Hauses aus zuschauen, wie die von ihm bestellten Kampfjets über seinen Kopf donnern. Danach wird der Präsident das traditionelle Feuerwerk beklatschen, das über der National Mall gezündet wird, laut seinem Innenminister ist es «das grösste der jüngeren Geschichte».

Doch historisch bedeutsam ist in diesen Tagen nicht die Anzahl der Raketen am Nachthimmel von Washington, sondern vielmehr das Ausmass an Unzufriedenheit, Wut und Angst, die sich im ganzen Land breitmachen. Zu feiern gibt es an diesem 4. Juli nichts. Nicht für die Vereinigten Staaten – und nicht für Trump.

Eine Schneise der Zerstörung

Das Coronavirus ist ausser Kontrolle geraten. Erstmals seit Beginn der Pandemie verzeichneten die USA zuletzt mehr als 55’000 bestätigte Neuinfektionen pro Tag. In 36 von 50 Bundesstaaten steigt die Zahl der neuen Fälle an, alleine in Florida waren es zuletzt mehr als 10’000 Infektionen pro Tag. 130’000 Menschen sind an den Folgen des Virus bereits gestorben.

Eine Reihe von Bundesstaaten musste deshalb die Lockerung von Corona-Einschränkungen zurücknehmen. Selbst in Texas, wo viele Menschen in jeder neuen Verkehrsregel einen Schritt in die Knechtschaft sehen, hat der Gouverneur nun eine Maskenpflicht angeordnet.

Gerade mal 17 Prozent der Amerikaner sind heute stolz auf ihr Land.

Eine Schneise der Zerstörung, die das Virus durch die grösste Volkswirtschaft der Welt zieht, ist breit. Zwar sank die Arbeitslosigkeit von 13,3 Prozent im Mai auf 11,1 Prozent im Juni. Doch erhoben wurden diese Zahlen just wenige Tage vor dem drastischen Anstieg der Corona-Fälle.

Viele Amerikaner werden ohnehin erst im Sommer richtig spüren, was die Wirtschaftskrise für sie bedeutet. Die im Frühling beschlossenen Zuschüsse zum Arbeitslosengeld sind auf Ende Juli befristet. Bereits am 1. Juli liefen vielerorts Räumungsstopps aus, die Mieter davor schützten, bei verpasster Mietzahlung auf die Strasse gestellt zu werden. Noch mehr Amerikaner drohen obdachlos zu werden.

Ein anderes Land als 2016

Trump träumt von einem fulminanten Comeback der Konjunktur im dritten Quartal – doch solange sich das Virus weiter ausbreitet, ist die Wahrscheinlichkeit grösser, dass sich die ökonomische und soziale Krise verschärft. Was dies für die langfristige Gestalt der US-Wirtschaft bedeutet, was es mit der Rolle Amerikas in der Welt macht, das lässt sich zurzeit nur erahnen.

Ziemlich klar ist dagegen, wie die Misere den Blick der Amerikaner auf ihr Land verändert. Nach einer aktuellen Umfrage des Pew-Instituts sind fast neun von zehn Amerikanern unzufrieden über den Zustand der USA. 71 Prozent sind wütend, 66 Prozent haben Angst. Gerade mal 17 Prozent sind noch stolz auf ihr Land. Happy 4th of July.

Für einen amtierenden Präsidenten sind solche Zahlen verheerend. Es ist nicht nur seine Bewältigung der Pandemie, welche die Wähler im Herbst beurteilen werden, sondern auch die Art und Weise, wie er sich zu den Anti-Rassismus-Protesten verhält.

Am gleichen Wochenende, an dem der erzkonservative Bundesstaat Mississippi seine mit einem Konföderierten-Kreuz versehene Flagge abschaffte, vertwitterte Trump ein Video mit rassistischen Parolen. Das mag 2016 funktioniert haben, doch 2020 sind die USA ein anderes Land.

Plötzlich die vermeintliche Gewissheit

Die Umfragen zeigen denn auch ein deutliches Bild: Donald Trump fällt exakt vier Monate vor dem Wahltag hinter seinen demokratischen Herausforderer Joe Biden zurück. Durchschnittlich zehn Prozentpunkte beträgt der Abstand auf nationaler Ebene. Auch in den wenigen Bundesstaaten, die für den Ausgang der Wahl entscheidend sind, ist Trumps Rückstand durchs Band beträchtlich.

Besucher des Mount-Rushmore-Nationalparks in South Dakota, wo Donald Trump am Feiertagswochenende einen von zwei Auftritten hält.
Besucher des Mount-Rushmore-Nationalparks in South Dakota, wo Donald Trump am Feiertagswochenende einen von zwei Auftritten hält.
Foto: Keystone

Viele Kommentatoren haben ihre Zurückhaltung abgelegt, die Erinnerung an 2016, als alle schon Hillary Clinton zur Siegerin ausgerufen hatten, scheint verdrängt. Stattdessen macht sich strahlende Gewissheit breit: «Trumps Präsidentschaft ist am Ende», erklärte Robert Reich, der frühere Arbeitsminister von Bill Clinton. Der «Guardian» ätzt: «Trump wirkte noch nie so erbärmlich. Ein Geruch der Niederlage umweht ihn.» Und die «New York Times» setzte nur noch pro forma ein Fragezeichen, als sie titelte: «Ist Trump erledigt?»

Der deprimierte Präsident

Es sind aber nicht mehr nur die üblichen Trump-Gegner, die das so sehen. Auch in konservativen Kreisen klingt es zunehmend ähnlich. Anonyme Mitarbeiter geben gegenüber Journalisten zu Protokoll, der Präsident sei «verzweifelt» und «deprimiert» über seine Aussichten.

Laut der «New York Times» sollen Trumps Vertraute ihn dazu gedrängt haben, seinen Wahlkampf neu auszurichten, um eine Niederlage noch abzuwenden. Die Republikaner fürchten inzwischen sogar um ihre Mehrheit im Senat, falls die Wähler Trump abstrafen.

Noch bleibt Trump Zeit, das Blatt zu wenden. Doch wenn sich nicht etwas Dramatisches ändert, werden viele Amerikaner am 3. November einen neuen Independence Day feiern: die Befreiung von Trump.